Thomas Bernhard beschließt mit "Alte Meister" die 'Trilogie der Künste', die mit "Der Untergeher" ihren Anfang und durch "Holzfällen" fulminant fortgesetzt wurde. Auf zweithundert Seiten erstreckt sich ein gigantisches Panorama an literarischen, musikalischen und kunsthistorischen Bezügen, die durch bitterböse Analyse und Kritik demontiert und verunglimpft werden.
Thomas Bernhard "erzählt" die Geschichte von zwei alternden Herren, die sich alle zwei Tage im kunsthistorischen Museum treffen, um dort vor Tintorettos Gemälde "Weißbärtiger Mann" zu sitzen und über Kunst und Literatur, das Leben und das Sterben zu reden.
Dabei unterteilt sich der bernhardsche Monolog in zwei Abschnitte: der Ich-Erzähler Atzbacher begibt sich eine Stunde vor dem eigentlichen verabredeten Zeitpunkt ins Museum und beobachtet seine "Verabredung" Reger und reflektiert; seien es Gesprächsinhalte, Meinungen oder geäußerte Kritiken: der Leser erhält ein glänzendes Bild der scharfzüngigen Dialoge. Dabei verliert sich Reger stellenweise zwar in (un)geahnte Hasstiraden, das Miterleben derselbigen macht jedoch - typisch Bernhard - sehr viel Freude. In der zweiten Hälfte treffen die beiden alten Männer (oder Meister?) aufeinander, setzen sich vor Tintorettos Gemälde und unterhalten sich.
Wie es der Leser von Thomas Bernhard gewohnt ist, sind die zweihundert Seiten (in der Suhrkamp Werkausgaben-Edition) absatzlos und durchgängig geschrieben. Dem Leser wird keine Zeit gegeben, sich auszuruhen, sich von den philosophischen, zynischen Exkursen in die klassische Musik, die klassische Literatur oder klassische Kunst zu erholen. Das Mitdenken, teilweise sogar eine Internetrecherche werden vorausgesetzt, insofern man die benannten Stücke, Gemälde oder literarischen Texte nicht kennt - sprechen die beiden nämlich über ein bestimmtes Kunstwerk und der Leser kennt es bereits oder hat es auf seinem heimischen Bildschirm wird aus dem Sezieren, dem Zerstückeln und Demontieren seitens Reger ein visuelles Geschehen. Aber nicht nur die Künstler und Dichter bekommen die intellektuelle Bratpfanne über den Hinterkopf geschlagen, nein, auch Lehrer, Haushälterinnen und Ärzte (und viele mehr) bekommen einen kräftigen Schlag versetzt.
Der Untertitel "Komödie" ist dabei wörtlich zu nehmen, denn zu keinem Zeitpunkt hat Thomas Bernhard so viel Spaß gemacht wie in "Alte Meister". Die Unbändigkeit, die Stringenz der Boshaftigkeiten und Kritik lassen einen durchweg schmunzeln - und das Schöne ist, dass ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte, dass Bernhard sich wiederholt und Altbekanntes erneut verwendet. Die eingebaute, tragische Liebesgeschichte erhält zwar keine solch durchdringende Intensität wie die Familiengeschichte in "Korrektur", dennoch wissen auch diese Sequenzen zu überzeugen.
Der Satz "Der denkende Mensch ist von Natur aus ein unglücklicher Mensch" (S. 68) steht dabei jedoch stellvertretend für die Thematik des ganzen Romans, denn die ständige Analyse und das daraus resultierende fehlende Können, ein Buch oder Gemälde wirklich genießen zu können, machen aus den alten Männern traurige, bemitleidenswerte Gestalten, die außer ihren sich wiederholenden Treffen nichts mehr besitzen, dass ihnen Glück verspricht.
Die Ausgabe vom Suhrkamp-Verlag ist erneut ein bibliophiler Hochgenuss. Der schöne Einband, das Lesebändchen und das spannende sowie interessante Nachwort runden das - ohne Zweifel - brillante Werk Thomas Bernhards gekonnt ab. Durch den hohen Preis ist diese Ausgabe unter Umständen aber eher etwas für Bernhard-Fans oder für Sammler toller Werkausgaben.
Abschließend zitiere ich erneut das 'enfant terrible' der deutschsprachigen Literatur:
"Wir können anschauen, was wir wollen, wir können hingehen, wo wir wollen, wir schauen nur in Bosheit und Niedertracht und in Verrat und Lüge und in Heuchelei und immer nur in nichts als in absolute Niedrigkeit hinein, gleich was wir anschauen, gleich, wo wir hingehen, wir sind mit Bosheit und mit Lüge und Heuchelei konfrontiert." (S. 131f.)
In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen.