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Pianist Keith Karrett, Gary Peacock (Bass) und Jack De Johnette (Schlagzeug) begegnen sich auf dem Weg in die gewählte Konzeptlosigkeit -- das ist für jeden einzelnen von ihnen keine Neuheit, in diesem Trio jedoch ein frisch erdachter Ansatz, den Jarrett, wie es scheint, so schnell nicht wieder herzugeben gedenkt. Und welch ein Geniestreich ist ihnen da geglückt: Always Let Me Go, das ist ein Abenteuer der Stimmungen, das ist geballte Intensität voller Witz und reich an Stille, ein wilder musikalischer Tanz und ein Hort der Ruhe. Eine Klangoper und ein Rhythmustheater, ein wechselnder Ort von hier und nirgendwo. Alles geschieht, wie immer bei Jarrett: freitonale Avantgarde, Entwicklung von modalen Ostinati im Viervierteltakt, atemlose Lyrik und dazwischen Swing-Passagen, fundamentale Jazz-Changes -- auch die passieren einfach so. Dann beginnt der Ton gewordene Pianist das Singen, dann werden brillante Bop-Lines entwickelt, da wird die sagenhafte Jarrett-Phrasierung gefeiert. So echt und animiert klingt es meistens, aber hier wahrhaftig ganz besonders: wunderbar! --Katharina Lohmann
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Wie den Heiligen Abend früher erwarte ich heute ein neues Buch von Hans Blumenberg oder eine neue CD von Keith Jarrett. Muss solche Weihnachtssehnsucht nicht immer Schiffbruch erleiden?
Mehr als ein Jahr musste warten, wer wie ich seit Jarretts Akündigung in der FAZ vom 28. Juli 2001 auf die >Tokyo Tapes< gespannt war.
Nun sind die beiden Konzertmitschnitte vom April 2001 unter dem Titel >Always Let Me Go< erschienen.
Jarrett holt die Intensität und Freiheit seiner Solo-Improvisationen in das Triospiel hinein. Manche Stücke klingen noch wie Improvisationen über Standards, ohne Standard. Andere sind darüber hinaus, verzichten auf solche Wiedererkennungseffekte. Jarretts Trio spielt, als ob sie Blumenbergs >Sprengmetapher< in Musik umsetzten. Jarrett improvisiert nun beidhändig, unisono oder gegenläufig. Die linke Hand emanzipiert sich total. Der Tritonus triumphiert. Cluster werden zu Glissandi, rasend schnell verdichtet, dann wieder zertröpfelnd wie in Zeitlupe.
Jarrett versucht, wie er sagte, die technischen Möglichkeiten seiner Mitspieler auf seinen Flügel zu übertragen. Er will Glissandi zaubern wie Gary Peocock am Bass, die Finger über die Tasten streichen wie Jack DeJohnette seine Besen über Becken und Trommeln. Griff er dazu früher noch in die Saiten des offenen Flügels, versucht er das nun auf den Tasten selbst. Er spielt, als ob es hier ein Flageolett (wörtlich: Flötentöne) geben könnte. Er bringt dem Klavier die >Flötentöne< bei.
Seine frühere Ankündigung, sich einmal der Musik Chopins zu widmen, scheint sich auf unerwartbare Weise zu erfüllen: als ob er das aberwitzige Finale der Klaviersonate in b-Moll Nr 2 op 35 im Jazz wieder(er)findet. Da verstummt sogar sein Singen.
In >Die Seele und der Tanz< schreibt Paul Valéry, der Körper versuche beim Tanzen gleichsam "alles zu sein. Er will es spielend der Allgegenwärtigkeit der Seele gleichtun." Keith Jarrett übt den Tanz auf den Klaviertasten. Mal ist es das graziöse Schreiten einer Primaballerina, mal der wilde Tanz eines Derwisch. In dieser Musik scheint alles möglich zu werden. Beim Zuhören fühle ich mich wie in einer Arche.
Und kommen nicht aus Jarretts Flügel die Töne wie die Tiere aus Noahs Arche, ebenfalls ein schwarzer Kasten? Hätte dieses Trio diese Musik auf der >Titanic< gespielt, der Eisberg wäre ausgewichen, um weiter zuhören zu können. Kein Schiffbruch also: Always Let Me Go.
Klaus Wagner-Labitzke
Es gibt Pianisten, Jazzer, Musiker. Und es gibt Persönlichkeiten, die wie Monumente aus dem Meer aller Akteure herausragen. Lesen Sie weiter...
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