Die Handlung dieses Romans wird durch einen Erbfall in Gang gesetzt. Lucas, ein junger aufstrebender Jurist, verliert seinen letzten Verwandten. Lucas' Onkel, ein schwerreicher Galerist, nimmt sich überraschend das Leben. Lucas erbt alles: Die Galerie, das Londoner Stadthaus, unzählige wertvolle Bilder und Stoneborough Manor, ein altes englisches Herrenhaus, wie es im Buche steht.
Aber Lucas erbt auch eine große psychische Last. Denn auf die Frage, warum sich ausgerechnet sein lebenslustiger, charmanter, beliebter und - wie es schien - vollkommen sorgenloser Onkel umgebracht hat, fällt ihm einfach keine Antwort ein.
Doch es scheint, als lebten das Charisma und der Fluch dieses Onkels auch nach seinem Tod weiter. Zumal Lucas in dessen Fußstapfen tritt. Er gibt sein Leben als Jurist in London auf, bezieht Stoneborough Manor und führt es als offenes Haus. So wie zur Jugendzeit des Onkels die Begabten, Schönen und Verrückten dort aus und ein gegangen sind, mit Drogen, Sex und Alkohol experimentierend, so füllt sich der Landsitz jetzt mit Lucas' Clique aus Oxforder Studententagen.
Zu der Clique gehört auch Lucas langjährige Freundin Joanna, aus deren Perspektive der Roman erzählt ist. Joanna steht dem prächtigen Herrenhaus von Anfang an skeptisch gegenüber. Zwar ist auch sie geblendet von dessen Glanz und Würde, aber sie spürt zusätzlich die unheimlichen Schwingungen, die von dem Anwesen ausgehen. Es verbirgt ein finsteres Familiengeheimnis, dessen Schichten im Lauf der Handlung enthüllt werden.
Diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, ist spannend und immer wieder neu überraschend, zumal die Autorin sich sehr gekonnt der Ingredienzen der klassischen englischsprachigen Literatur bedient. Wie in Oskar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" gibt es ein Bild, das, wüßte man es zu lesen, so manches über das finstere Geheimnis verraten würde. Und wie in Edgar Allan Poes "Der Untergang des Hauses Usher" scheint das Verhängnis so tief in die Materie des Gebäudes eingedrungen zu sein, dass sich alle Enthüllungen nur in dem immer unheimlicheren Gemäuer abspielen können.
Aber Lucie Whitehouse ist viel zu klug, um eine platte Kopie dieser Vorlagen abzuliefern, sie nutzt lediglich äußerst geschickt deren Anspielungspotential, um Leselust, Grauen und gespannte Erwartung beim Leser zu provozieren - und ihn bis zu einem wahrlich markerschütternden Finale zu führen.
Dieser Roman ist ein modernes Buch über Liebe, Freundschaft und den Fluch einer Familie im Gewand eines klassischen Schmökers und damit: beste Unterhaltung!