Als Erich Kästner ein kleiner Junge war, war manches anders als heute, aber andererseits hat sich soooo viel auch wieder nicht geändert -- in vielen Details schon, aber nicht unbedingt im Wesentlichen. Daher verstehen heutige Leser auch auf Anhieb, was Kästner meint, wenn er über das Leben der "kleinen Leute" vor mittlerweile über 100 Jahren (erstmals erschienen ist das Buch 1957) schreibt und einem vieles anschaulich und detailreich vor Augen bringt.
Allein das hat schon Charme -- aber wenn ein Erich Kästner sich erinnert und das in seiner augenzwinkernden Sprache tut, warmherzig und absolut kitschfrei, dann wird die Lektüre doppelt so reizvoll. Mindestens.
Kästner erzählt -- von den Anfängen seiner Familie, den Kästners und den Augustins, und im dritten Kapitel schließlich erfährt man, wie seine "zukünftigen Eltern [...] sich endlich kennen[lernen]". Vordergründig entpuppt Kästner sich als charmanter Plauderer, der viel Interessantes zu berichten weiß -- sein Bericht jedoch ist dermaßen brillant, dass man vor lauter scheinbarer Einfachkeit überhaupt nicht bemerkt, wie ausgefeilt sein Stil ist. Jedenfalls steht "Als ich ein kleiner Junge war" Kästners Gedichten, Romanen (und Kinderbüchern!) in nichts nach. Der Meister der Neuen Sachlichkeit kann und will sich auch hier nicht verleugnen, und wer anders kann vor des Lesers Augen Szenen erstehen lassen wie die folgende: "Die Welt vorm Fenster war grauweiß und kahl, und der Wind fegte die Felder wie ein betrunkener Hausknecht"?
Überhaupt, Kästners ganz eigener, charakteristischer Stil, warmherzig und ironisch zugleich; diese Sprache, in der die Stunden schon mal "müde um den glühenden Kanonenofen herum" schleichen... Darüber könnte man Romane schreiben, aber man kann sie auch ganz einfach genießen, sich rühren lassen und manchmal auch ganz einfach loskichern, weil wieder mal eine Formulierung halt gar zu treffend ist.
Man lernt Kapitel für Kapitel die Welt des allmählich heranwachsenden Erich Kästner kennen -- und Kästners Rückblick ist nicht in verklärenden Nebel getaucht, im Gegenteil: Nicht selten schraubt er das Teleobjektiv vor die Erinnerung, und so erfährt man in "kleinen" Geschichten, etwa über die Untermieter der Familie, über Vater Kästners Liebe zum Handwerk oder die Schicksale von Kundinnen seiner Mutter, die als Haus-Friseuse die Haushaltskasse aufbesserte, sehr viel über die nicht immer "gute alte Zeit" und ihre Gepflogenheiten, und im Gegensatz zu manch anderer Schilderung vergisst man Kästners Darstellung bestimmt nie wieder.
Vor allem aber sind diese Erinnerungen eine Liebeserklärung Kästners: Zunächst einmal an seine Heimatstadt Dresden -- "Ich mußte, was schön ist, nicht erst aus Büchern lernen. [...] Ich durfte die Schönheit einatmen wie Försterkinder die Waldluft.", schreibt er einmal. Und tatsächlich schleicht sich in jene Passagen, in denen er "seine" Stadt schildert, eine leise Melancholie ein, eine leise, sympathische Melancholie.
Vor allem aber ist "Als ich ein kleiner Junge war" eine Liebeserklärung an seine Mutter -- eine Liebeserklärung, die auch dunkle Seiten nicht verschweigt und gerade deswegen so lebendig und glaubwürdig ist.
"Als ich ein kleiner Junge war" ist eines jener seltenen Bücher, deren Charme, Klugheit und Witz nicht nur zeitlos in allen Facetten schimmern -- es ist auch, unabhängig von Alter oder Interessen, ein echter Gewinn für jeden Leser.