Romane und Filme, die das Thema der Apokalypse bzw. der Endzeit beackern, haben, so scheint mir, seit Längerem bereits Hochkonjunktur. Seien es Filme wie "28 Days Later", "The After Tomorrow" oder jüngst "The Road" (nach Cormac McCarthys brillantem gleichnamigen Roman) bzw. Romane wie David Moodys "Herbst"-Tetralogie und Michael McBrides spannende Apokalypse-Trilogie sind unter Kennern und Fans heiß begehrt. Brian Keene gehört längst zu der Riege an Autoren, die unter Insidern Kultstatus genießt und der, dank des Heyne-Verlages, dem breiten Publikum bekannt gemacht wird.
"Am Ende der Straße" ist der vierte Roman, der im Heyne-Verlag publiziert wurde und der so ganz anders daherkommt, als "Die Verschollenen" oder "Totes Meer". Aus der Sicht des sympathischen Pizzalieferanten Robbie Higgins wird diese düstere Apokalypse dem Leser vermittelt, der in tage- bzw. notizbuchähnlicher Form die Geschichte erzählt. Robbie, seine Freundin Christy und sein Nachbar Russ wachen eines Morgens auf und ihre Stadt Walden ist von einer Dunkelheit umschlossen, die am Ende der Straße (ins benachbarte Verona führend) eine Barriere bildet und keine Bewohner leben rein, aber auch keine lebend heraus lässt. Die ersten Plünderungen und Morde geschehen prompt, die Menschen drehen durch, Walden versinkt im Chaos...
Brian Keene bedient sich - so scheint es - eifrig bei seinen Schriftstellerkollegen. Ein bisschen von David Moodys "Im Wahn", ein bisschen mehr von Stephen Kings "Der Nebel" und H.P. Lovecrafts Ideen werden ebenfalls angezapft. Was diesen Umstand jedoch weniger schlimm gestaltet, ist die Tatsache, dass Brian Keene offen diesen "Klau" anspricht und augenzwinkernd behandelt. Wenn Robbie beispielsweise versucht, seine Mitbewohner davon zu überzeugen, dass sich einige an ein Seil zusammen binden sollten, um die Barriere aus Dunkelheit zu durchdringen und ein Beteiligter empört ausstößt: "Hast du nie 'Der Nebel' gesehen" (S. 200) musste ich unweigerlich lachen. Leider driftet diese hommageartige Verwendung von fremden Ideen an einigen Stellen, zum Beispiel beim Auftritt einer fanatischen Frau, die die Menge aufhetzt (ein Schelm, wer an Mrs Carmody aus 'Der Nebel' denkt), in die Einfallslosigkeit ab - dies kostet dem Roman auch den fünften Stern. Witzig ist jedoch, dass Brian Keene seine eigenen, älteren Romane mit (wenn auch kurz) in die Handlung einbezieht, so dass sich kleine Bezüge zu "Die Verschollenen" oder "Das Reich der Siqquism" finden lassen.
Die 350 Seiten, aufgeteilt in 18 Einzelkapitel, habe ich innerhalb eines Tages gelesen. Dies spricht für den lockeren, gut zu lesenden Stil Brian Keenes, der mich außerdem mit clever gesetzten Andeutungen und Hinweisen an das Buch fesseln konnte. Der Leser sollte natürlich keine aussagekräftigen, bedeutungsschwangeren Metaphern erwarten, sondern wird vielmehr mit manchmal völlig gewollt überzogenen sprachlichen Bildner beglückt: "Russ sah aus wie etwas, das die Katze abgeschlachtet, gefressen, wieder ausgespuckt, nochmal gefressen, ausgeschissen und dann ins Haus getragen hatte." (S. 46) Solche Aussagen passen jedoch zu dem flapsigen Ich-Erzähler Robbie, was die Sympathie für und die Authentizität des Charakters fördert.
Die Erläuterungen der Verhaltensweisen der Einwohner Waldens, aber auch der allumfassenden Dunkelheit sind plausibel und gut durchdacht. Insbesondere letzte Erklärung empfand ich als langjähriger Horrorromanleser - mit besonderem Hang zur Apoklaypsen-Thematik - als überaus gelungen und interessant.
Ebenfalls zu betonen sei außerdem, dass das Hauptaugenmerk auf der Veränderung der Personen liegt - nicht auf den, zwar vorhandenen Tötungsszenerien - und eine Gesellschaft schildert, die nachdem Anarchie und Chaos das Zepter übernommen haben, in bestialischen Morden und Vergewaltigungen ihren Zeitvertreib findet. Diese gesellschaftskritischen, stellenweise etwas zu aufdringlichen Anti-USA-Kommentare ziehen sich durch den ganzen Roman, sei es die Verwüstung von New Orleans, das Attentat vom 11. September oder die Waffenvernarrtheit der Amerika: Brian Keene schießt scharf.
"Am Ende der Straße" ist kein Roman, der exorbitant spannend und adrenalingeladen ist (allein durch den erzählerischen Charakter des Tagebuches weiß der Leser, dass Robbie sämtliche Geschehnisse überleben muss!), aber der flotte Schreibstil und die gut gemachten Wendungen lassen dieses Keene-Werk zu einem tollen Leseerlebnis werden und der Leser fühlt förmlich die kriechende Dunkelheit durch die Seiten strömen. Wer sich außerdem nicht daran stört, dass einige Ideen nicht die neuesten sind, hat mit "Am Ende der Straße" seine Freude.