Von einem 88-seitigen Büchlein kann man keine Dissertation erwarten,- zudem sich die Kosten auf 8,90 Euro belaufen. Patricia B. Mcconnell und Karen B. London machen hier im Wesentlichen Folgendes:
1. Zeigen sie in aller Kürze, aber verständlich auf, wie Leinenaggressionen entstehen können und warum der Hund überhaupt mit Aggression an der Leine reagieren könnte. Es gibt hier, natürlich, verschiedene Möglichkeiten. Dem Titel "Leinenaggressionen verstehen" werden sie mit Sicherheit gerecht.
2. Zeigen sie zwei Methoden auf, welche dem Hund eine Alternative bieten, auf eine andere Art und Weise an der Leine zu reagieren. Zum Einen handelt es sich um das Kommando "Schau", dabei wird darauf hingearbeitet, den Besitzer selbst anzuschauen und den Artgenossen möglichst zu ignorieren, bis das Kommando wieder aufgehoben wird. Die zweite Möglichkeit, die besonders in unvorhersehbaren und plötzlich auftretenden Situationen hilfreich sein soll, ist in diesem Fall "Kehrt". Dabei drehen Hund und Halter dem "Gefahrenziel" den Rücken zu und marschieren in die andere Richtung - und entziehen sich so der Konfrontation. Klingt für manche Menschen lustig und einfach - ist es aber manchmal so gar nicht. Deshalb gilt es das alles erst zu erlernen und hier sind die Autorinnen sehr anschaulich, die Texte sind lebhaft, simpel und auch interessant.
Natürlich, wenn die Beziehung zwischen Hund und Halter insgesamt nicht stimmt, dann lässt der Hund sich wahrscheinlich auch nicht dazu herab, irgendwelche (für ihn) sinnlosen Kommandos zu lernen, mit dem Halter zu kooperieren und ihm zu folgen. Dann wären andere Bücher (evtl. auch Mcconnell "das andere Ende der Leine", Michael Grewe, Günther Bloch usw.) empfehlenswert und/oder, je nach Schweregrad der Problematik, Aneignung von Praxiswissen in Form einer guten Hundeschule.
Anbei finden sich übrigens noch viele nützliche Tipps, z. B. die Ausarbeitung und Einübung eines Notfallplans für Reaktion auf freilaufende, plötzlich erscheinende Hunde ("Not-Sitz und Bleib") oder die Bewertung von Erziehungshilfen bei den Übungen (Haltis u. a.).
Das alles ist aber nicht wirklich etwas Neues, vergeblich sucht man hier nach bahnbrechenden Erkenntnissen - und wer viele oder gar alle Bücher von Patricia B. Mcconnell (meine Lieblings-Hundebuch-Autorin) gelesen hat, dürfte ohnehin kaum etwas revolutionär-Neues finden. Vieles was sie sagt oder rät, lässt sich auch ohne große Interpretationshilfe aus ihren vorangegangen Büchern entnehmen, wie ich finde. Wer aber neu auf dem Gebiet ist, noch nichts von ihr gelesen hat oder sich für Hundepsychologie bzw. in diesem Fall Leinenproblematik erstmalig interessiert, für den dürften die Informationen sicherlich wertvoll sein.
Zusammenfassend betrachtet halte ich das Buch angemessen und auch recht hilfreich bei "kleineren" Verhaltensproblematiken an der Leine, auch "prophylaktisch" geeignet um ein gewisses Verhalten von vornherein überhaupt gar nicht erst entstehen zu lassen, quasi zur Vermeidung von Stereotypisierung - weniger hilfreich wahrscheinlich für starke Ängste und schwerwiegende Verhaltensauffälligkeiten Artgenossen gegenüber, die sich nicht nur an der Leine sondern auch unangeleint äußern. Aber das kann man von einem Buch im Allgemeinen auch nur bedingt - und zu dem Preis wohl eher garnicht - erwarten.