Margarete Buber-Neumann berichtet authentisch von ihren Erfahrungen, zunächst in Stalins Gulag, dann im Frauen-KZ Ravensbrück. Beides hat sie überlebt, ja sogar - im Gegensatz zu vielen anderen - mental und physisch fast unbeschadet überstanden. Jedenfalls gewinnt man den Eindruck. Eine vergleichbar starke Frau ist mir selten untergekommen: Nirgends klagt sie oder versucht, das Elend mit naheliegend dramatischen Worten zu schildern. Bisweilen denkt der Leser, was schreibt diese Frau da? Man müsste doch unter den geschilderten Umständen völlig verzweifeln, doch der Stil bleibt fortwährend nüchtern-lakonisch.
Auch politisch ist das Buch eine nüchterne Abrechnung mit dem Totalitarismus unter Stalin und Hitler. Für den einzelnen, der in diese Mühle geriet, so wie die einstige Kommunistin Buber-Neumann, ist der Unterschied der beiden Systeme gleich null. Die Methoden sind Terror gegen die eigene Bevölkerung - bei Stalin sogar gegen die eigene Partei. Nicht mal Hitler hatte soviele Kommunisten auf dem Gewissen wie der Georgier. Der Unterschied ist, dass die Feindbilder der Nazis klar waren, während man unter Stalin sein konnte, wie man wollte: Je näher man seinem System stand, in umso größerer Gefahr schwebte man. Auch das arbeitet dieses Buch gut heraus, und es ist insofern eine Abrechnung der einstigen Kommunistin mit ihrem eigenen Irrtum.
"Als Gefangene bei Stalin und Hitler" sollte auch heute noch Pflichtlektüre (nicht nur) für den Geschichtsunterricht sein. Es ist daher schade, dass das Buch derzeit nicht einmal mehr aufgelegt wird. Ich hatte es zunächst geliehen und mir dann antiquarisch besorgt - weil ich es irgendwann meiner Tochter geben möchte. Diese Erfahrungen, die Buber-Neumann hier schildert, dürfen vor allem wegen ihrer Authentizität nicht dem Vergessen anheimfallen. Dass sie ihr Schicksal zwischen 1933 und 1945 obendrein über mehr als 500 Seiten spannend wie einen Abenteuerroman zu schildern versteht, obwohl im Duktus fast dokumentarisch, tut dem Erkenntnisgewinn keinen Abbruch, den dieses Buch bedeutet. An seinem Ende habe ich diese Frau nicht nur bewundert, ich habe sie geliebt.