Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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26 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Meyers Milleustudien, 17. Juni 2007
Meyers Romandebüt ist die ostdeutsche Antwort auf "Trainspotting" - rotzig, rauh, vulgär, desillusionierend, ein Buch voll von schmutzigem Sex, von Gewalt und Kriminalität. Und ein Buch, das einen hineinsaugt und erst auf Seite 518 wieder ausspuckt. Ein Panoptikum Leipziger Looser, das wehtut und fasziniert, denn Meyer zeichnet seine Figuren genau, quälend genau. Erzählt wird nichtchronologisch von den vergeblichen Versuchen der Protagonisten, ihren Platz im Leben zu finden. Meyer lässt sie alle scheitern, manche gar krepieren; sie zerbrechen an Alkohol, Drogen, an elterlicher Gewalt und den Rivalitäten diverser unterschiedlich orientierter Gangs. In der Bronx kann es nicht katastrophaler zugehen.
Held und Ich-Erzähler Daniel Lenz, von allen nur Danie genannt (der Nachname taucht nur zweimal auf, in Episoden aus der Schulzeit), streift mit dem Leser rastlos durch illegale Clubs, versiffte Kneipen, Puffs, Knast, Abrissviertel und Swinger-Clubs. Dass er den Leser dabei gelegentlich auf die falsche Fährte führt, wird offensichtlich, wenn er etwa den Unfalltod eines Freundes in drei aufeinanderfolgenden Versionen erzählt oder auch sonst gelegentlich verschiedene Blicke auf ein und dieselbe Handlung wirft. Dabei bleibt unklar, was tatsächlich passiert ist und wo Danie flunkert und aufträgt. Denn dass seine Helden stets dick auftragen, um Helden zu sein und sich gegen die zu behaupten, die noch dicker auftragen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Und wenn das Glück schon nicht kommen mag, wird es eben herbeigeträumt.
Der Roman beginnt, wollen wir das Geschehen zeitlich sortieren, als die DDR in den letzten Zügen liegt, und wirft Schlaglichter auf eine eigenartige Zeit totgelaufener Rituale und der mumifizierter Worthülsen, die jedem "gelernten DDR-Bürger" nur zu gut in Erinnerung sein dürften, auf eine Katastrophenschutzübung in der Schule etwa samt parteipolitischem Brimborium und Floskelgestelze oder auf die grotesk naive Teilnahme der Jungs an einer der Montags-Demos.
"Als wir träumten" - das bedeutet auch: als die Protagonisten von Drogen und Alkohol umnebelt durch ihr Leben und immer tiefer in den Dreck hinein gezogen werden. Eindrücklich ist beispielsweise die Schilderung eines der ersten Brüche von Danie und Mark, der in sinnloser Zerstörungswut endet oder die Berichte von den "selbstlosen" Hilfsaktionen bei der massenhaft Grog und Apfelschnaps trinkenden, nahezu blinden Frau Böhme, um die sich gleich mehrere Gangs prügeln, weil es dort Geld zu klauen gibt ("Hier ist besetzt, is nicht euer Revier, is unsere Alte.").
Dem Leser wird bei dieser atemlosen Innenschau nichts geschenkt. Und doch verfällt Meyer nicht in die weit verbreitete Larmoyanz so manches anderen Ostdeutschen, früher sei alles besser gewesen, denn er zeigt, dass das Scheitern der Akteure sein Wurzelwerk tief in der DDR-Vergangenheit hat. Dass der Ich-Erzähler manche DDR-Interna selbstverständlich voraussetzt und nicht mit dem Kniff oberlehrerhaften Herausgebertums in Fußnoten erklärt, wie es weiland Ingo Schulze getan hat, macht es einem Leser, der den Osten der Republik nicht kannte, vermutlich schwer. Doch seis drum: "Als wir träumten" will kein Geschichtsbuch sein, sondern ein rastloser Abriss der Zeit, als Danie und die anderen träumten von ihrem kleinen Glück und sich auch glaubten.
Aufregende Literatur präsentiert immer auch das Unerwartete, und Meyer schafft es, aus diesem Unerwarteten das Komische herauszuarbeiten. So beschreibt er, wie ausgerechnet die "hundertdreißigprozentige" Gruppenratsvorsitzende aus der DDR ausreist oder wie Danie beim Ableisten von Sozialstunden nach der Wende den Parteisekretär der Schule als ABMler wiedertrifft.
Es ist ein großer Verdienst des Autors, dass der sezierende Millieublick keine Karrikaturen oder Abziehbilder fokussiert, sondern dass er seine Protagonisten stets ernst nimmt. Völlig zu Recht war er für den Preis der Leipziger Buchmesse 2006 nominiert. Für ein unglaubliches, ein trauriges, ein komisches Buch.
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45 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Huckleberry Finn aus Leipzig, 2. März 2006
Von Ein Kunde
Ein starkes Buch, obwohl ich das nach den ersten paar Seiten noch nicht vermutete: da schien erstmal nur „Milljöh“ zu sein, Genre, Kolorit, der Sound des wilden Ostens, „Leipzig von unten“, „Eastside Story“ mit absehbarem Niedergang, mit immer mehr Suff, Kriminalität und Knastologie, und das ohne den großen Bogen einer Oliver-Twist- oder sonstigen Story. Ich dachte, das ist es also, und das muss ich nicht unbedingt ganz lesen (518 Seiten!). Großer Irrtum, und ich las glücklicherweise weiter. Clemens Meyer schreibt schnörkellos und lakonisch, scheinbar ganz im Jargon der Jugendlichen, die er da durch die Wende- und Nachwendejahre begleitet, ist dabei aber ein scharfer Beobachter mit gutem Ohr. Ich fühlte mich immer mehr an amerikanische Erzähler erinnert, und insbesondere an Mark Twain und seinen Huckleberry Finn. Die Dialoge sind Klasse, sie entwickeln sich langsam und umweghaft wie im richtigen Leben und „stimmen“ derart, daß man immer mehr davon haben will. Drehbuchautoren (besonders vom Fernsehen) sollten sich das mal gut ansehen. Die Hauptsache ist aber, daß der Autor, der sich in seinem Erzählen so rau gibt, eine überzeugende Liebe zu seinen Figuren hat und dazu an den richtigen Stellen die sensible Sprache, um das rüberzubringen. Das Leben dieser Jugendlichen ist abenteuerlich trist, aber unverwüstlich hoffnungsvoll. Man möchte immer mehr darüber lesen, wie es mit ihnen weitergeht. Mir waren am Ende 518 Seiten zu wenig.
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25 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wachablöse in der Popliteratur? , 9. Januar 2007
Nachdem jahrelang die Damen und Herren Stuckrad-Barre, Kracht
und von Lange die Popliteratur prägten, scheinen nun Autoren
auch den Blick nach "unten" zu richten. Bücher über den "White
Trash" wie "Weine nicht .." von Andre Pilz (Zufall?, dass dort
der Held Rico Steinmann, in "Als wir träumten" einer der Haupt-
akteure Rico Grundmann heißt?) oder eben "Als wir träumten" bringen
etwas Neues, Aufregendes - aber vielleicht ist es das nur, wenn man
nicht in diesem Milieu leben muss.
Bevor ich mit Freude fünf Sterne gebe, die Schwächen des Buches:
Wenn sich Sven Regener mit Irvine Welsh paaren würde, käme bestimmt
ein Clemens Meyer raus. Manchmal hat er die Geschwätzigkeit von Regener,
manchmal die Boshaftigkeit von Welsh. Er ist trotzdem ein eigenständiger,
ein guter Autor. Was mir nicht so gefallen hat: Auf manchen Seiten findet
man 50 x "dann", das war mir einfach zuviel, auch wenn das wohl den Ich-
Erzähler charakterisieren soll. Manchmal übertreibt Meyer es mit der
Langsamkeit (eine neue Entdeckung?): wenn sich die Bitte nach einer
Zigarette über 3, 4 Seiten zieht, ist mir das zuviel. In diesem Punkt
fand ich "Weine nicht" besser.
Trotzdem war ich traurig, als ich am Ende war. Was für ein tolles Buch!
Bitte um Zugabe! Grandios die Zusammenstellung der Kapitel, die nicht
chronologisch ist, sondern wie in Filmen schon praktiziert (21 Gramm).
Bastian Sick und Kehlmann beherrschen die Bestsellerliste. Die wahren
Meister sind anderswo.
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