Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Auch aus Liebe kann die Liebe scheitern, 27. September 2009
"Wunderlichstes Buch der Bücher / Ist das Buch der Liebe; / Aufmerksam hab' ich's gelesen: / Wenig Blätter Freuden, / Ganze Heften Leiden", so dichtete Goethe einst über die unerklärliche und leidvolle Erfahrung der Liebe. Ian McEwan hat diesem unendlichen Buch der Liebe nun ein weiteres Kapitel hinzugefügt: Eine Liebe, die an sich selber scheitert. An ihrem Stolz, an ihrem Trotz, ihrer Uneinsichtigkeit, ihrer Erfahrungslosigkeit und ihrer Blindheit. Das schmale Buch Am Strand ist dabei zugleich so etwas wie ein Museum vergangener Sexualmoral und abgelebter Gesellschaftspsychosen. Es ist komponiert wie ein kleines Meisterwerk; in einer Fünf-Akt-Struktur, die notwendigerweise schließlich in der Katastrophe eines verfehlten Lebens mündet. Dabei fing alles so gut an:
Es ist der Juli 1962, Edward und Florence verbringen den Tag ihrer Hochzeit, den Abend vor der psychisch bis zum Bersten aufgeladenen Hochzeitsnacht in einem kleinen Hotel vor Cecil Beach. Beide sind aufstrebende junge Leute: Florence eine reich beschenkte Violinistin aus dem gehobenen Bürgertum, Edward ein aufstrebender Historiker, Sohn eines Grundschuldirektors. Es ist das Nachkriegs-England, ein Land, das zwar den Krieg gewonnen, aber seine Kolonien verloren hat und mit sich selber hadert zwischen Aufbruch und Vergangenheit. Und es ist schließlich das Jahrzehnt der 60er Jahre, in dem sich alles ändern wird. Von diesem unumkehrbaren gesellschaftlichen Bruch erzählt der Roman. Von dem, was vorher war und dem, was nachher war - und wie sich das eine nicht in das andere übersetzen lässt und beide sich doch so ähnlich sind.
Das was vorher war: Florence und Edward sind ein sympathisches Liebespaar, die alles haben, was man sich wünschen kann: Sie sind jung, talentiert, aufstrebend, schön und vor allem verliebt ineinander. Allerdings wissen sie kaum etwas von sich selbst. Sexualität ist eine terra inkognita für beide, auch wenn Edward als Mann schon klarere Gedanken hierzu hat. Florence ist von diesem dunklen Kontinent, der in ihr schlummert, verängstigt und reagiert mit Abwehr und Flucht. So sehen sich beide in ihrer Hochzeitsnacht einem unlösbaren Problem gegenüber. Wie können sie miteinander handeln, den ganzen gesellschaftlichen Ballast hinter sich lassen, ehrlich zu sich sein, ohne sich selber fremd zu werden. Es ist eine Atmosphäre, die aufgeladen ist von Unsicherheit, Misstrauen, Angst und Verstörung. Das Schlimmste wäre, sich zu blamieren - und natürlich kommt es so: Als Edward vorzeitig ejakuliert und Florence sich ekelt, ist das Scheitern ihrer Ehe besiegelt. Wie lächerlich! Und wie tragisch! Ein Paar, das sich zwar liebt, aber nichts voneinander weiß und nicht miteinander reden kann. Florence verlässt am selben Abend das Hotel. Auf den letzten Seiten bricht die Kulturrevolution der 60er Jahre herein. Alles ist erlaubt und alles wird gelebt. Menschen, die derartig wenig von sich wissen, darf es nun nur nicht mehr geben. Aber ist damit etwas gewonnen? Edward lebt ein Leben mit allen sinnlichen Freuden, aber er erkennt als bereits 60-jähriger Mann, "dass er nie wieder jemanden kennen gelernt hatte, den er so liebte, wie sie". Er hatte es vergeigt: "Sie hatte nur die Gewissheit seiner Liebe gebraucht und die Bestätigung, dass keine Eile geboten war, da das ganze Leben noch vor ihnen lag."
Thomas Reuter
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71 von 83 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Liebe in den Zeiten der 60er, 14. Januar 2008
Freie Liebe, heißer Sex, Ekstase - davon sind Edward und Florence im Sommer 1962 weit entfernt, als sie in einem Hotelzimmer am Meer der Hochzeitsnacht entgegen fiebern. Obwohl schon über ein Jahr zusammen, sind beide eigentlich unerfahren im Umgang mit dem anderen Geschlecht. So verschieden ihre Lebenswelten und ihre Herkünfte sind, so quälen jeden auch unterschiedliche Gedanken an das bevorstehende "Ereignis".
Während Edward alles richtig machen möchte, aber nur Angst hat zu versagen oder zu früh zu kommen - immerhin hat er sich eine Woche enthalten, verspürt Florence einfach nur Widerwillen und Ekel vor dem, was auf sie zukommt. Für sie würde es reichen, sich zu lieben und zu ehren und glücklich zusammen zu leben.
In fünf Kapiteln lässt McEwan den Leser teilhaben, wie sich Florence und Edward kennenlernen, gibt uns Einblicke in die jeweiligen, doch so unterschiedlichen Familienverhältnisse der beiden, und beschreibt gemeinsame glückliche Momente des verliebten Paares.
Sprachlosigkeit, das Klammern an Konventionen, das gegenseitige höfliche Verschweigen ihrer Unterschiede, und die Angst vor den eigenen Gefühlen macht beide blind füreinander, und lassen beide in einer Scheinwelt wandeln. Die Hochzeitsnacht mündet unweigerlich in ein Fiasko. Aber keiner von Beiden ist in der Lage, einen Schritt auf den anderen zuzugehen, keiner sieht einen Ausweg aus der Situation.
Am Ende des Buches blickt Edward zurück und denkt daran, wie entschieden anders sein Leben zusammen mit Florence gelaufen wäre, hätte er sich am Strand anders verhalten: "So kann sich der Lauf eines Lebens ändern - durch Nichtstun". Wobei beide Protagonisten sicherlich aus ihrer Situation und Zeit heraus sich einfach nicht anders verhalten konnten.
Ein toller Roman, eine traurige Liebesgeschichte, ein Stück Zeitgeschichte.
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78 von 105 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ekstasen durch drei Lagen Stoff - Nachrichten aus der Vorgeschichte der sexuellen Revolution, 8. Januar 2008
Ian McEwan erzählt in dem vorliegenden Buch eine Geschichte, deren Problematik so weit von der Gegenwart entfernt zu sein scheint, dass sie fast nur noch ein historisches Interesse beanspruchen kann. Sie spielt in England in einer Zeit, in der die Familie das selbstverständliche Zentrum des Lebens darstellt, in einer Zeit, in der man sich nicht ohne weiteres scheiden ließ und "in der Jungsein eine Art von Peinlichkeit war, die man so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte", um in die Freiheit des Erwachsenseins zu fliehen. Wann mag das gewesen sein? Es waren die späten Fünfziger und die frühen Sechziger Jahre, die letzten Jahre der bürgerlichen Epoche, ehe die materiellen und sexuellen Revolutionen der späten Sechziger in kürzester Zeit alle bisherigen Fixierungen eliminieren sollten.
Edward und Florence sind Kinder dieser Zeit - er, ein strebsamer stattlicher und vielversprechender Student der Geschichtswissenschaft, sie, eine begabte Geigenspielerin, die ganz und gar in der Musik aufgeht. Beide hegen große Pläne für den weiteren Verlauf ihres Lebens, beide lieben einander so aufrichtig wie es nur möglich ist. Wo ist das Problem? würde heute jeder Oberstufenschüler fragen, doch schon die Frage erweist, welcher Epochenbruch unsere sexualisierte Gegenwart von der unmittelbaren Nachkriegszeit trennt. Denn die Welt von Lust und Sinnlichkeit, die heute jede Fernsehsendung und jede Maggi-Reklame durchtränkt, war damals ein dunkler gefährlicher Ozean, der tiefgreifende Versagensängste mobilisierte - vor allem im Hinblick auf die Hochzeitsnacht, der die Brautleute wie einem existentiellen Initiationsritus entgegensahen. So auch Edward und Dorothee, deren Brautzeit die beiden Liebenden im Geiste einer strengen Sittlichkeit daran gewöhnt hatte, die Wonnen der Körperlichkeit nur durch zwei Lagen Stoff zu spüren. Das wird nicht ohne Komik erzählt, denn wer würde nicht darüber schmunzeln, dass sich Florence beim Küssen innerlich darüber mokiert, dass Edwards Zunge ihr in einer Zahnlücke herumpult, in der sie sich selbst sonst nur in Momenten grüblerischer Selbstvergessenheit mit ihrer eigenen Zunge zurückzieht, während Edward sich fragt, ob er seine Frau vielleicht schon in der Hochzeitsnacht dazu überreden könnte, "seinen Schwanz mit ihren zarten Lippen zu umschließen". Man sieht, die gegenseitigen Empfindungen sind Welten voneinander entfernt, und als Florence und Edward unmittelbar nach der Hochzeit ein kleines Hotel am Meer beziehen, um ihre Hochzeitsnacht zu erleben, kann man nur das Schlimmste befürchten.
Nun steht die Stunde der Wahrheit ins Haus, nun gilt das Motto Mit meinem Leib will ich dich verehren", ein Eheversprechen, das die Florence schon lange vor der Hochzeit schlaflose Nächte bereitet hatte. Denn die Wahrheit ist, dass Florence, obwohl sie Edward auf eine blaustrumpfhafte Weise liebt, einen starken Widerwillen gegen jegliche sexuelle Aktivität verspürt, und dass sie ihren Edward, der die ganze Verlobungszeit mit einer Dauererektion durch die Gegend gelaufen war, immer nur mit stärkstem Widerwillen an sich herangelassen hatte. So ist sie fast dankbar, als sich Edward beim ungeschickten Hantieren in der Hochzeitsnacht vorzeigt entlädt.
Nun haben wir das Malheur. Florence rennt (erleichtert) aus dem Zimmer, und Edward bleibt mit seiner ejaculatio praecox gedemütigt und alleine zurück. Kein Wunder, dass das abschließende Gespräch der beiden am Strand lieblos und hart ist, denn Edward fühlt sich von der frigiden Florence betrogen, Florence vom stürmischen Edward auf eine unerträgliche Weise bedrängt, und wo aus heutiger Sicht ein wenig Geduld und Verzeihen die Problem mit der Zeit hätten beheben können, trennen sich Florence und Edward in dieser Nacht für immer.
Das ist im Kurzabriss die ganze traurige Geschichte. Wie ist sie literarisch geglückt? Uneingeschränkt, wenn die Spannung, mit der der Leser dem Schicksal der beiden bis zur letzten Seite folgt, ein Maßstab ist. Gewöhnungsbedürftig, wenn man die Erzählperspektive betrachtet. Denn dem Leser wird immer alles dreimal erzählt - zunächst aus den akribisch ausgeleuchteten Innenwelten von Florence und Edward und dann auch noch aus des Blickwinkel eines allwissenenden Erzählers, der an verschiedenen Stellen der Handlung den Leser beiseite nimmt und ihm in guter alter Vätermanier erklärt, was Sache ist. Das hat McEwan viel Kritik eingetragen, ich dagegen finde dieses antiquierte Verfahren gerade im Hinblick auf die fast schon antiquierte Thematik vertretbar.
Aber was ist die Moral von der Geschicht? Müssen wir nun ein Loblied auf die sexuelle Befreiung singen, auf Seitensprung, auf Promiskuität und explodierende Scheidungsraten? Natürlich nicht, wir erkennen aber auch, dass die Zeiten vor der heute so kritisch gesehen sexuellen Revolution auch nicht so golden waren, wie manche das heute gerne wahrhaben wollen. so bleibt nur die trübe Einsicht: wie man es mit dem Sex auch hält, ist falsch! Da ist man doch fast geneigt, sich stattdessen mit einem guten Buch zufriedenzugeben.
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