Nein, dies ist kein Lynley / Havers Roman. Wie man sich angesichts dieser Tatsache betrogen oder enttäuscht fühlen kann ist mir schleierhaft - insbesondere wenn man das Buch "blind" kauft und dann seine diesbezüglichen Erwartungen nicht erfüllt sieht.
Wenn Elizabeth George eines kann, dann glasklare und einprägsame Charaktere schaffen, denen man sich nicht entziehen kann oder mag.
Joel ist zwölf. Mit Bezeichnungen wie "Looser", "Proll", "Sozialfall" wäre man schnell bei der Hand, würde man nicht detailliert erfahren, welche Biographie dieser Zwölfjährige, sein jüngerer Bruder Toby und die ältere Schwester Ness zu dem gemacht haben, was sie zu sein scheinen.
Eine Mutter, die nicht präsent sein kann, da sie in einer psychiatrischen Klinik lebt, ein Vater, der auf offener Straße vor den Augen seiner zwei Söhne erschossen wurde, eine Großmutter, die machtlos, überfordert und mutlos ist, sowie deren Mann, der in den Kindern entweder nur Störenfriede oder Lustbeschaffer sieht.
Schon bevor die drei Kinder von der Großmutter bei ihrer Tante Kendra abgeladen werden, haben sie viel mehr durchgemacht, als sich ein Mensch alleine vorzustellen vermag.
Kendra, in den Vierzigern, geschieden, allein lebend findet ihre Nichte und die beiden Neffen eines Tages vor ihrem Hause und wird von einer Minute zur anderen in eine Fürsorge- und Mutterrolle gedrängt, der sie trotz aller Mühe nicht gerecht werden kann.
Elizabeth George beschreibt das Leben auf der Straße. Das Leben desillusionierter, herumgestoßener Kinder, deren Weg vorprogrammiert zu sein scheint.
Es ist eine beklemmende Geschichte. Kein Krimi. Kein Thriller. Eine Geschichte, wie sie wahrscheinlich viel zu oft wirklich passiert und der man sich entziehen möchte, weil sie Angst macht, mutlos und beklommen.
Natürlich kann man das Buch nach wenigen Seiten enttäuscht aus der Hand legen und sich darüber ärgern, nicht auf seichte Lynley Unterhaltung gestoßen zu sein.
Man kann sich aber auch einlassen auf diese Studie, Geschichte, Erzählung und Elizabeth Georges grandioses Talent zu erzählen und zu erklären, Menschen entstehen zu lassen als seien sie real, auf sich einwirken lassen.
Man legt das Buch nicht aufseufzend nach der letzten Seite aus der Hand, in der Gewissheit, Lynley und Havers haben es gerichtet.
Das Böse verschwindet nicht hinter Gittern, das Gute siegt nicht obligatorisch.
Man legt das Buch aus der Hand und fühlt sich leer und hilflos. In dem Wissen eine fiktive Geschichte gelesen zu haben, die sich hier und in aller Welt so oder ähnlich beständig wiederholt wird einem zumindest eines deutlich:
Was geht es uns gut!
Ich finde es ist eines der besten Bücher, die Elizabeth George je geschrieben hat. Ich habe - obwohl ich großer Lynley / Havers Fan bin, beide nicht eine Sekunde vermisst.
Die Idee, eine andere Perspektive zu wählen hat mir außerordentlich gut gefallen und die Umsetzung ist mehr als lesenswert.
Wenn man nachdenken mag.
Wenn man über den seichten Krimirand herausblicken möchte.
Wenn man Spaß an schriftstellerischen Können hat!