"Seelsorge am Gletscher", so die Übersetzung des Originaltitels, ist wohl Halldór Laxness irrwitzigstes und seltsamstes Werk. Man muss wohl schon einige Kilometer durch Islands wundersame Landschaften gewandert sein und einigen Elfen und Trollen begegnet sein, um Sinn und Unsinn dieses späten Romans (1968) wenigstens ansatzweise zu verstehen. Also`: Dies ist kein Roman um Laxness frisch kennen und lieben zu lernen, aber ein Büchlein zum wieder und wieder Lesen. Es ist nicht sein anrühendstes Werk (Da lese man wohl lieber "Sein eigener Herr" oder "Salka Valka") aber mit Sicherheit sein komischstes und klügstes.
Der naive, jugendliche Held wird als Vertreter des Bischofs (Vebi) von Reykjavik ausgesandt, um zu erkunden, wie es um die Seelsorge am Gletscher bestellt ist. Es ist der Snaefellsness, eben jener Gletscher von dem aus die Helden des Roman von Jules Verne ihre Reise zum Mittelpunkt der Erde antraten, um in Italien am Stromboli wieder aufzutauchen. Die Reise Vebis ist anderer Art. Es ist der Weg in die Seele der Menschen, die am Gletscher leben. Der Pfarrer Sira Jon Jonssons, genannt Primus, hält keine Gottesdienste ab, tauft die Kinder nicht, beerdigt die Verstorbenen nicht. Er "lacht wie ein kleiner Junge, der Erwachsenen Rätsel aufgibt und ihre Intelligenz verachtet." (Zitat: Halldór Laxness).Die Kirche ist verschlossen und zugenagelt. Der Kirchhof wirkt betrunken, ob all der schiefen Kreuze. Primus braucht das alles nicht, denn er hat den Gletscher. Er beschlägt die Pferde und repariert die Primus Kocher. In seiner Jugend soll er mit einem Weib zusammen gelebt haben, das nie schlief, nie aß, sich nie wusch, nie Bücher las aber immer gesund, sauber und ungeheuer klug war. Sein alter Widersacher Gudmundur Sigmundson, der ihm in der Jugend diese Frau ausgespannt hat, taucht nach dreißigjährigem Aufenthalt in den USA wieder am Gletscher auf, um zusammen mit drei Helfer Verstorbene zum Leben erwecken.
Vebis soll all dies mit dem Tonband aufzeichnen, unabhängig davon, ob es Wahrheit oder Lüge ist.
Tatsächlich sind die Absurditäten dieser Pfarre schlimmer als gedacht. Alles im Ort am Gletscher ist "in einem mehr als verkommenen Zustand." (Zitat: Halldór Laxness ) Überall herrscht Fäulnis und Verfall. Wie in den alten Sagas sind diese Isländer nicht sehr gastfreundliche Leute. Es gibt " keinerlei Einrichtungen zur Aufnahme von Gästen. " Es wird allerlei aufgetischt mit Ausnahme einer Delikatesse: genießbares Essen" (Zitat: Halldór Laxness). Man setzt Vebi schlechten Kaffee und altes Gebäck vor, seine Schlafkammer ist menschenunwürdig. Die Seelsorge am Gletscher ist auf dem Nullpunkt.
Laxness ist "der Dichter, der wissentlich zu seinem Vergnügen lügt "(Zitat: Halldór Laxness).
Ich kann nur ergänzen: Auch zum großen Vergnügen des Lesers!
Und wer mag, darf das ungeheuer kluge und kenntnisreiche Nachwort von Susan Sontag lesen.