Günter de Bruyn schreibt über Schicksale aus der Berliner Kunstepoche zwischen 1786 und 1807, die in zeitlicher Reihenfolge und personell bunt gemischt dem Leser als Episoden, Betrachtungen und Begegnungen vorgestellt werden. Der Autor fühlt sich der historischen Wahrheit verpflichtet und malt seine kunstvollen Bilder an den unterschiedlichsten Stätten des damaligen Berlins wirklichkeitsnah durch Rückgriff auf Zitate aus Briefen und Tagebüchern der jeweiligen Person. Er konzentriert sich in seinen zahlreichen Kapiteln auf die Avantgarde der Künstler, Reformer und bedeutenden Konservativen in der Epoche von Friedrich Willhelm II, in welcher die Regierung politisch rückständig blieb und sich nach dem Frieden von Tilsit, dem Zwang Napoleons gehorchend, zu den für ganz Deutschland richtungsweisenden Reformen durchrang. Unter diesem engstirnigen, zaudernden und rückwärts gewandten Monarchen entwickelt sich in nur wenigen Jahren ein vielfältiges, vom Hof wie unter Friedrich II. nicht länger dominiertes kulturelles Leben. Dieses wird von Künstlern und Gelehrten vornehmlich aus Bürger- und Handwerksfamilien getragen und findet in den Salons intellektueller Jüdinnen seine Begegnungsstätten.
Auf 469 Seiten gewinnt der Leser durch Abfolge unvollständiger- aber miteinander verwobener Lebensbilder der für die Kunstepoche maßgeblichen Persönlichkeiten einen vielschichtigen Überblick des kulturellen Aufbruchs in dieser immer noch fridizianisch erstarrten Stadt. Alle Kapitel über die Dichter, Maler Bildhauer, Wissenschaftler, Bildungsbürger, Militärs, Minister und Monarchen zeigen das Bild einer Kulturlandschaft, in welcher man sich rege miteinander austauschte - z.B. über den Musenhof in Weimar.
Außerdem wird immer wieder Bezug genommen auf die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Konflikte während dieser Epoche, wo man vor dem Hintergrund der französischen Revolution, dem Aufstieg Napoleons und der Rückständigkeit Preußens durch indifferente Monarchen die einigende Kraft der Nation zu sehen meint.
Günter de Bruyn gelingt es, Lebens- und Gedankenwelten in einem historischen Rahmen ohne Stilbruch zu versammeln. Wenn auch der Autor den politischen und sozialen Zeitenwandel nicht außer Acht lässt, zumal der Künstler nicht im luftleeren Raum lebt, galt sein Augenmerk eben dem Künstler und seinem Werk in der Bandbreite von Schadow bis Kleist. Der Blick hinter die Kulissen der nachprüfbaren historischen Fakten und Zahlen macht eben den Schriftsteller aus.