Aus der Amazon.de-Redaktion
Dort ziehen neben Miriam, Micha und dessen Clique eine subversive Existentialistin, dubiose Schallplattenhändler, ein angstbesetzter Westonkel und lästige Staatsdiener ihre Kreise; dort wird man zu linientreuen Diskussionsbeiträgen verdonnert, hört verbotene Songs und bewerkstelligt mit Asthma-Medikamenten astreine Drogen-Exzesse. Mit anderen -- nämlich Michas -- Worten: "Es war von vorn bis hinten zum Kotzen, aber wir haben uns prächtig amüsiert".
Und prächtiges Amüsement stellte sich auch auf seiten der Rezensentin ein: Wie schon in seinem Erfolgsroman Helden wie wir erweist sich Thomas Brussig als begnadeter Komiker; treibt er Personal und Ereignisse in eine schrille Groteske. Bei alledem aber klingt der Ton in den Geschichten vom kürzeren Ende der Sonnenallee leiser: Brussigs Ost-Topographie kommt -- zehn Jahre nach dem Mauerfall -- trotz aller Schrägheit, nicht unzärtlich daher.
Übrigens will der Autor sein Werk keinesfalls als "Buch zum Film" verstanden wissen. Zwar basiert es auf dem preisgekrönten Sonnenallee-Drehbuch, das er gemeinsam mit dem Regisseur Leander Haußmann verfaßte. Aber die cineastische Mauerkomödie erlebte an Brussigs Schreibtisch noch einmal die eine oder andere Akzentverschiebung und wurde um etliche Episoden reicher. --Christine Wahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Zürcher Zeitung
Thomas Brussigs albern-versöhnliche «Mauerkomödie»
«Die Ostzeiten waren ein einziges Schützenfest, bei dem jeder Schuss nach hinten losging.» Vater Kuppisch, Strassenbahnfahrer in Ostberlin
und dort «am kürzeren Ende der Sonnenallee» wohnend, macht gegen Schluss von Thomas Brussigs ebenso betiteltem Roman aus der Misere des deutschen «Arbeiter- und Bauernstaates» namens DDR eine effektvolle Krach- und Lachnummer. Auch Michael, sein heftig pubertierender Sohn, gewinnt der nach sowjetischem Pleitemuster dahinmurksenden Diktatur des Proletariats nur komische Seiten ab, wenn er mit der Schnoddrigkeit seiner Generation befindet: «Mensch, was haben wir Luft bewegt. Es wäre ewig so weitergegangen. Es war von vorn bis hinten zum Kotzen, aber wir haben uns prächtig amüsiert.»
«Wir», das ist eine meist kreuzfidele Schülerclique von halbwüchsigen «Zonis». Ein bisschen angepasst und ein bisschen aufmüpfelnd zugleich, stromern sie in ihrer Freizeit durch Treptow. Genauer: über die kleine, östliche Meile einer breiten Strasse, die sich erst kilometerlang durch das Westberliner Arbeiterviertel Neukölln zieht und damit durch angeblich «revanchistisch»-feindliches Gebiet. Getrennt werden die beiden ungleichen Hälften dieser «Sonnenallee» kraft dessen, was die ideologischen Schaumschläger von Ulbricht und Honecker in ihrem volksverdummenden Jargon so zynisch euphemistisch den «antifaschistischen Schutzwall» nannten.
In Brussigs abgeschmackter Romangroteske nun, die der Autor selbst als «eine Art Mauerkomödie» verstanden wissen will, hat sich der Todeswall längst zur Alltagskulisse abgeschliffen. Vor der ziehen seine Romanfiguren dann zum Gaudi der auf den Aussichtsplattformen «Ossis» guckenden «Wessis» nach Knallchargen-Manier schrille Hanswurstiaden ab, die die Peinlichkeitsgrenze oft weit überschreiten.
Auch zu Hause, in der Schule und in der Tanzstunde ist mehr oder minder turbulente Komik angesagt. Fast alle sind ja so nett zueinander in diesem kommunistischen Satelliten-Zwinger, der bei dem 34jährigen Brussig eher als eine biedere Juxbude erscheint. Ein wenig jugendliche Vitalität und ein bisschen evasive Phantasie genügen da schon, um linientreue Genossen und blockwartähnliche Schranzen des totalen Überwachungsstaats in die Amüsierlaune des humoristisch anspruchslosen deutschen Spiessers zu verschaukeln.
Die Teichoskopie des ehemaligen Möbelpackers, Museumswärters und Hotelportiers Thomas Brussig kommt dem leider inzwischen gesamtdeutschen Unwillen zu redlicher Vergangenheitsbewältigung sehr entgegen. Der grosse Publikumserfolg von Leander Haussmanns derzeit die Kassen füllenden Klamaukfilm «Sonnenallee», dessen Drehbuch Brussig hier zum Roman hochfrisiert hat, bestätigt auf beklemmende Weise, wie stark in der neuen «Berliner Republik» das fatale Bedürfnis nach «Friedensangeboten an die DDR-Vergangenheit» ist. Und genau in diesem Sinn hat der am Alexanderplatz aufgewachsene Autor seinen dritten Roman zurechtgeschönt. Schliesslich spricht er für ein träges Kollektiv, wenn er es «fast für ausgeschlossen» hält, «dass es noch einmal zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit der DDR kommen wird».
Also serviert Brussig das Gewünschte: Pennäler-Ulk samt schmalziger Debütanten-Erotik im possierlichen Puppenstubengehege ostzonaler Plattenbauten. In deren «volkseigenen» Wohnzellen darf zwischen blässlichen Tapeten und mickrigen Zimmerlinden auf den genormten DDR-Einheitssofas so richtig gekalauert und gefeixt werden immer mit dem Rücken zur (Schrank-)Wand, versteht sich. Wird doch im Nachbarn schnell der Stasi-Mann gewittert, was so fernliegend wahrhaftig nicht war. Aber zu «operierender Kontaktaufnahme» mit «verdächtigen Elementen» so der Auftrag des Regimes an seine Spitzel lässt es der Versöhnungsakrobat Brussig vorsichtshalber gar nicht erst kommen. Wollte er doch «etwas Krampflösendes» schreiben. Einen harmlosen Spass darüber, wie heute, angeblich, «die DDR erinnert wird».
Weniger stereotyp und schon gar nicht als farcenhafte Picaros hat Thomas Brussig hier die Erwachsenen gezeichnet. Knapp und scharf umrissen setzen sie überzeugende Kontrapunkte zur Dauerblödelei der Jungen. Sie lassen ahnen, welch zubeissender Satiriker Brussig sein könnte. Obwohl nur in Nebenrollen zugelassen, sind Vater und Mutter Kuppisch beeindruckend exemplarische Gestalten des einfach nur mal klammheimlich angedachten Widerstands einerseits und leicht hysterischer Systembeflissenheit andererseits. Natürlich will Michas friedfertiger Erzeuger am Ende nicht zu den Mitläufern gerechnet werden. Aber die oftmals von ihm in Aussicht gestellte «Eingabe» an die, ohnehin ominöse, volksdemokratische «Schlichtungsinstanz» in Sachen Machtmissbrauch hat er natürlich nie gemacht.
Doch die penible Biederkeit, die sich unwürdiger Verstellungstaktik bedient, ist keineswegs nur ein Charakteristikum der «Ossis». Das belegt Onkel Heinz aus Westberlin. Was der nämlich bei seinen Besuchen im Osten als heldenhaft Geschmuggeltes anschleppt, gehört ohnehin zum Erlaubten. Und damit trifft Thomas Brussig einen ganz wunden Punkt mutloser deutsch-deutscher Anpassung. Nicht nur die im Osten traten leise auf, wenn sie die Uniform eines Volkspolizisten sahen. Auch viele Westdeutsche waren um Unauffälligkeit bemüht, wenn sie sich den Opfergang zu ihren «Brüdern und Schwestern» in der «Zone» auferlegten.
Vielleicht schreibt Thomas Brussig, des Medienrummels der deutsch-deutschen Verdränger überdrüssig, doch noch ein Buch, in dem sich die Menschen nicht dauernd in die Tasche lügen. Das Zeug hätte er dazu.
Ute Stempel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Mit skurrilem Witz erzählt Tomas Bussig von seiner Generation, die auf dem Sprung ins vereinte Land gewesen ist, ohne den Absprung auch nur zu ahnen. Wehmut kommt nur auf, weil es die frühe Jugend war; sich diese nicht nehmen zu lassen ist Brussigs vehementer Anspruch.Thomas Brussig, 1965 in Berlin geboren, wuchs im Ostteil der Stadt auf und arbeitete nach dem Abitur u.a. als Möbelträger, Museumspförtner und Hotelportier. Er studierte Soziologie und Dramaturgie und debütierte 1991 unter Pseudonym mit einem Roman. 1996 erschien sein in zahlreiche Sprachen übersetzter und auch als Bühnenfassung erfolgreicher Roman "Helden wie wir". 1999 erhielt er - zusammen mit Leander Haußmann - den Drehbuchpreis der Bundesregierung.
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