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Am Rand der Welt: Novelle
 
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Am Rand der Welt: Novelle [Gebundene Ausgabe]

Raymond Kennedy , Isabel Klett , Hans-Ulrich Möhring
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

kulturnews.de

Willkommen in den verschneiten Wäldern Nordamerikas, wo die Sätze kurz sind und so knorrig wie ihre Protagonisten. In einer windschiefen Hütte treffen zwei Männer aufeinander - ein alter, der dem Tode nahe ist, und ein jüngerer, kraftstrotzender, der verstrickt ist in ein nicht näher erklärtes Verbrechen. Die beiden reden, dann gehen sie hinaus in den Schnee, dann ist die schmale Novelle zu Ende. Es gibt wenig offensichtliche Handlung, doch umso mehr gewichtige Themen sind zwischen den Zeilen verborgen: der Gegensatz von Natur und Zivilisation, die Frage nach der eigenen Identität und danach, wie man sich aufs Sterben vorbereitet. Kennedys Kunst ist es, inmitten dieser verknappten Prosa Momente karger Schönheit aufblitzen zu lassen: "Die mächtigen Stämme der nächsten Bäume verbargen ihre Brüder dahinter und verschwammen im allgemeinen Dunkel. Sie standen da wie tausend Wächter." (arm)

Kurzbeschreibung

Die Begegnung zweier Männer in den verschneiten Wäldern Nordamerikas. Eine bewegende, große Erzählung, die an Texte von Beckett oder Camus denken läßt.

Klappentext

Eine abgelegene Hütte in den verschneiten Wäldern Nordamerikas. Der alte Jack hat sich hierher zurückgezogen, mit seinem Hund. Ein Ofen, eine Pfeife, ein abgegriffenes Magazin mit seiner Lieblingsgeschichte - das ist das Inventar von Jacks Existenz. Bis er eines Nachts einen nackten, blutig geprügelten Mann vor seiner Tür findet. Dick, der bald wieder auf die Beine kommt, erweist sich als wenig angenehmer Zeitgenosse: ein Großmaul, befehlsgewohnt - und faszinierend. Ein karges Gespräch entwickelt sich, ein Machtspiel, eine Probe auf die Existenz, der wir mit angehaltenem Atem folgen. Es geht um Frauen, um Freunde, um einen möglichen Job für Jack, um das Scheitern. Dick will zurück in die Stadt, widerstrebend willigt der Alte ein, ihm den Weg zu zeigen. Sie brechen auf - es wird ein Aufbruch ins Ungewisse, ein Marsch in die Erschöpfung. Fast scheint es, als sei Jack seinem Todesengel begegnet.

Eine einfache, vielschichtige Erzählung. Einsamkeit und Zivilisation, Wille zur Macht und Selbstbeschränkung, Herr und Knecht - Raymond Kennedys Text enthält all dies. Und ist doch mehr: ein unvergeßlicher literarischer Entwurf, aufgetragen auf das Weiß des Schnees, der den Vergleich mit den großen Autoren der Moderne herausfordert.

»Kennedy ist ein Meistererzähler ... Die Vision dieses Autors hat zu tun mit echter Weisheit des Herzens.« Raymond Carver

Über den Autor

Raymond Kennedy, 1934 in Massachusetts geboren, lebt als Literaturprofessor und Schriftsteller in New York.

Auszug aus Am Rand der Welt. Novelle von Raymond Kennedy, Hans-Ulrich Möhring. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Jack tat den Deckel wieder auf den Ofen, dann ging er zur Tür. Der verharschte Schnee lag bis an die Schwelle, und die Eiskruste schimmerte in der Dunkelheit. Im Augenblick fiel weder Schnee noch Regen. Nachdem er mißtrauisch hinausgeschaut hatte, schloß er die Tür und schob den Riegel vor. Der Riegel war neu, und er gefiel ihm gar nicht. Er drehte sich um und schlurfte zum Bett zurück. Er war wieder wütend.

»Einen am hellichten Tage zu treten«, sagte er. »Früher hat man noch 'nen Grund gehabt. Den braucht's heute nicht mehr.«

Eine Zeitschrift lag aufgeschlagen auf dem Bett. Er hatte die Geschichten darin so oft gelesen, daß die Seiten ganz abgegriffen waren. Eine Geschichte las er immer wieder. Es war eine Geschichte über eine Frau, deren Mann gern Frauenkleider trug: sie staunte nicht schlecht, als sie ihn zum erstenmal in einem Kleid sah. Jack mußte laut lachen, wenn er die Geschichte las. Heute abend konnte er mit den Gedanken nicht dabeibleiben. Er setzte sich aufs Bett, schaute den Riegel an.

»Ich hab Muffensausen«, sagte er.

Er stand auf und trat wieder an den Ofen. Oben fuhr der Wind unter die Dachpappe. Sie flappte mit einem pfeifenden, saugenden Geräusch, wie wenn man einen Nagel zieht. Der Wind im Ofenrohr ließ die Flammen flackern. Das brennende Holzscheit stand hochkant im schmalen Feuerraum des Ofens, und Jack rückte es aus Gewohnheit mit dem Deckelheber zurecht. Er tat den Deckel wieder drauf, dann hängte er den Heber an einen Nagel. Seine Augen gingen zum Riegel an der Tür. Das Ding gefiel ihm gar nicht.

»Plunder!« sagte er.

Jack setzte sich wieder hin und fing an, mit beiden Händen seinen Oberschenkel zu reiben. Der Bluterguß hinten am Bein war weg, aber der Schmerz nicht. Er kam jede Nacht. Dann setzte er sich immer auf und spannte die Hände um das Bein und knetete den Schenkel hinten mit den Fingerspitzen.

Wie er so saß, klebten seine Augen an den roten Ziffern des Wandkalenders. Es war die letzte Märzwoche, Dienstag oder Mittwoch. Wenn heute Mittwoch war, dann war morgen Gründonnerstag. Wenn nicht, dann übermorgen.

Er zog die Schuhe aus und zündete sich die Pfeife an. Der Hund lag unter dem Schaukelstuhl, seine Flanke hob sich regelmäßig. Wenn das Feuer später ausglühte, würde der Hund aufs Bett gestiegen kommen und sich zwischen Jack und das an die Wand genagelte Stück Leinwand legen. Da schlief Jack immer schon.

Der alte Mann hatte ihm nie einen Namen gegeben. Eines Nachmittags hatte er gerade im Bach Rote Bete gewaschen, als er aufschaute und sah, wie das Tier hinter einem Baumstumpf zu ihm hinüberlugte. So war er zu dem Hund gekommen, und der Hund ging nicht wieder weg. Wenn Jack einen Hund gewollt hätte, hätte er sich einen besorgt. Er hatte nie einen haben wollen.

Die Lampe war aus, und ein rötlicher Schein kam aus den Ofenschlitzen. Jack legte den Kopf zurück auf den Sack mit dem aufgerollten Mantel darin und rauchte seine Pfeife. Draußen warf der Wind Graupeln ans Fenster, und die Pappeln unten am Bach ächzten: mords Kerle, zwei Stück, die im Wind schwankten wie betrunkene Matrosen. Jack zog sich die Decke bis ans Kinn. Die Frau in der Geschichte hieß Julia, und der Mann hieß Dan, und Jack sah den Ausdruck auf Julias Gesicht, wie Dan nach Flieder duftend und mit zehfreien Pumps die Treppe herunterkam. Jack lachte und zog an seiner Pfeife. Der Kopf glühte im Dunkeln.
Zweimal in der Nacht hörte er draußen Geräusche. Das zweite Mal kamen sie eindeutig von der Straße. Jack setzte sich auf. Er konnte sich nicht erinnern, daß er die Pfeife ausgemacht hatte, aber der Hund lag auf dem Bett und schlief. Er dachte, er hätte geträumt. Jack streckte unter den Decken den Fuß aus und versetzte dem Hund einen Tritt. »Du Mistvieh. Wach auf!«

Erschrocken jaulte der Hund auf.

Der alte Mann hatte Angst. Früher hatte er nie Angst gehabt, erst seit dieser junge Schlägertyp ihn getreten hatte. Das würde er nie vergessen. Seitdem waren noch andere Sachen passiert. Im Dezember hatte vorn ein Auto mit zwei Männern und zwei Frauen drin angehalten. Die Frauen schrien hinter den Scheiben. Dann stieß einer der Männer eine Frau hinaus, dann stieg die andere aus. Sie war eine ziemliche Maschine, und sie drosch gleich auf die erste Frau los. Die Geschlagene schrie um Hilfe. Die Männer stiegen nicht aus dem Wagen. Die Dicke packte die andere Frau an den Haaren und verdrosch sie nach Strich und Faden. Sie drosch auf sie ein und riß sie an den Haaren hin und her. Es machte Jack Angst. Dann zerrte die Dicke die Schreiende ins Auto, und das Auto fuhr mit einer Tür offen ab.

Jack war nicht mehr derselbe wie früher. Vor Jahren hätte ein Blick auf ihn gereicht. Sie hätten gesehen, was er für Schultern hatte oder wie er auf den Fußballen ging, und sie hätten Bescheid gewußt. Mit einer Drehung versetzte er dem Hund noch einen Tritt in die Seite. »Dir ist es ganz egal, ob da draußen einer stirbt.«

Jack stand auf und zog sich im Dunkeln die Hosen an, dann einen Mantel über das Sweatshirt, in dem er schlief. Im Kasten fand er ein Beil und einen Hammer. Er nahm den Hammer und legte das Beil zurück. Das Beil kam nicht in Frage. Wer würde mitten in der Nacht mit einem Beil an die Straße gehen? Ihm paßte nicht mal der Hammer. Er war übertrieben. Ein schwerer Stock mit einem Knauf wäre prima gewesen.

Er ging zur Tür und lauschte. Er machte die Lampe nicht an, weil er nicht aus einer hellen Tür treten wollte. Vorsichtig zog er den Riegel auf. Er zog ihn ganz zurück, dann lauschte er wieder. Er hörte nichts, nur die Pappeln und das Atmen des zitternden Hundes hinter ihm. Der Hund war uralt für einen Hund und offensichtlich ein Schisser. Jack machte die Tür auf und trat leise hinaus. Jeder Schritt gab ein gläsernes Knirschen im Schnee. Jack blieb wieder stehen und lauschte. Bei dem wolkenverhangenen Mond war der Himmel schwarz und hell zugleich. Er fühlte, wie die kalte Luft seine Beine angriff. Den Hammer ganz unten gefaßt, ging Jack los. Er tat einen Schritt, und der Schnee krachte wie ein Schuß, dann schaffte Jack es, auf die Eiskruste zu treten und darauf zu gehen. Er hielt den Hammer locker, als hätte er gerade einen Nagel eingeschlagen und vergessen, ihn abzulegen, als er das Geräusch hörte und rausging, um nachzusehen. Der Hund kam ängstlich hinterher, knurrte aber und wandte den Kopf nach links und rechts. Er war für den alten Mann keine Hilfe. Bei der kleinsten Kleinigkeit würde er ausreißen wie ein Karnickel. Jack war noch keine zwanzig Meter gegangen, da blieb der Hund schon zurück. Er tat so, als schnupperte er irgend etwas Wichtiges. Jack gelangte zu den Sumachbäumen über dem Graben an der Straße.

Er blieb stehen. Nichts war anders als sonst. Die ungeräumte Straße zog sich dahin wie ein zugefrorener Fluß. Der heranfließende Mondschein im Graben warf eine lange Lichtschleppe über Wacholdersträucher und Böschungen. Im nächsten Moment stand Jack im vollen Licht des Mondes. Sein Herz setzte aus. Drei Meter unter ihm, auf dem Grund des Grabens, lag ein Mann. Er lag mit dem Gesicht nach unten im Schnee, und er war nackt. Er hatte nichts weiter an als einen Schuh. Beim Anblick des Mannes, seines Rückens und Hinterns im Mondschein, schwamm Jack der Kopf. Der Mann rührte und muckste sich nicht. Sein Gesicht war abgewandt. Im nächsten Moment erspähte der Hund die totenähnliche Gestalt und brach in wilder Flucht durch das Sumachdickicht. Jack schrie hinter ihm her, während er vorstürzte, das stockende Herz im Hals. So was hatte er noch nie erlebt. Der Hund lief im Kreis und bellte. Jack hatte zehn Minuten damit zu tun, den Mann aus dem Graben zu schaffen. Er versuchte, ihm seinen Mantel überzuziehen. Er hielt ihn für tot. Den Oberkörper unter den Armen umklammert, ging Jack mühselig rückwärts, Schritt für Schritt, ganz langsam. Immer wieder brach er durch die Eiskruste. Der Hund jaulte an der Tür, weil er wußte, was Jack vorhatte.

Als er die Hütte erreichte, stieß er mit der Ferse die Tür auf und schleifte den Mann hinein. Er setzte ihn gegen die offene Tür und ging die Lampe holen. Er japste nach Luft. Jack setzte sich mit der Lampe auf dem Schoß hin, war aber außerstande, sie anzumachen. Der Mann stöhnte und bewegte sich hin und her. Schließlich drehte Jack den Docht hoch und holte sich vom Tisch ein Streichholz. Mit zitternder Hand nahm er den Glaszylinder ab. Als der Docht brannte, drehte er ihn niedrig und ging zur Tür zurück. Der Mann versuchte zum erstenmal, etwas zu Jack zu sagen. Sein Kopf kippte nach hinten gegen die Tür. Seine Lippen waren blau und geschwollen, das Gesicht blutverkrustet. Das Licht von der Lampe wurde ruhig im Raum. Der Mann hatte einen kahlen Schädel mit grauen Haarbüscheln über den Ohren. Ein Ohr war mit Erde beschmiert. Sein Bauch stand vor. Als er das Licht auf sich fühlte, schlug der Mann die Augen auf. [...]

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