"Altershausen" - der letzte Roman des Wilhelm Raabe, den er 1899 anfing und 1902/1903 unvollendet zur Seite legte. 1911 starb der Autor. Das kleine Werk blieb Fragment.
Man hat dieses Alterswerk gern als "Abschiedswort des Greises" bezeichnet. Und in der Tat: Dieser Roman hat etwas davon. Denn die Hauptfigur Fritz Feyerband, Wirklicher Geheimer Rat, Doktor der Medizin und Professor, hat gerade sein 70. Lebensjahr vollendet und kehrt noch einmal in den Ort seiner Geburt und Jugend zurück. Nach Altershausen. Der Name ist Programm.
Feyerabend also begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit, kehrt zurück zu den Anfängen, um von hier aus das Leben zu betrachten. Sein Jugendfreund Ludchen Bock soll ihm Führer sein durch die Stadt der Kindheit und Jugend. Und so Auskunft geben über den Sinn des Lebens. Eine "Lebens-Heimweh-Fahrt" also wird es. Bereits aber bei der Ankunft in Altershausen muss der Wirkliche Geheime Rat feststellen, dass alles ganz anders kommen wird, als er sich sich vorgenommen hatte.
Ludchen Bock, der Kamerad und beste Freund von einst, ist auf dem Stand eines Kindes zurückgeblieben. Ludchen kann ihm nicht mehr helfen, die Zeit wiederzufinden, die er im Verlauf des Lebens verloren hat. Dafür sind es Träume und Anverwandlungen, in denen er bei dem nächtlichen Gang durch die Stadt dem einen und anderen von damals begegnet; manchmal gar Halluzinationen. Ludchen Bock in seiner Idiotie allerdings lehrt ihn auch, dass man nicht zurück kann, welchen Weg man auch gehen wolle. Nur die, die nie weg waren, bei denen die Zeit geistig still steht, können zurück. Und die wiederum brauchen es nicht.
Altershausen ist deshalb nur vermeintlich eine Idylle. Raabe bietet vielmehr für den Geheimen Obermedizinalrat einen sehr verstörenden Blick auf das Leben. Und so ist "Altershausen" auch eine verstörende Lektüre für den Leser, der sich selbst plötzlich auf der Reise nach seinem Altershausen wiederfindet. In dem Sinne mag es gut sein, dass Raabe dieses wahrhaftige Alterswerk nicht vollendet hat.
Hinzuweisen ist auch auf das sehr einfühlsame Nachwort von Andreas Maier, der sich Raabe auf seine Weise "verwandt" fühlt und aus dieser Sicht "Alterhausen" nachempfindet.
Dieses Fragment lässt ahnen, zu welch literarischen Leistungen Wilhelm Raabe fähig war. Seine, heute sagen wir oft gern und etwas überheblich, altertümliche Diktion klingt in einer Zeit von Literaturen, die sich gebrochen und modernistisch geben, schon fast wieder modern. Und nicht nur deshalb empfiehlt es sich, diesen Autor zu entdecken oder wiederzuentdecken.