"Am Rande der Nacht" ist alles andere als ein Biedermeier-Idyll. Mit raschen Schnitten und abrupten Szenenwechseln werden mehrere Geschichten nebeneinander erzählt - ähnlich wie in Robert Altmans Film "Short Cuts" oder nun in P.T. Andersons "Magnolia". Hintergrund ist ein Abend in einer deutschen Hafenstadt der zwanziger oder dreißiger Jahre. Von hektischem Großstadttreiben kann da kaum die Rede sein, doch bald zeigt sich, dass die scheinbare Beschaulichkeit allerhand überdeckt, dass alle Figuren am Rande einer inneren Nacht leben. Vor allem ist es die Sexualität, die der Roman umkreist: Homosexualität, Sadomasochismus, Prostitution, Ehebruch, Einsamkeit - aber kein einziger Fall von glücklicher Vereinigung. Majestätisch dampft am Schluss ein Schiff in die Dunkelheit; doch in seinem Bauch wird ein Mann gequält. Solche Gegensätze sind es, die der Roman faszinierend inszeniert: Auf dem Stadtgraben schwimmen blendend weiße Schwände, während am Rand des Grabens die Ratten aus dem Dreck kriechen.