Tobias Wolff, nach etlichen anderen Büchern Ende der neunziger Jahre mit seinem autobiographischen „This boy`s life" ( verfilmt mit L. Di Caprio und Robert de Niro) auf einen Schlag berühmt geworden, legt nun mit „Alte Schule" einen anspruchsvollen Bildungsroman vor, in dem sicher auch viele eigene Collegeerlebnisse verarbeitet sind.
Der siebzehnjährige Ich-Erzähler besucht Anfang der sechziger Jahre als Stipendiat eines der besten Internate der amerikanischen Ostküste.
Die Mehrheit seiner Mitschüler sind Söhne aus reichen Familien, die sich nicht nur durch ihre Kleidung unterscheiden , sondern auch durch die Selbstsicherheit und gesellschaftliche Routine, mit der sie auf den Platz in der Gesellschaft zusteuern, der seit ihrer Geburt für sie freigehalten wird.
Nur in einer Hinsicht kann der Ich-Erzähler mit seinen Mitschülern wetteifern: in seinem fast fanatischen Interesse für Literatur, die an dieser Schule traditionsgemäß einen hohen Stellenwert genießt. Seine jüdische Herkunft verschweigt er, um nicht noch weiter außerhalb zu stehen.
Jedes Jahr lädt die Schule einen erfolgreichen Schriftsteller ein. Nach einem literarischen Wettbewerb vor dem Besuch wird der Autor des besten Gedichtes oder Prosastücks ein Nachmittag mit dem berühmten Autor verbringen.
Als im dritten Oberstufenjahr des Erzählers der Besuch Ernest Hemingways angekündigt wird, verschärft sich die Konkurrenz der Jungen ins Unerträgliche und der offizielle Verhaltenskodex der Schule- Ehre - Loyalität - Freundschaft- zerbricht unter diesem Druck.
Doch nicht nur die Schüler stehen unter Druck ....
Ein wunderbares Buch eines Schriftstellers, von dem sicher noch etliche Werke zu erwarten sind. „Alte Schule" lässt den Leser die Atmosphäre eines Eliteinternats in den Sechzigern spüren; man hat den Eindruck, als sei man selbst ein Teil des Schulsystems. Dass der deutsche Leser des 21. Jahrhunderts nicht alle Schriftsteller und Werke, die in diesem Buch erwähnt sind, kennen und würdigen kann, tut dem Lesegenuß keinen Abbruch; eher ist es eine Einladung, einigen dieser Autoren einmal genauer nachzuspüren.