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Friedemann Bald / © Intro - Musik & so
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An die hundert unveröffentlichte Songs wurden in Rios Gemächern gefunden und bilden einen Nachlass, den man durchaus als kulturellen Schatz bezeichnen kann. Davon hat das Rio-Reiser-Archiv (in Persona Gert Möbius, Rios Bruder, und Lutz Kerschowski, enger Freund und Musikerkollege von Rio) 18 Songs ausgewählt, um die Vielseitigkeit des unterschätzten Musikers zu demonstrieren. Es ist keine CD für den Markt, sondern vielmehr eine CD, wie sie Rio Reiser sicher selbst gefallen hätte. Einige der Aufnahmen sind Demos, die irgendwie nie auf ein Album passten, aber dennoch zur Veröffentlichung gedacht waren.
Im Gegensatz zu anderen Neuveröffentlichungen fällt auf, dass diese CD sehr liebevoll gemacht ist. Schon das originelle Cover hat viele nette Eigenarten, die sehr untypisch für das Business, aber sehr typisch für Rio Reiser sind. Da ist zum Beispiel die Anlehnung an ein Karl-May-Buch oder die Verwirklichung einer Erfindung von Rios Vater. Mehr soll hier gar nicht verraten werden, entdeckt es mit Euren eigenen Sinnen.
Das Booklet zur CD ist ausgesprochen informativ und detailliert, zeigt neben unbekannten Fotos auch einen kleinen Ausschnitt aus Rios Tagebuch (Weihnachten 1972).
Gleich der erste Song der CD - "Ich sitz an Land" - dürfte für die meisten Hörer eine unbekannte Perle sein, denn es ist aus dem Kinderhörspiel "Teufel hast Du Wind" von 1976. Es ist ein gelungener Auftakt, der einlädt, sich zu Rio an Land zu setzen, die Schiffe in die Ferne ziehen zu lassen und mit ihm auf eine musikalische Reise zu gehen.
Es folgen 17 ganz unterschiedliche Songs, darunter drei irre Live-Versionen von Ton-Steine-Scherben-Songs, die Rio 1986 bei einem Konzert in Berlin gesungen hatte, dann drei englische Titel, die irgendwie nicht so gut rüberkommen. Der Schwachpunkt liegt nicht bei den Songs, auch nicht bei Rio, sondern bei der Sprache. Wenn Rio Reiser englisch singt, dann geht etwas von dem verloren, was ihn ausgemacht hat. Da ist kein Sprachwitz, kein Wortspiel, es fehlt das berlinisch-freche, der Zauber in seiner Stimme. All das findet sich dann aber zu hundert Prozent in dem Stück "Haben wir gelacht". Das Lachen vergeht einem spätestens bei dem Marlene-Dietrich-Lied "Ich werde Dich lieben". Jeder Mensch, der Rio Reiser in irgendeiner Weise nah war, kann sich hier nicht gegen feuchte Augen oder einen Kloß im Hals wehren, zumal die Stimme akustisch unglaublich nah dran ist, es klingt regelrecht intim.
Ein kleines Highlight der CD ist mit Sicherheit die Kombination dreier Tracks, die man einfach nicht einzeln hören darf. Es wäre sträflich, denn schließlich war es als Medley gedacht und aufgenommen, und gerade die Übergänge von einem Song zum nächsten sind genial. Da singt Rio eben noch ein deutsches Volkslied (welches er übrigens auch live gerne sang) und setzt dann unvermittelt zu einem "Ohwembaweh" ein, und jeder Musikliebhaber weiß, welches Lied folgen muss. Dass Rio Reiser aber danach einen Titel von den Rolling Stones spielt, unterstreicht nur, wie sehr er seine Wurzeln, seine Einflüsse zu schätzen wusste.
Gegen Ende der CD kommt ein wunderschönes Lied, das leider ein großes Manko besitzt: Es ist entschieden zu kurz! "Weit von hier" handelt von einem ganz besonderen Kind, und kaum ist man in seine Welt eingetaucht, wird man auch schon wieder rausgeschmissen. Dabei sind so viele Fragen offen: Wo ist "hier"? Vor welcher Tür saß das Kind? Welches Lied sang es? Warum erschreckt es sich? Wohin rannte es ? Und vor allem, was wurde aus dem Kind?
Nun, das schöne an der CD ist ja, dass der Titel mit der römischen eins zumindest eine römische zwei verspricht. Vielleicht erfahren wir dann noch mehr über das Kind, über Rio Reiser. Auf jeden Fall zeigt sich schon in der ersten Edition sehr deutlich die Ambivalenz Rio Reisers, dieses stete Nebeneinander von Traurigsein und Glücklichsein, Spaß und Ernsthaftigkeit, Hoffnung und Verzweiflung.
Was diese CD ausmacht, ist die Reduzierung aufs Wesentliche. Nur die Stimme und das Klavier, gnadenlos werden Stärken wie Schwächen aufgezeigt, und es zieht jedem Künstler die Schuhe aus, der diese Musikalität und Gesangsqualität noch nicht mal unter Einsatz großartiger Technik hinbekommt. Dass die Tonqualität der Songs nicht mit heutigen Maßstäben vergleichbar ist, liegt auf der Hand. Die Aufnahmen entstanden bei Konzerten oder bei Rio Zuhause in Fresenhagen, sind damit wunderbar unverfälscht und authentisch.
Die Breite des Repertoires, das auf diesem raren Tonträger versammelt ist, ermöglicht jedem Hörer, egal mit welchen Vorlieben, etwas für sich zu entdecken. Der Kleinkunst-Liebhaber wird genauso etwas finden, wie der Rock-Fan oder eine alte Scherbe.
Im ganzen ist die CD, die seit November 1998 im Handel ist, sehr klug produziert, die Reihenfolge der Titel ist gut gewählt und Rio wird nicht ausgeschlachtet, weder als klimpernder Entertainer, noch als singender Dichter. Ganz im Gegenteil: In vorbildlicher Weise wird gezeigt, was zwischen den Polen Scherben-Mythos und "König von Deutschland" lag, dass es eben nicht nur das war, was Rio Reiser gemacht hat. Es ist gut, dass man sich mit dieser Veröffentlichung Zeit gelassen hat, denn nichts ist schlimmer als eine schnell produzierte CD, gar eine Art Sampler. Das wäre weder Rio Reiser noch seinem Publikum gerecht geworden. Doch hier erkennt man die Arbeit hinter der glänzenden Scheibe mit den zwei Gratis-Zugaben Spaß und Wehmut.
Ich hoffe, dass ich ein bisschen Appetit auf ein Hörerlebnis der anderen Art machen konnte. Den Hunger müsst ihr nun selber stillen, denn schließlich gilt noch immer: Nichts ist enttäuschender als die totale Erklärung.
"Er ist nicht tot, er schläft nur. Er liegt dort unterm Apfelbaum und wartet, wartet in Dir, in mir, er ist nicht tot ..."
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