Man muss den Ansichten des Autors nicht zustimmen oder sie gutheissen, um das Buch lesenswert zu finden. Es geht natürlich um Pädophilie, das skandalträchtigste Thema der Gegenwart, darüber hinaus aber um viel mehr: Kindheit, Schuld, Opfer und Täter, die Menschen hinter den Skandalen, den (größtenteils verlogenen) Zeitgeist der 70er. Kurzer Ausschnitt aus dem Roman:
"... Jonathan rief sich die Ereignisse des Sommers wieder ins Gedächtnis. Er sah ein, dass sein Eindruck von Glück und vollkommenem Einverständnis auf nichts Handfestem beruhte. Unbedeutende Gesten, Gesprächsfetzen, lächerliche Vergnügen. Er wusste nichts von Serge. Er hatte dem Kind nicht auf die gewöhnliche Art zugehört und es beurteilt, es ebenso wenig auf die gewöhnliche Art geliebt und begleitet. Sein Eindruck stützte sich stattdessen auf tausend ungenannte Dinge, die Erwachsene bestreiten und Kinder vergessen. Vielleicht war alles nur Einbildung: Hätte ein anderer gesehen und verstanden, was er zu sehen und zu verstehen glaubte? Es war nichts zwischen ihnen gewesen, nichts. Einige verschwommene Bilder im Kopf eines Halbirren.
Serge hatte glücklich ausgesehen, aber Kinder sehen überall glücklich aus, sogar unter Tyrannen und zwischen zwei Ohrfeigen. Alles gefiel ihm, aber Kinder gewöhnen sich an alles. Er mochte es, mit Jonathan zu schlafen, aber er hatte kein Recht darauf, es war nur die falsche Lust eines kleinen, schlecht erzogenen Tieres, eine Lust, die es zu beschneiden und zu richten galt: nicht zu empfangen und zu teilen. Übrigens haben Kinder nachts lieber ihre Ruhe.
So hätte ihre Freundschaft in den Augen jedes anderen ausgesehen: Es stimmte also.
Um sich weiter zu quälen, fielen Jonathan weitere, noch dunklere Gründe ein, weshalb das Kind ihn nach seiner Heimkehr nach Paris verleugnete. Durch sein Leben bei Jonathan hatte es sich verändert, war nicht mehr so, wie die normalen Leute sich ein Kind vorstellen. Schließlich hält kein Kind es aus, sich zu sehr von denjenigen zu unterscheiden, mit denen es zusammenleben muss. Es fühlt sich dann unterlegen und unglücklich. Wer in einer Hundewelt ein Kind respektiert, der pervertiert es; wer seine flüchtige Menschlichkeit ermutigt, der verwandelt es in ein Ungeheuer, das die Eltern, die Schule, die Kameraden zurückweisen werden.
Serge hatte bestimmt die ersten schmerzlichen Wirkungen seiner Veränderung gespürt: Man hatte ihn schlecht aufgenommen, er hatte die anderen schlecht aufgenommen. Er gehörte nicht mehr zu ihrer Rasse. Er litt darunter, und Jonathan war daran schuld. Wenn er seine Haut jetzt noch retten wollte, musste er den ganzen Weg zurückgehen, seinen Platz unter den Hunden wieder einnehmen und mit ihnen bellen. Sonst ist man zu schwach und zu einsam.
Eine Kapitulation, ein Rückzug? Gewiss nicht. In Wirklichkeit hatte Serge drei oder vier Monate lang die gefährliche Nähe eines Neurotikers ertragen: Er hatte dann, unter dem wohltuenden Einfluss seiner Mutter, die Gesundheit wiedererlangt, das Kind war jetzt ausgeglichen und den Normen angepasst. Das war nicht Jonathans Sprache? Genauso lagen die Dinge. ..."