"Ist es eigentlich in Ordnung, aus reiner Freude am Genuss ein fühlendes Wesen in einen Topf mit kochendem Wasser zu werfen?"
Wallace machte sich in diesem glänzend geschriebenen Essay für ein Lifestyle-Magazin philosophische Gedanken darüber, ob die Sauerei, die mit Hummeressen verbunden ist (nie gibt es genügend Servietten!) sich lohnt und überdies moralisch vertretbar ist. Er dachte über die mutmaßliche Schmerzempfindlichkeit dieser Kreatur nach, verwickelte sich dabei in Widersprüche, hatte keine Lösungsansätze und stellte resignierend fest, dass uns "die Schmerzen anderer Lebewesen grundsätzlich ... verschlossen bleiben." Dabei entlarvte er einmal mehr, dass unsere Moral oft nicht über Verbales hinausgeht. Diese Welt ist zu kompliziert, klare Antworten will kaum einer geben und die, die es tun, wie beispielsweise die Aktivisten der Tierschutzorganisation PETA, waren ihm wegen ihrer so einfachen wie radikaler Schwarz-Weiß-Malerei unsympathisch. Gleichfalls unsympathisch erschienen ihm aber auch die saturierten, überreizten und ständig den Kick nachjagenden "Feinschmecker".
Diese Zweifel und Kontroversen sind nun Lichtjahre von David Foster Wallace entfernt. Er, der sich das eigene Leben nicht leichtgemacht hat, schied letztes Jahr durch Freitod aus dieser Welt. Ob er es tat, weil er schwere Depressionen hatte, weil er zu dünnhäutig fürs Leben war oder aus verborgenen Gründen, wer weiß das schon. Nicht nur die Schmerzen anderer Lebewesen bleiben uns letztendlich fremd. Sicher ist, dass mit ihm ein außergewöhnlicher Schriftsteller ging. Ich hätte noch viel mehr aus seiner Feder lesen wollen.
Helga Kurz