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Peter Kurzecks neuer Roman «Als Gast»
«Am 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg», so beginnt Georg Büchners Novelle über den Dichter Lenz. Als dieser an seinem Zufluchtsort in den Vogesen von einem Abgesandten des Vaters an seine bürgerlichen Pflichten erinnert wird, verwahrt er sich heftig: «Immer steigen, ringen und so in Ewigkeit alles, was der Augenblick gibt, wegwerfen und immer darben, um einmal zu geniessen! Dürsten, während einem helle Quellen über den Weg springen! Es ist mir jetzt erträglich, und da will ich bleiben [. . .] Lasst mich in Ruhe!» Als der Dichter Peter Kurzeck sich im Mai 1990 an einen Bergort nahe Locarno zurückgezogen hat, schreibt er: «. . . die meiste Zeit auf der Flucht und kein gutes Schuhwerk, um übers Gebirg zu gehen und was jetzt? Kannst nicht bleiben, nicht gehen, nicht bleiben!» Der hier in seinem Wunsch nach Ankunft, nach Zuflucht und Ruhe so deutlich auf Lenzens innere Unbehaustheit anspielt, ist als Flüchtlingskind in Büchners oberhessischer Landschaft aufgewachsen. «Ich bin meine alte begründete Kinderangst vor der Obdachlosigkeit in Deutschland nicht einen einzigen Tag losgeworden. Immer war mir in diesem Land, mein Schreiben sei illegal, kriminell!» 1977 liess sich der damals 34-Jährige in Frankfurt nieder, der wohl deutschesten deutschen Stadt, die fortan, exzessiv zu Fuss erlaufen, obsessiv beschrieben, Schauplatz und Gegenstand seines Schreibens war. Schuhe und Worte, Gehen und Schreiben sind Motiv und Movens von Kurzecks umfangreichen Romanen, die man mit ihrer Technik der minuziösen Inventarisierung des umgebenden Raums und rastlosen Fixierung der vergehenden Zeit als Stationen einer manischen Vergewisserungsarbeit charakterisieren kann. «Jedes Ding fängt zu reden an. Jeder Augenblick sieht mich an. Alles ruft! Das ist dann die wirkliche Wirklichkeit, die es ohne Literatur nicht gibt», lauten etwa die poetologischen Reflexionen des Autors dazu. Mit seinem 1997 erschienenen Buch «Übers Eis» hat er ein auf fünf Bände angelegtes Romanprojekt begonnen, in dem er selbst «also ich, der Verfasser, zusehends fassungslos» als Ich, Du und Er zur Erzähler- und Hauptfigur dieser sprachlichen Weltaneignung wird, «als sei es mein Leben, immer wieder mein eigenes Leben, von dem ich nicht aufhören kann zu erzählen». Auf dem Umschlag des soeben unter dem Titel «Als Gast» erschienenen zweiten Bandes heisst es daher, keiner schreibe derzeit so «unverstellt autobiographisch» wie Peter Kurzeck. Ist dieses Urteil begründet? Statt Fiktion, subjektiver Chronik und narrativer Erinnerung geht es nun um die Stillstellung des Ich und seiner Gegenwart, einer vergangenen freilich: «Übers Eis» schildert den Verlauf des Februar, «Als Gast» den März 1984. Im ersten Roman wohnt der Protagonist nach der Trennung von der Freundin Sibylle und der vierjährigen Tochter Carina in einer möblierten «Abstellkammer», im zweiten in einer schönen, von Freunden zur Verfügung gestellten Dachwohnung, die zu Beginn von zwei Männern eingerichtet wird «der zweite, das bin doch ich!». Hier wie dort herrschen dieselben Konstanten: Arbeit am dritten Buch, Begegnungen mit Sibylle und Zusammensein mit Carina, wenige Treffen mit Freunden, viele einsame Stadtgänge; Geldsorgen, Einkäufe, Lesungsakquisitionen, Telefonate aus Telefonzellen; Zigaretten und Espresso. Die ungeheure Kargheit des Stoffs und die Monotonie der erzählten Zeit erlangen Komplexität und Dehnung nicht durch Geschichten, sondern durch Assoziationen, nicht durch Betrachtungen, sondern durch Registratur, kurz: nicht durch Erzählung, sondern durch Insistenz. Kurzeck folgt diesen inneren Gesprächen nicht, wie er überhaupt jeder Versuchung widersteht, dem richtungslosen Hier und Jetzt irgendeinen Sinn zuzufügen, indem er biographische Prozesse erforscht oder Gedächtnistiefen auslotet. Er geht, wie in einer früheren Schlüsselszene, «übers Eis», über die brüchige Oberfläche des Gegebenen. Die fragmentarische Satzstruktur macht die sprachliche Wahrnehmung durchlässig, kaum ein Tätigkeitswort hebt ihre Passivität auf nur das «Du musst» in dem Appell, die Daten zu sammeln, zu memorieren, ja sich einzuhämmern, um sie im Aufschreiben wieder abzurufen. Der Verfasser, das Medium dieser getriebenen Prosa, wünscht sich sein «Buch als Gesang. Wie mit einer Zigeunerfiedel. Als sei ich selbst die Zigeunerfiedel.» Und doch ist das Subjekt, das da «alles aufschreibt», omnipräsent, gar: omnipotent. «Furchtbar anstrengend, wenn man sich andauernd die ganze Welt ausdenken muss und darf dabei keinen Fehler und nichts je vergessen», klagt es. «Loslassen, aber wie lernt man loslassen?» Der gehetzte Immermüde fürchtet den Schlaf, denn «wer soll denn aufpassen auf die Welt und auf mich, wenn ich schlafe?». Ähnlich hiess es in den Notizen aus Locarno über Sibylle und Carina: «Als ob du sie geschrieben hättest, so sind dir ihre Leben ans Herz gewachsen.» Die rauschhafte, saugende Faszination dieser Prosa resultiert aus der Identifizierung von Ich und Welt im Vollzug des Schreibens als Schöpfung. Die Gleichung von Denken und Sein mündet im leeren Raum, und um des ersehnten Augenblicks, des «Verweile-doch» willen wird die gesamte Zeit stillgestellt. Anders als die vielstimmig collagierte, zynisch-groteske Tirade «Das Schwarze Buch», anders als die rasante Fünfziger-Jahre-Revue «Keiner stirbt», anders auch als das nebligdunkle Erinnerungsbuch «Kein Frühling», die sich der Welt als Aussenwelt «naiver» überliessen, dreht dieses sentimentalische Projekt einer lückenlosen Lebensaufzeichnung zwanghaft Kreise um ein stets getarntes Ego. «Aber anwesend nur als einzelner Mensch sich selbst bezweifelnd», heisst es an einer Stelle. Doch dieser so bescheidene wie selbstherrliche Roman handelt, wie sein Vorgänger, nicht von den Selbstzweifeln eines Individuums, sondern von nichts als dem ohnmächtigen Suchtcharakter einer auf der Stelle tretenden, vergeblich «steigenden, ringenden, dürstenden» Sprache.
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