Ein kleiner Fehltritt, Vertrauensbrüche, Menschen, die damit nicht umgehen können - mehr braucht es nicht, um Generationen in einen Abgrund zu stürzen.
Ein erfolgreicher Bildjournalist kehrt zur Beerdigung seines Vaters in seine Heimat Neuseeland zurück - 15 Jahre, nachdem er das Land Hals über Kopf verlassen hatte. Er trägt teilweise verdrängtes Wissen um eine alte Schuld in sich, die das Schicksal über ihn und die Menschen in seiner Umgebung hereinbrechen lassen wird wie einen Tsunami, dem lange nichts vorauszugehen schien als das mysteriöse Zurückziehen des Wassers.
Brad McGann schrieb und drehte 2003 diesen Film, der sein letzter bleiben sollte [1], frei nach Motiven einer Romanvorlage von Maurice Gee und schuf eine atemberaubende Erzählung, wie man sie selten im Kino zu sehen bekommt. Weltpremiere war im Juni 2004 beim Sydney Film Festival.
Die 16-jährige Celia (Emily Barclay, 19) freundet sich mit dem berühmten Kriegsberichterstatter Paul (Metthew Macfadyen, 29), der in ihrer Schule Literatur unterrichtet, an. Sie trifft sich mit ihm in einer kleinen Hütte voller Bücher [2], verliebt sich auch ein wenig in den attraktiven Paul und stürzt aus allen Wolken, als sie bei ihm ein Foto von sich selbst als Baby findet. Als sie ihrer Mutter damit konfrontiert, kann Penny der Tochter nur unter Tränen antworten: "Wenn das doch so einfach wäre." Eines Tages ist Celia verschwunden...
Der mehrfach ausgezeichnete Film besticht durch die zunächst große Ruhe der Erzählung, die sich stetig zu einem Sturm der Zerstörung steigert. Wunderbar zart werden die Personen und ihre Beziehungen aufgebaut. Dabei fängt die Kamera von Stuart Dryburgh umwerfende Szenerien der dünn besiedelten Otago-Region ein. Berauschende Bilder einer Obstplantage zeigen uns die Jahreszeiten, in denen sich das in Rückblenden verschachtelte Geschehen abspielt. Die Musik von u.a. Patti Smith, Mazzy Star und Turin Brakes tragen ebenso zum außergewöhnlichen Gesamtbild bei wie die unverbrauchte Hauptdarstellerin.
Ein großer Film, der unter die Haut geht. Tragisch. Nicht leicht zu verfolgen. Aber die Art, in welcher die großen Themen um Schuld, Verzweiflung und den richtigen oder falschen Umgang damit scheinbar unmerklich in die Handlung einfließen, entwickelt eine leise, aber ungeheure Gewalt. Aber der Film zeigt auch, wie aus der Verzweiflung große Geschichten entstehen können, und setzt damit ein warmes Gegengewicht.
Es ist wichtig, alles zu verstehen, um das Ganze zu erkennen. Wer noch Zweifel an Aufbau und Logik hat, sollte sich den Film in aller Ruhe ein zweites oder drittes Mal gönnen. Sowie die Zusammenhänge unzweifelhaft werden, wird einem bewusst, dass man dieses Werk, die Schönheit seiner Sprache, Bilder und seiner durch die Verzweiflung leuchtenden Liebe zu den Menschen nie wieder aus dem Gedächtnis verlieren wird - bis hin zu den in ihrer Schönheit tief berührenden letzten Worten Celias.
TECHNIK & AUSSTATTUNG
Im Original 127 Minuten, Format 2,35:1 auf 35 mm Film, DD (IMDB)
Die deutsche 50 GB Blu-ray bietet Deutsch und Englisch in DTS-HD MA 5.1 sowie deutsche Untertitel. Das 1080p-Bild ist MPEG-4 AVC - kodiert. Das durchweg solide Bild fällt in dunklen Szenen durch Körnigkeit und Rauschen auf - ein Preis, den man mit Analogfilm zahlen muss, wenn man auf unnatürliche Ausleuchtung verzichtet.
Bei den Extras - sämtlich in SD - findet sich ein Audiokommentar des Regisseurs zusammen mit dem Produzenten Trevor Haysom und Emily Barclay. Etwa 21 Minuten laufen 10 Interviews mit Regisseur, Produzent, Darstellern und dem Kameramann Stuart Dryburgh. Neben "Entfallenen Szenen", "Hinter den Kulissen", dem deutschen Kinotrailer und dem Titelsong gibt es noch McGanns 16-minütigen Kurzfilm "Possum" anzuschauen.
film-jury 5* A0704 26.8.2011eg Genre: Mystery | Drama | Thriller
[1] Brad McGann starb Mai 2007 im Alter von 43 Jahren an den Folgen einer neun Jahre andauernden Darmkrebs-Therapie
[2] Originaltitel: "In My Father's Den"