"Als das Maß voll war: Zur DEMO nach Leipzig", erschienen im Verlag Elke Straube, ist das Erstlingswerk der gleichnamigen Autorin. Wie der Untertitel - Reflexion über ein Leben in der DDR - verrät, beschreibt die Autorin ihre Empfindungen und Erlebnisse von ihrer Kindheit bis zum Befreiungsschlag.
Den Rahmen bilden die historischen Hintergründe zu Zeiten der DDR, die Lebensbedingungen in jenem Staat allgemein und insbesondere die der Autorin, ihrer Familie und die von Jugendlichen. Folglich sind sie geprägt von familiären Erlebnissen, aber auch von dem Zwiespalt einer Lehrerin, die als Staatsdienerin - obwohl parteilos - die damalige Gesellschaft zu vertreten hatte.
Anhand von Beispielen aus den Lehrplänen für die Fächer Mathematik und Deutsch erläutert die Autorin die utilitäre Absicht eines Staates der immer Recht hat glänzend. Zugleich berichtet sie über den Hass auf den Klassenfeind, dem damit Ausdruck verliehen wurde, indem man z.B. vor imperialistischen Anschlägen warnte.
Dieses Verhalten spiegelte sich, wie von der Autorin beschrieben, auch in der Musikszene wider. Die Mitglieder von Beatgruppen wurden vom Staat als Gammler mit assozialer Lebensweise charakterisiert. Während das Hören von Beat und ähnlicher, meist englischsprachiger Musik sich in westdeutschen Wohnungen manchmal zu einem Privatkrieg zwischen den Generationen entwickelte, war dies in der DDR ein Kampf des Staates gegen Abtrünnige. Schüler, die heimlich verbotene Sender hörten und erwischt wurden, wurden gedemütigt, indem sie Schuldgeständnisse schriftlich verfassen mussten. Auch solche sind in dem Buch zu finden. Sie dienten dazu, das Recht des Staates auf Vergeltung und Abschreckung zu untermauern.
Und was geschah mit wirklichen Dissidenten? Auch dieser Frage ist die Autorin nachgegangen.
"Als das Maß voll war: Zur DEMO nach Leipzig" ist aufgrund seiner historischen Hintergründe und der Schilderung von persönlichen Erlebnissen ein authentisches Buch. Der Hintergrund, der den Bereich Realität abdeckt, ist gut illustriert, der Quellennachweis eindeutig. Selbst die privaten und beruflichen Schilderungen, die normalerweise eher dem Bereich "subjektives Empfinden" zuzuordnen sind, spiegeln in diesem Buch soziale und politische Realitäten wider. Die Mischung macht das Buch nicht nur anspruchsvoll, sondern erhöht das Interesse daran, es zu lesen - gerade weil nicht lediglich Fakten aneinandergereiht werden. Man wird somit nicht nur an viele Dinge in dem Unrechtstaat DDR erinnert, was viele Menschen heute - zumindest in der Medienöffentlichkeit - bereits vergessen haben wollen - sondern erfährt auch vieles über persönliche Einzelschicksale, bis hin zu dem Schicksal einer (?) ganzen Generation.
Wir sollten - wie die Autorin - nicht endlich mit der Vergangenheit abschließen, sondern sie mithilfe dieses Buches zum Anlass nehmen auch unser heutiges Leben in der Bundesrepublik Deutschland kritisch zu hinterfragen. Wer zwischen den Zeilen liest, wird etliche Untugenden des Unrechtstaates auch in unserem heutigen Deutschland wiederentdecken. Möge uns Gott bzw. wir uns selbst vor solchen Untugenden bewahren!
Reiner Möller, Studienrat