Gas-Ex-Kanzler Schröder verkündet heute noch stolz, daß er mit der damaligen rot-grünen Bundesregierung den größten Niedriglohnsektor Europas in Deutschland installiert habe. Auch die Hartz-Gesetze, insbesondere Hartz4, sind für diesen Altkanzler nach wie vor Glanzlichter seiner Regierungszeit. Das Hartz4-Gesetz entfaltet seine unheimliche und brutale Wirkung nicht nur gegenüber den sog. Langzeit-Arbeitslosen, sondern auch massiv gegenüber denen, die Arbeit haben. Die Arbeitseinkommen nicht nur im unteren Bereich verlieren seit Jahren an realer Kaufkraft, die Leiharbeitsbranche boomt wie nie zuvor in Deutschland. Armut ist sichtbar geworden in diesem reichen Land. Der Druck wirkt von unten immer stärker auch bis tief in die sog. "Mittelschicht" hinein. Und diese Folgen der Hartz4-Gesetzgebung sind politisch gewollt.
Mit dem Hartz4-Gesetz hat sich unsere Sozialgesetzgebung grundlegend geändert - vom "Wohlfahrtsstaat" zum "nationalen Wettbewerbsstaat", der "Sozialstaat" verwandelt sich in einen "Minimalstaat" - "der schlanke Staat nimmt sich im Bereich der Wirtschaftspolitik eher zurück, tritt aber im Bereich der Sozialpolitik fordernd und überwachend auf" - die "Bedarfsgerechtigkeit" wird verändert zur "Chancengerechtigkeit". Was bedeuten solche Formeln wie "Fördern und Fordern"? Vor allem für die Betroffenen? Davon handelt dieses Buch. Die Texte stammen von Mitarbeiter/innen des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau, von Autoren also, die aufgrund ihres leider reichen Erfahrungsschatzes tagtäglicher Beratungspraxis wissen, worüber sie berichten.
Anhand von realen Beispielen zeigen sie, was z. B. passiert, wenn der Regelsatz gestrichen, oder der Umzug nicht übernommen wird, wenn dringende Fälle völlig unzureichend oder garnicht bearbeitet werden, wohin fachliche Inkompetenz der Sachbearbeiter führen kann. Wie geht man mit den zahlreichen falschen Bescheiden um, wie mit ungerechtfertigten, auch im Sinne des Gesetzes rechtswidrigen Anordnungen der ARGEN? Oft ist aber noch nichtmal böse Absicht im Spiel, wenn ein "Fall" nicht individuell behandelt wird, da kann es sogar passieren, daß ernsthafte Erkrankungen unter den Tisch fallen. Und das ist auch kein Wunder, wenn bis zu "240" oder sogar "480" "Kunden" bei "einem Ansprechpartner" landen.
Es geht auch um das veränderte "Menschenbild", was dem nunmehr gewandelten Sozialstaat, dem "vom sozial aktiven Staat zum aktivierenden Sozialstaat", zugrundeliegt. Dieser "aktivierende Sozialstaat" ist der "erziehende", der "strafende" Staat geworden. Die neuen Regelungen wie "fördern und fordern" oder "keine Leistung ohne Gegenleistung" führen dazu, daß Betroffene JEDE Arbeit anzunehmen haben, egal zu welchem Preis. Gehst du auf Hartz4, so verabschiede dich schonmal von ein paar Grundrechten. "Eigenverantwortung" nach Hartz4-Regeln heißt für Arbeitslose real: Sie und NIEMAND sonst sind für ihre Lage verantwortlich, völlig egal, was zur Arbeitslosigkeit führte. Somit sind sie logischerweise auch selbst schuld, wenn die Firma, in der sie arbeiteten, dicht gemacht hat, selbst schuld, wenn es keine Arbeitsstelle gibt, selbst schuld, wenn z. B. schulpflichtige Kinder den Ortswechsel wegen eines Jobs verhindern, getreu dem neoliberalen Dogma: Jeder ist seines Glückes Schmied, und wer durchs Raster fällt hat eben Pech gehabt, und ist auch daran (natürlich!) selbst schuld. Absurd und grotesk ist das, auch deshalb, weil die ARGE-Regeln den Betroffenen ansonsten einen Großteil an Eigenverantwortung absprechen, oder zumindest streitig machen - der einzelne wird behandelt als potentieller Sozialbetrüger, als möglicher Krimineller, er bekommt unter massiven Sanktionsandrohungen diktiert, was er/sie zu tun und zu lassen hat, diese "Behandlung" der Menschen hat System, damit sich die Betroffenen garnicht erst einrichten, und noch NICHT Betroffene aus Angst, in Hartz4 abzurutschen, nahezu ALLES tun, das zu verhindern - so erzieht man auch willige Arbeitnehmer, die sich nahezu alles gefallen lassen.
"Als Kunde bezeichnet, als Bettler behandelt - Erfahrungen aus der Hartz4-Welt" ist ein absolut lesenswertes Buch zum Thema. Es sind informative, oft gerade in ihrer Nüchternheit sehr bittere Texte, die unaufgeregt und sachlich von der Kehrseite unserer Leistungsgesellschaft berichten. Wer die widerliche, seit Monaten laufende Debatte um die verfassungsgerichtlich angeordnete Neuberechnung der Bedarfssätze verfolgt, und diese vorliegenden Schilderungen aus der Hartz4-Wirklichkeit liest, kann etwa die angestrebte 5¤-Erhöhung nur noch als zynisch bezeichnen. Im Sinne der betroffenen Menschen MUSS umgesteuert werden, sagen die Autoren, und es ist noch nicht zu spät.
Empfehlenswerte Lektüre zum Thema:"Hartz IV - und der Tag gehört dir" von Björn Lange, ein fachlich versiertes Buch eines ehemaligen ARGE-Sachbearbeiters, "Arm durch Arbeit: Ein Undercover-Bericht" von Markus Breitscheidel, "Armes Deutschland: Neue Perspektiven für einen anderen Wohlstand" von Ulrich Schneider, "Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere" von Günter Waraff, sowie die schon vor einigen Jahren erschienene lesenswerte Polemik "Hartz4 - Eine Abrechnung!" von Gabriele Gillen.