Tom Schimmeck ziert sich nicht. Knallhart rechnet er ab mit den Machenschaften im Journalismus, die die öffentliche Meinung oft gezielt vom Kurs abbringen um ansonsten vielleicht offensichtliche Fakten zu verschleiern. Kapitelweise klappert er die halsbrecherischen Baustellen der Medienlandschaft ab und setzt sie in Relation zur heutigen Gesellschaft und ihren Themen - Politik und Wirtschaft sind ebenso vertreten wie die nicht enden wollende Boulevardisierung von allerlei Angelegenheiten.
Schimmeck beschreibt Berlin zwar als die "neue" Hauptstadt, es ist aber immer noch kein Zentrum. Hier schlägt das kalte Herz der Republik, losgelöst vom Rest des Landes. Wie in Watte gepackt wird in großen Denkfabriken und imposanten Bauten gewerkelt und regiert. Dazwischen wuseln die Journalisten. Die Bundespressekonferenz als Massenmedienmeinungsmaschine fungiert als Legebatterie für Nachrichten - mit enormer Reichweite bei minimalem Aufwand. Berlin ist eine hübsch dekorierte Behelfswirklichkeit, eine polit-mediale Parallelgesellschaft in der Botschaften gekonnt zurechtfrisiert werden. Politik wird dabei auf Kommunikation reduziert, die Inhalte werden vernachlässigt. Denn eigentlich mahlen die Mühlen der Politik viel zu langsam für die hochgetakelten Medien die ständig nach neuen Happen schnappen. Nachhaken, nachdenken und nachlesen - die eigentliche journalistische Tätigkeit - wird dabei zum seltenen Luxus. Zudem, so Schimmeck, kommen die Journalisten zunehmend aus den elitären Schichten unserer Gesellschaft und bilden eine neue publizistische Klasse. Das alte Ideal als Anwalt der Schwachen zu fungieren und mit den Medien als der vierten Gewalt im Staate über die erste bis dritte zu wachen, gerät zusehends ins Hintertreffen. Viel zu verschränkt sind Medien und Macht bereits - Personen wie Putin, Sarkozy, Haider oder Berlusconi ziehen großen Nutzen daraus und beanspruchen ihr eigenes Medienmarketing.
Den Journalisten sind oft die Hände gebunden, sie müssen mehr Inhalte in immer kürzerer Zeit liefern die dann vielfach verwertet und wiederverwertet werden. Stars und Sternchen etwa werden zur Verkaufssteigerung benutzt. Die Klatschblätter liefern sich in derartigen Sparten einen rigorosen Schlagabtausch und produzieren so Unmengen an Papier das dann wiederum die Regale der Händler verstopft. Masse statt Klasse scheint leider viel zu oft das Credo zu sein. Waschzeitungen und Dummfernsehen erleben einen noch nie dagewesenen Boom. Der moderne Medien-User wird dabei zum Objekt einer Marketingmaschinerie. Im absoluten Hype des Reality TVs, in dem alle nur erdenklichen Belange boulevardisiert und präsentiert werden, suhlt sich der geneigte Rezipient und erfreut sich daran, dass es anderen noch schlechter ergeht als ihm selbst und merkt dabei nicht, dass er beim Konsumieren selbst konsumiert wird.
Sehr interessant und nicht zu verachten ist das Vorwort. Tom Schimmeck beginnt sein Werk mit einer Rüge an den Leser, ohne den immerhin alles nur halb so schlimm wäre. Denn solange es eine Rezipientenschaft für derartigen Journalismus gibt - ganz gleich ob im Print oder TV-Bereich - solange wird es auch Waschblätter und abstruse TV-Kanäle geben. Auf jeden Fall ein äußerst lesenswertes Werk!