Ich habe ein Problem mit Hörbüchern. Das steht ganz unmittelbar mit dem im Zusammenhang, worauf Reich-Ranicki bereits 1962 hingewiesen hat. Zum Thema Autorenlesungen hieß es: „Bei der lediglich akustischen Darbietung literarischer Texte werden die Gegenstände der Betrachtung nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt präsentiert, sondern zugleich mit einer Interpretation versehen. Stimme und Tonfall erzeugen eine Atmosphäre, die vielleicht, hätte man nur das Manuskript in der Hand, unbemerkt geblieben wäre."
Es versteht sich von selbst, daß der Vortrag seine Aufmerksamkeit nicht nur auf eine bestimmte Interpretation lenkt, sondern sie gleichzeitig jeder anderen beraubt. Mit anderen Worten, der Text verliert. Eine ähnliche Erfahrung macht man immer wieder, bei der Verfilmung literarischer Vorlagen. In der Hauptsache enttäuschen sie, nicht unbedingt, weil schlechte Filme entstehen, sondern weil sie der Tiefe und Mehrdimensionalität eines Textes nicht gerecht werden.
Es gibt aber Fälle, da kehrt es sich gerade zum Gegenteil. Der Vortrag des Zarathustra von Otto Clemens ist ein solcher Fall. Am Zarathustra, heißt es, scheiden sich die Geister. Für die einen ist es das Herzstück von Nietzsches Schaffen, Dichtung und Poesie, deutsche Sprachgewalt wie es sie seit Luther nicht mehr gab; für die anderen eine Aufweichung, der von Nietzsche gewohnten Sätze aus Granit, einfach und schwer, geschaffen für einen Steinwurf gegen das Glashaus der Zeitgemäßen. Ich habe mich immer den letzteren zugezählt. Der Zarathustra scheint mir, wenngleich wenig zimperlich, doch von einer überdichteten, mitunter ins Rührseelige verfallenen Art, die nicht nur sprachgewaltig ist, sondern auch der Sprache Gewalt antut. Beim Lesen habe ich meine Probleme. Beim Hören nicht. Das Projekt von dem bekannten Theater- und Filmschauspieler Otto Clemens und dem Musiker Peter N. Gruber hat mich emotional überzeugt. Der Vortrag hat mich nicht berührt, er hat mich durchdrungen. Für mich hat er den Zarathustra gerettet.
Naturgemäß hört man auf der CD nicht das ganze Werk, sondern eine gefällige Auswahl. Die aber wird dem Ganzen durchaus gerecht, zum einen, weil Nietzsche selbst den Zarathustra nicht systematisch konzipiert hat und zum anderen, weil es hier mehr um das Atmosphärische und Ästhetische geht, als um den Gesamtzusammenhang. Weniger um Philosophie, mehr um Dichtung.
Eine Bereicherung bietet die musikalische Unterstützung, die sich allein auf einen Kontrabaß beschränkt. Niemand braucht sich hier vor einer peinlichen Orchestrierung fürchten, wie man sie oft im Filmischen erdulden muß. Stimme und Instrument erreichen hier eine seltene Intimität. Das eine scheint erschaffen für das andere. Beide haben Nietzsche beim Wort genommen, als er einmal meinte, „Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen".