Kapitel Eins
Wann hatte alles angefangen? Sie würde es nie mit Sicherheit wissen, auch wenn sie später die Spuren bis zu einem Abend im frühen Winter zurückverfolgte, wie man mit dem Finger auf der Landkarte dem Lauf eines breiten Stroms bis zum kaum sichtbaren Rinnsal seiner Quelle nachgeht. Sie erinnerte sich an die Kälte und Dunkelheit draußen und an den feuchten, stürmischen Wind. An das Klappern von Mülltonnendeckeln, das Zischen von Autoreifen in Pfützen, das Rascheln von Sträuchern und das Knarren sich biegender Bäume. Drinnen war es warm, und im Lichtschein der Lampen und Kerzen wirkte das Zimmer wie eine tiefe Höhle im geheimen Herzen Londons. Sie grübelte so lange darüber nach, was geschehen sein mochte, bis sie nicht mehr auseinander halten konnte, was sie wirklich wusste und was sie sich nur einbildete. Sie leuchtete die dunklen Winkel aus, füllte die Momente mysteriösen Schweigens mit dem vielsagenden Gemurmel ihrer Stimmen und gab sich dem Bild hin, das die beiden zusammen zeigte der Augenblick, in dem ein Streichholz angerissen wird, die kalte Flamme am trockenen Zunder leckt, ohne dass jemand auch nur ahnt, was für ein verheerender Brand daraus entstehen wird. Hätten sie ihn verhindert, wenn sie es gewusst hätten? Hätten sie die Flamme ausgepustet und es dabei belassen bei dem Augenblick, der eine Möglichkeit eröffnete, an den sie sich später, wenn überhaupt, mit einem wehmütigen Gefühl für die Gefährlichkeit des Lebens erinnern würden?
Und sie selbst, Irene? Wenn sie das Zerstörerische, das jener Abend barg, unbemerkt hätte abwenden, es mit einem einfachen Klick hätte ausschalten können, hätte sie es getan? Hätte sie es wirklich getan?
Es war schon spät, als die Gäste einzeln oder zu zweit aufbrachen. Irene beobachtete, wie sie sich über Adrian beugten, der sich auf dem durchgesessenen Sofa zurückgelehnt hatte. Sie klopften ihm auf die Schulter, umarmten und küssten ihn und versicherten, es habe Spaß gemacht, er sei wunderbar gewesen, brillant. Der Anfang einer großen Zukunft, sagten sie, ohne es selbst zu glauben, denn er hatte nur zwei kurze Auftritte gehabt, das zweite Mal als Leiche in einer Ecke des Fernsehschirms, die nackten Beine grässlich bleich und behaart. Daran, wie er die Gäste anlächelte, leicht betrunken, erkannte Irene, dass er selbst es zwar auch nicht so ganz glaubte, aber im Rausch und im Überschwang der Hoffnung die Kontrolle verloren hatte. Er starrte auf die schwangere Sarah, deren Bluse sich über dem Bauch spannte, sodass sich die Umrisse ihres Nabels abzeichneten, und atmete Gregs Geruch nach Zigaretten und Aftershave und den raffinierten Duft von Monas herbem Parfum ein.
Alle anderen wirkten ungezwungen und relaxt. Der Schein des Kaminfeuers ließ ihre Konturen verschwimmen, Alkohol und Müdigkeit hatten ihre Ecken und Kanten geglättet, doch Irene fühlte sich angespannt und war auf der Hut, eine Frau mit Profil und klaren Standpunkten. Sie wusste, wie sich Adrian gerade fühlte, als wäre sie an seiner Stelle. Ein leichter, pochender Kopfschmerz über seinem linken Auge. Morgen würde er einen trockenen Mund haben, unter Übelkeit leiden und schlecht gelaunt sein. Er würde die Kinder anschnauzen, sich beim Rasieren schneiden und sein verkatertes Gesicht besorgter als sonst im Spiegel anstarren. Jetzt aber setzte er ein noch breiteres Grinsen auf, spürte, wie die Haut um den Mund spannte, und goss sich ein weiteres Glas Wein ein, das er in schnellen, gierigen Schlucken leerte, ohne sich um Irenes besorgten Blick zu kümmern. Er schüttelte Gary die Hand, küsste Lisa auf den Mundwinkel und erklärte den Gästen, sie müssten noch nicht gehen. Sie sollten noch ein bisschen bleiben. Er wollte nicht, dass der Abend zu Ende ging und der nächste Tag kam, das kalte blaugraue Licht des Morgens.
Dann weinte irgendwo ein Kind und rief schluchzend: Mami! Maamiiii! Irene stand sofort auf, drehte den letzten Gästen den Rücken zu und lief die Treppe hoch, über den abgewetzten Flurteppich ins Bad, wo Clem im Halbdunkel auf den kalten Fliesen kniete, über die Toilettenschüssel gebeugt, und wimmerte. Irene kauerte sich neben ihre Tochter, legte ihr die kühle Hand auf die feuchte Stirn und murmelte tröstende Worte. Mein Püppchen, sagte sie, mein Engel. Sie hörte Stimmen, die sich verabschiedeten, und dass Türen geöffnet und geschlossen wurden. Es wird wieder gut, sagte sie. Alles wird gut. Sie wusste, dass sie nicht nur ihrer Tochter, sondern auch sich selbst Mut zusprach. Sie hatte keine Lust, wieder hinunterzugehen, jetzt noch nicht.
Deshalb konnte sie sich nur ausmalen, was dort unten als Nächstes geschah. Sie ließ es in ihrer Phantasie so lebendig werden, dass sie das Gefühl hatte, sie sei dabei gewesen, im Dunkeln, als heimliche Beobachterin. Schließlich war nur noch Frankie geblieben; sie saß am Tisch, auf dem noch die Reste des Abendessens standen, die Beine leicht gespreizt, sodass Adrian ihre weichen Schenkel sehen konnte. Sie trug eine dünne, weite Bluse, und wenn sie sich vorbeugte, erhaschte er einen Blick auf die Rundungen ihrer Brüste. Für einen Moment wirkte sie auf ihn wie ein Kunstwerk, zeitlos und wohlkomponiert: das Kornblumenblau ihrer Bluse und der sanfte Glanz ihrer kräftigen nackten Unterarme, während die Kerzen hinter ihr das Durcheinander auf dem Tisch beleuchteten und das Besteck matt schimmern ließen; die orangefarbenen Kringel der Mandarinenschalen, die weißen Teller mit den zerknüllten bunten Papierservietten und den Essensresten. Als sie ihr Weinglas nahm und es bis auf den letzten Tropfen leerte, sah er das Spiel ihrer Halsmuskeln und den roten Abdruck ihrer Lippen auf dem Glasrand. Einen Schuh hatte sie halb abgestreift. Ihr Haar war in Unordnung, und eine dunkelblonde Strähne fiel ihr über die Wange. Sie lächelte ihn an und stand auf, mit einer Hand auf den Tisch gestützt. Er registrierte Irenes eilige Schritte auf den nackten Holzdielen in einem Zimmer im oberen Stock, das Schlagen einer Tür, das laute Husten eines Kindes. Dann war es wieder still.
Irene selbst hatte darauf bestanden, ein paar Freunde einzuladen und sich gemeinsam den Film anzusehen, in dem er mitspielte. Die Produktionsfirma hatte schon vor Wochen ein Videoband davon geschickt. An diesem Abend lief er im Fernsehen. Adrians Name erschien am Ende des Abspanns in kleineren Buchstaben und schnellerem Durchlauf als die Namen der Hauptdarsteller. TV Times hatte den Film als belanglos bezeichnet, und Adrian stimmte insgeheim zu, aber Irene hatte gesagt, es sei trotzdem ein Anlass zum Feiern. Sie hatte fünfzehn Gäste eingeladen, gute Bekannte, und einige von ihnen kamen in Begleitung, sodass sie schließlich in dem kleinen Wohnzimmer zu zweiundzwanzig waren. Den Tisch hatten sie an die Wand gerückt, Stühle und Kissen um den Fernseher gruppiert. Irene hatte mit Tomaten und Käse gefüllte Blätterteighörnchen gebacken; sie waren im Ofen aufgeplatzt und hatten ihren Inhalt in schwarzen Blasen übers Backblech ergossen. Es gab dicke Scheiben Cheshire-Käse, dazu eingelegtes Gemüse und knusprige Baguettes, die Irene im Ofen aufgebacken hatte; Mandarinen mit narbigen, dicken Schalen in Netzen; Hackfleischpasteten mit Gittermuster; einen Kasten Bier aus dem Getränkemarkt und einen Karton chilenischen Rotwein, ein Sonderangebot. Irene hatte die angeschlagenen Teller, Bier- und Weingläser aus dem Schrank geholt und auf den Tisch gestellt, die Papierservietten dazugelegt, die noch von Sashas Geburtstagsfeier übrig waren, und die Kerzen fest in die Glasständer gedrückt. Dann erschienen die Freunde und brachten Sekt mit, ließen die Korken an die Decke knallen und tranken so viel, dass sie gar nicht merkten oder sich nicht darum scherten, wie jämmerlich der Film tatsächlich war. Irene hatte ein Zeichen der Zuversicht setzen wollen, aber das Ganze hatte auch etwas Elegisches. Vielleicht markierte dieser Filmauftritt tatsächlich den Beginn eines neuen Abschnitts, wie die Freunde meinten, als sie die Gläser hoben, um ihm...
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.