"A freewheelin' time. A memoire of Greenwich Village in the Sixties" lautet der Titel der englischen Originalausgabe, die 2008 erschien. Als Dylan-Fan wurde ich vom Cover ebenso magisch angezogen wie von den zitierten Sätzen auf der Rückseite. Immerhin ist der Kritiker beim "The Guardian" der Meinung, dass von allen noch ungeschriebenen Büchern über Dylan dieses wohl das meist erwartete sei. Aber falls er dies wirklich meinte, ist er wohl enttäuscht worden. Weniger weil die erste Liebe von Bob Dylan keine große Schriftstellerin ist, sondern weil Suze Rotolo mehr über sich, ihre Familie, die 1960er-Jahre und das Lebensgefühl in Greenwich als über Bob Dylan spricht.
Bevor Suze Rotolo mit ihrer Erinnerungsarbeit beginnt, zitiert sie Italo Calvino, der meisterhaft auf den Punkt bringt, auf welche Fragen ein solches Buch überhaupt Antworten liefern kann. "Wer sind wir denn, wer ist denn jeder von uns, wenn nicht eine Kombination von Erfahrungen, Informationen, Lektüren und Phantasien?" Die damals 17jährige Suze Rotolo konnte gar nicht erahnen, mit welchen Schwierigkeiten eine junge Liebe kämpfen muss, wenn der Partner fast über Nacht weltberühmt wird. In ihrem Rückblick spricht sie denn auch von einem "Parallelleben" , auf das sie sich einlassen musste und mit dem sie nicht zurecht kam. Und dass am Scheitern ihrer Beziehung auch die damalige Rolle der Frau und ihre Familie einen großen Anteil hatten, legt sie ohne Schuldzuweisung anschaulich dar.
Nachdem sich Suze Rotolo von Bob Dylan getrennt hatte, fuhr sie nochmals nach Italien, wo sie 1972 den Cutter Enzo Bartoccioli heiratete, erneut schwanger wurde, aber diesmal ihr Kind nicht abtrieb. Und auch wenn sie über die Jahre zwischen 1964 und 2008 in ihrem Buch kaum ein Wort verliert, darf der Leser annehmen, sie traure der Zeit in Greenwich nicht nach. Die 1960er-Jahre nicht zu verklären, sondern einfach als erfahrene Geschichten zu beschreiben, ist für mich eine der Qualitäten dieses Buches. Unaufgeregt und persönlich erzählt Suze Rotolo von den Leiden und Freuden einer jungen Frau, von Begegnungen mit unbekannten und bekannten Menschen und vom Aufbruch in eine neue Zeit. Und gerade ihr nüchterner Ton erlaubt es jüngeren Lesern vielleicht besser, sich in eine Gesellschaft einzufühlen, die Angst vor dem Kommunismus, der Atombombe und großen Veränderungen hatte.
Mein Fazit: Ein Enthüllungsbuch ist dieser Rückblick von Suze Rotolo sicher nicht. Und auch wenn das einige Dylan-Fans bedauern mögen, finde ich das gut so. Was oft zwischen den Zeilen steht und was die damalige Jugendfreundin von Dylan in klare Worte fasst, korrigiert keine Bilder, sondern lässt neue Mischungen und Ordnungen zu. Zudem ist dieses Buch ein schönes Beispiel, wie Erinnerungsarbeit ohne plakative Wehmut und Sehnsucht nach einer stilisierten Vergangenheit möglich ist. Das Bildmaterial ist zwar nicht umwerfend, enthält aber einige Perlen.