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Alte Wege nach Siebenbürgen: Auf den Spuren der deutschen Einwanderer - mit dem Fahrrad von Luxemburg nach Hermannstadt (Tourist in Siebenbürgen) Taschenbuch – 3. Juni 2011


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Produktinformation

Produktbeschreibungen

Auszug aus dem ersten Kapitel. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Der erste Tag
Mir war klar: Ich werde auf einer Fahrradreise nach Sieben-
bürgen nicht genau den Karren- und Fußspuren meiner
Ahnen folgen können. Doch ich wollte zumindest auf einigen Stra-
ßen fahren, die schon im Mittelalter Reise- und Handelswege ge-
wesen waren. Ich hatte vor, meine Reise so zu planen, dass ich so-
weit wie möglich in 'Korridoren' fahre, in denen es im Mittelalter
mit Sicherheit Wege gab.
Ich suchte, suchte nach Wegen, die aus Franken und Lothrin-
gen, aus Flandern und Wallonien, aus Sachsen und Thüringen, aus
Schwaben und Bayern nach Osten führten. Bis Regensburg waren
es viele, denn es war im Hochmittelalter nicht nur das Tor zum
Osten, sondern auch Umschlagplatz der Waren, die Händler aus
Byzanz und von noch weiter östlich her nach Mittel- und Westeu-
ropa brachten, und der Güter, die aus Europa in den Nahen Osten
exportiert wurden. Mein Weg durch Ostarrichi, wie Österreich da-
mals genannt wurde, war vorgegeben. Er folgte der alten, einst gut
ausgebauten Römerstraße über Passau, Wels, St. Pölten, Kloster-
neuburg bis Wien und Hainburg.
Doch ab da wurde es schwierig: Genaue Hinweise zu Wegen
durch das römische Pannonien, das spätere Ungarn, gibt es für
das Hochmittelalter nicht. Alle auffindbaren Beschreibungen von
Burgen oder Zollstationen entlang der Handelswege stammen aus
späteren Jahrhunderten. Also machte ich mich auf die Suche nach
anderen Hinweisen über den Verlauf möglicher Wege in meinem
Richtungskorridor nach Siebenbürgen.
Erstaunlich, dass einige Historiker, die sich mit der Besiedlung
Siebenbürgens im Hochmittelalter beschäftigt haben, die Ansicht
vertreten, die Siedler, die sich in den südlichen Gebieten Sieben-
bürgens niedergelassen haben, seien die Donau herunter- und den
Mieresch hinaufgezogen. Die Bergleute aus Sachsen und der Zips
sollen über die Karpaten gekommen sein, dann die Theiß und den
Großen Somesch entlang bis ins nördliche Siebenbürgen. Bei so
pauschalen Aussagen, die angeblich auf Fakten beruhen, die aber 8
in keiner Quelle zu finden sind, scheint die Frage, ob im 12. Jahr-
hundert in der Großen Ungarischen Tiefebene, an der Theiß und
dem Somesch entlang entsprechende begehbare Wege existiert ha-
ben, nicht gestellt worden zu sein.
Archäologische Beweise existieren nicht. Dass es zumindest
einen Römerweg entlang des Mieresch gegeben hat, ist der Peu-
tingerischen Tafel zu entnehmen. Heute jedoch wird die Existenz
vieler der in diesem 'Reiseatlas' eingezeichneten Wege angezwei-
felt. Dazu gehört meines Erachtens auch der Weg am unteren Mie-
resch von Arad bis zu seiner Mündung in die Theiß.
Die römischen Hauptwege durch Dakien zu den Goldberg-
werken des Erzgebirges und den Salzgruben in Nordsiebenbürgen
sind bekannt und belegt. Hinweise über Wege im heutigen Ungarn
fand ich in quellengestützten Büchern, in denen über Truppen-
bewegungen und kriegerische Auseinandersetzungen berichtet
wird, die ungarische Könige geführt haben.
In älteren Geschichtsbüchern ist viel über die Herkunft der
Siebenbürger Sachsen geschrieben worden. Doch wie sind sie ge-
reist? Wo sind sie gegangen? Vieles ist der Phantasie von Histori-
kern oder Schriftstellern entsprungen, vage gestützt auf Quellen,
die für einige unumstößliche Fakten enthalten, für andere nur die
Ausgangslage von Theorien sind, die im Bewusstsein der sieben-
bürgisch-sächsischen Bevölkerung zu Mythen wurden.
Haben meine Ahnen wirklich Pferde vor ihre Wagen gespannt?
Einige wohl schon, doch das waren sicherlich die wenigsten. Ein
Mann von bescheidenem Wohlstand konnte sich im Hochmittel-
alter bestenfalls einen Esel oder ein Maultier leisten, ein Pferd
sicherlich nur Wohlhabende, Adlige, Ritter und vermögende Händ-
ler. Die Zugtiere der Ärmeren waren Maultiere und Esel, manch-
mal wurden Ochsen oder Kühe vorgespannt. Und wer kein Zugtier
hatte, musste selbst vor den Karren.
Niemand wird behaupten, nur Adlige seien nach Siebenbürgen
ausgewandert, wie man unkritisch so mancher ungarischen Ur-
kunde entnehmen könnte. Diese berichten, dem Zeitgeist entspre-
chend, von hospites und nobilis, die mit Privilegien ausgestattet
wurden, jedoch niemals von Handwerkern, Berg- und Hütten-
leuten, Händlern und Bauern. Was die Menschen bewogen hat,
ihre Heimat zu verlassen, wissen wir nicht, darüber können wir
nur spekulieren.
Soziale Gründe waren sicherlich eine der Ursachen. Doch galt
das für alle? Einige von ihnen wurden wohl vom Entdeckergeist ge-
trieben, andere könnten von Neugierde beseelt gewesen sein, und
viele waren bloß Mitläufer.
Nicht zuletzt waren auch Abenteurer unter ihnen. Zum Beispiel
Kreuzfahrer, die, aus welchem Grund auch immer, den kürzeren
Weg nach Siebenbürgen dem langen, beschwerlichen, unsicheren
nach Jerusalem vorgezogen haben. Andere wiederum, enttäuscht
vom Misserfolg im Heiligen Land, könnten auf dem Rückweg nach
Europa nach Siebenbürgen abgezweigt sein, in der Hoffnung, dort
ihr Seelenheil oder die versprochenen Schätze – Freiheit, Grund
und Boden – zu finden. Es waren immer die unruhigen Geister, die
der Menschheit neue Lebensräume erschließen konnten, die die
Welt verändert haben. Warum sollte es bei der Besiedlung Sieben-
bürgens anders gewesen sein?
Beim Abschied gibt mir meine Frau ein Kärtchen, auf dem ein
Fahrrad abgebildet ist. Darauf hat sie einen Wunsch geschrieben,
der auf meiner Reise zu meinem täglichen Gebet werden wird:

Irischer Segenswunsch
Möge die Straße uns zusammenführen
und der Wind in deinem Rücken sein;
sanft falle der Regen auf deine Felder,
und auf dein Gesicht der Sonnenschein.
Führe die Straße, die du gehst,
immer nur zu deinem Ziel bergan.
Hab, wenn es kühl wird, warme Gedanken
und den vollen Mond in dunkler Nacht.
Hab unterm Kopf ein weiches Kissen,
habe Kleidung und das tägliche Brot;
bevor der Teufel merkt: Du bist schon tot.
Bis wir uns mal wiedersehen,
hoffe ich, dass Gott dich nicht verlässt;
Er hält dich in seinen Händen,
doch halte seine Faust dich nie zu fest.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich fest in seiner Hand.

Es ist kühl an diesem klaren Morgen im Juni, als ich ins Auto
steige, um mir einen Traum zu erfüllen. Rad und Gepäck sind ver-
staut, und Andreas, einer meiner ehemaligen Studenten, wartet, bis
ich mich von meiner Frau verabschiede. Noch einmal umarmt sie
mich, schaut mir in die Augen und bittet mich, die Reise abzubre-
chen, wenn ich meine, sie werde zu schwer. '2500 Kilometer, das
ist viel', sagt sie leise. 'Bedenke, du bist jetzt siebzig.' Ich will das
Kärtchen lesen, doch sie drängt mich sanft auf den Beifahrersitz
und sagt: 'Lies es auf der Fahrt. Mach’s gut!'
Andreas fährt langsam vom Grundstück, und ich sehe meine
Frau winkend ins Haus gehen. Bis ich wiederkomme, werden Wo-
chen vergehen. Ab jetzt beschäftigt mich nur noch meine Reise. In
die Stille hinein fragt Andreas: 'Warum startest du in Luxem burg,
und warum gerade jetzt, 2007?' 'Es gibt drei Gründe', sage ich.
'Erstens gehört der Großraum Luxemburg sicher zu den Regionen,
aus denen meine Ahnen, wie ich die Siedler nenne, die im 12. und
13. Jahrhundert nach Siebenbürgen ausgewandert sind, stammen.
Der zweite ist: Luxemburg und mein Geburtsort Hermannstadt
sind 2007 partnerschaftliche ›Europäische Kulturhauptstädte‹. Und
der dritte ist ein ganz persönlicher: Ich mache mir mit dieser Reise
ein...

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