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Peter Kurzeck
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Stroemfeld; Auflage: 1., Aufl. (2003)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3878778252
  • ISBN-13: 978-3878778257
  • Größe und/oder Gewicht: 19,6 x 13,6 x 3,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Peter Kurzeck
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das bin doch ich!

Peter Kurzecks neuer Roman «Als Gast»

«Am 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg», so beginnt Georg Büchners Novelle über den Dichter Lenz. Als dieser an seinem Zufluchtsort in den Vogesen von einem Abgesandten des Vaters an seine bürgerlichen Pflichten erinnert wird, verwahrt er sich heftig: «Immer steigen, ringen und so in Ewigkeit alles, was der Augenblick gibt, wegwerfen und immer darben, um einmal zu geniessen! Dürsten, während einem helle Quellen über den Weg springen! Es ist mir jetzt erträglich, und da will ich bleiben [. . .] Lasst mich in Ruhe!» Als der Dichter Peter Kurzeck sich im Mai 1990 an einen Bergort nahe Locarno zurückgezogen hat, schreibt er: «. . . die meiste Zeit auf der Flucht und kein gutes Schuhwerk, um übers Gebirg zu gehen – und was jetzt? Kannst nicht bleiben, nicht gehen, nicht bleiben!» Der hier in seinem Wunsch nach Ankunft, nach Zuflucht und Ruhe so deutlich auf Lenzens innere Unbehaustheit anspielt, ist als Flüchtlingskind in Büchners oberhessischer Landschaft aufgewachsen. «Ich bin meine alte begründete Kinderangst vor der Obdachlosigkeit in Deutschland nicht einen einzigen Tag losgeworden. Immer war mir in diesem Land, mein Schreiben sei illegal, kriminell!» 1977 liess sich der damals 34-Jährige in Frankfurt nieder, der wohl deutschesten deutschen Stadt, die fortan, exzessiv zu Fuss erlaufen, obsessiv beschrieben, Schauplatz und Gegenstand seines Schreibens war. Schuhe und Worte, Gehen und Schreiben sind Motiv und Movens von Kurzecks umfangreichen Romanen, die man mit ihrer Technik der minuziösen Inventarisierung des umgebenden Raums und rastlosen Fixierung der vergehenden Zeit als Stationen einer manischen Vergewisserungsarbeit charakterisieren kann. «Jedes Ding fängt zu reden an. Jeder Augenblick sieht mich an. Alles ruft! Das ist dann die wirkliche Wirklichkeit, die es ohne Literatur nicht gibt», lauten etwa die poetologischen Reflexionen des Autors dazu. Mit seinem 1997 erschienenen Buch «Übers Eis» hat er ein auf fünf Bände angelegtes Romanprojekt begonnen, in dem er selbst – «also ich, der Verfasser, zusehends fassungslos» – als Ich, Du und Er zur Erzähler- und Hauptfigur dieser sprachlichen Weltaneignung wird, «als sei es mein Leben, immer wieder mein eigenes Leben, von dem ich nicht aufhören kann zu erzählen». Auf dem Umschlag des soeben unter dem Titel «Als Gast» erschienenen zweiten Bandes heisst es daher, keiner schreibe derzeit so «unverstellt autobiographisch» wie Peter Kurzeck. Ist dieses Urteil begründet? Statt Fiktion, subjektiver Chronik und narrativer Erinnerung geht es nun um die Stillstellung des Ich und seiner Gegenwart, einer vergangenen freilich: «Übers Eis» schildert den Verlauf des Februar, «Als Gast» den März 1984. Im ersten Roman wohnt der Protagonist nach der Trennung von der Freundin Sibylle und der vierjährigen Tochter Carina in einer möblierten «Abstellkammer», im zweiten in einer schönen, von Freunden zur Verfügung gestellten Dachwohnung, die zu Beginn von zwei Männern eingerichtet wird – «der zweite, das bin doch ich!». Hier wie dort herrschen dieselben Konstanten: Arbeit am dritten Buch, Begegnungen mit Sibylle und Zusammensein mit Carina, wenige Treffen mit Freunden, viele einsame Stadtgänge; Geldsorgen, Einkäufe, Lesungsakquisitionen, Telefonate aus Telefonzellen; Zigaretten und Espresso. Die ungeheure Kargheit des Stoffs und die Monotonie der erzählten Zeit erlangen Komplexität und Dehnung nicht durch Geschichten, sondern durch Assoziationen, nicht durch Betrachtungen, sondern durch Registratur, kurz: nicht durch Erzählung, sondern durch Insistenz. Kurzeck folgt diesen inneren Gesprächen nicht, wie er überhaupt jeder Versuchung widersteht, dem richtungslosen Hier und Jetzt irgendeinen Sinn zuzufügen, indem er biographische Prozesse erforscht oder Gedächtnistiefen auslotet. Er geht, wie in einer früheren Schlüsselszene, «übers Eis», über die brüchige Oberfläche des Gegebenen. Die fragmentarische Satzstruktur macht die sprachliche Wahrnehmung durchlässig, kaum ein Tätigkeitswort hebt ihre Passivität auf – nur das «Du musst» in dem Appell, die Daten zu sammeln, zu memorieren, ja sich einzuhämmern, um sie im Aufschreiben wieder abzurufen. Der Verfasser, das Medium dieser getriebenen Prosa, wünscht sich sein «Buch als Gesang. Wie mit einer Zigeunerfiedel. Als sei ich selbst die Zigeunerfiedel.» Und doch ist das Subjekt, das da «alles aufschreibt», omnipräsent, gar: omnipotent. «Furchtbar anstrengend, wenn man sich andauernd die ganze Welt ausdenken muss und darf dabei keinen Fehler und nichts je vergessen», klagt es. «Loslassen, aber wie lernt man loslassen?» Der gehetzte Immermüde fürchtet den Schlaf, denn «wer soll denn aufpassen auf die Welt und auf mich, wenn ich schlafe?». Ähnlich hiess es in den Notizen aus Locarno über Sibylle und Carina: «Als ob du sie geschrieben hättest, so sind dir ihre Leben ans Herz gewachsen.» Die rauschhafte, saugende Faszination dieser Prosa resultiert aus der Identifizierung von Ich und Welt im Vollzug des Schreibens als Schöpfung. Die Gleichung von Denken und Sein mündet im leeren Raum, und um des ersehnten Augenblicks, des «Verweile-doch» willen wird die gesamte Zeit stillgestellt. Anders als die vielstimmig collagierte, zynisch-groteske Tirade «Das Schwarze Buch», anders als die rasante Fünfziger-Jahre-Revue «Keiner stirbt», anders auch als das nebligdunkle Erinnerungsbuch «Kein Frühling», die sich der Welt als Aussenwelt «naiver» überliessen, dreht dieses sentimentalische Projekt einer lückenlosen Lebensaufzeichnung zwanghaft Kreise um ein stets getarntes Ego. «Aber anwesend nur als einzelner Mensch sich selbst bezweifelnd», heisst es an einer Stelle. Doch dieser so bescheidene wie selbstherrliche Roman handelt, wie sein Vorgänger, nicht von den Selbstzweifeln eines Individuums, sondern von nichts als dem ohnmächtigen Suchtcharakter einer auf der Stelle tretenden, vergeblich «steigenden, ringenden, dürstenden» Sprache.

Kurzbeschreibung

Frankfurt am Main im März 1984. Noch kein Frühling. Als Gast zieht der heimatlose Erzähler vorerst vorübergehend in eine bis auf weiteres geliehene kleine Dachwohnung in der Eppsteiner Straße. Freundliche Eltern aus Carinas Kinderladen haben ihn dazu eingeladen. Der zweite Roman des alten Jahrhunderts: Peter Kurzeck schreibt sein mit Übers Eis begonnenes Projekt fort: die minutiöse Beschreibung von Wirklichkeit setzt einen kunstvollen Strom von Erinnerungen, Wahrnehmungen und Assoziationen frei. Erzähl, Peta, erzähl! sagt die viereinhalbjährige Tochter. Und so drängen sich in die Gegenwart des Jahres 1984 immer neue Geschichten aus der Nachkriegszeit. Das Jahr 1984 und die Erinnerung daran, daß man ein paar Jahre lang denken konnte, daß die Welt von Jahr zu Jahr besser wird und wir auch selbst daran beteiligt sind. »Mir ging es ganz stark darum, eben der März, deswegen ist das Buch auch hellgrün. (…) Ich denke, man merkt auch, daß in dem Buch schon ansatzweise ein anderer Atem ist. Also man muß das den Sätzen anmerken und den Wetterbeschreibungen beispielsweise. Und der März damals war, er war nicht einfach sonnig, er war grau, aber hell, also es war schon nicht mehr Winter, und das merkt man ja auf Schritt und Tritt.« Peter Kurzeck »Das Erstaunlichste am Erzähler Kurzeck, der scheinbar unbeirrt von den Zeitabläufen seit Jahrzehnten sein Schreiben vorantreibt, ist die akute Zeitgenossenschaft, die sich in der Musikalität seiner Bücher ausdrückt. (…) Das Hören der kleinen Unterschiede wird zur eigentlichen, unverwechselbaren Erfahrung, zu einem eigenen Genuß – Lesen ist hier fast so wie Musikhören, die Dinge werden wiederholt und leicht moduliert.« Helmut Böttiger, Die Zeit »Im neuen Buch gewinnt allmählich ein zaghaftes Frühlingsgefühl die Oberhand, der Versuch eines Aufbruchs. Der Erzähler erlebt mit seiner Tochter, die er täglich in den Kinderladen und zu Bett bringt, hellaufleuchtende Einschübe eines fragilen familären Glücks. Auch die Komik, die allen Texten Kurzecks eigen ist, erscheint im Frankfurter Frühlingslicht auf einmal weniger tragisch grundiert. Der Ich-Erzähler feiert das Leben als Abfolge erinnernswerter Einzelheiten.« Katrin Hillgruber, Der Bund »Eigentlich ein sehr einfaches Buch. Und doch wieder schwierig. Denn es will den Leser ganz und gar für sich. Aber wenn man sich ihm hingeben kann, entwickelt es einen ungeheuerlichen Sog.« Tomas Fitzel, Frankfurter Rundschau »Die rauschhafte, saugende Faszination dieser Prosa resultiert aus der Identifizierung von Ich und Welt im Vollzug des Schreibens als Schöpfung.« Dorothea Dieckmann, Neue Zürcher Zeitung »Diese verkürzte Sprache bildet das Denken nach, das unsystematische Assoziieren, das im Kopf des Erzählers, der gerade am Roman Kein Frühling arbeitet, spiralförmig nach außen kreist, in seinem Sog die allernächste Gegenwart mitnimmt und die verschiedenen Schichten der Vergangenheit.« Harry Oberländer, Listen »Biographie wird hier nicht der Sensation, sondern einem Ganzen dienstbar gemacht, das so auf eigentümliche Art erst in den Blick kommt und uns alle angeht.« Wilhelm Hindemith, WDR

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Von o-o
Format:Gebundene Ausgabe
Das Schlimmste ist wohl geschafft. Wir schreiben März 1984 und der vorangegangene Frankfurter Winter, den Kurzeck im Buch "übers Eis" nur knapp überstanden hat, neigt sich dem Ende zu. "Als Gast" geht genau da weiter, wo der vorangegangene Roman aufhört. Auch sonst ist alles wie gehabt: die gemächliche Erzählweise, der beinah unnachahmliche Satzbau, die Poesie des (plusminus unerfreulichen) Alltags im Hier und Jetzt; die unmittelbare Verschachtelung unterschiedlicher Vergangenheitsebenen. Und das Prinzip der raffinierten Wiederholung: in Nebensätzen, kurzen Passagen werden Szenen vergegenwärtigt, die den Leser trotz ihrer Wohlbekanntheit nicht anöden, sondern fester an das geschilderte Lebensgefühl anbinden. Das ist kalkuliert, wirkt aber nicht so - und es ist (eine besondere) Kunst.
Kurzeck meint, seine Bücher - die immer von der eigenen Lebensgeschichte handeln - unterscheiden sich ein jedes vom anderen, und manche Leser merkten es nicht. Also was ist hier anders?
Die Stimmung klart auf. Mit dem Umzug aus einer unwirtlichen Abstellkammer zu einer großzügigen Gastfamilie bricht die Sonne hinter den Wolken hervor, eine laue Brise beginnt zu wehen, Schneereste tauen und die Tulpen blühen. Weniger Penner und Säufer (bemerkt er) auf den Straßen, die Häuser freuen sich, wenn er an ihnen vorbeigeht, lächeln ihn an . Die plötzliche und unerwartete Trennung von seiner Frau schmerzt noch sehr aber wirkt nicht mehr so bedrohlich und betäubend. Dennoch wachsen sich unvermittelt kleine Einzelbemerkungen zu überquellenden Depressionsschilderungen aus.

Der Erzählfluss ist ein wenig epischer geraten. Wir erfahren weitere Begebenheiten und Genreschilderungen aus dem Kindheitsort Staufenberg, Freud und (wenig, da verklärt) Leid der Nachkriegszeit. Auch von zahlreichen Reiseorten ist die Rede. Momentan (1984) dreht sich alles um das innigst geliebte Töchterchen und die gerade in Arbeit befindlichen Manuskripte. Das dritte Buch (höchstwahrscheinlich "Kirschkern") ist in Arbeit. Die Szenen, in denen der Autor Gespräche mit der kleinen Carina wiedergibt, zählen für mich zum Anrührendsten - man möchte die beiden einfach nur knuddeln.

Tastende Benennung von ge- und bemerkten Gegen- und Zuständen, manchmal auch ein wenig an K.Valentin erinnernde Formulierungen hintergründig-naiv bis bitter-sarkastisch - auch verstiegen-poetisch. ("Wo sind all die aufgebrauchten ausgequetschten [Zahnpasta-]Tuben aus meinem Leben?" / "Wie ein nächtlicher Garten der Schlaf und du suchst einen Eingang.")
Für Leser ist das merklich nachlassende Klammern an die Zeit trauten Familienglücks ebenfalls eine Erleichterung. Der Erzähler kann sich jetzt Szenen vergegenwärtigen, die eine mögliche Erklärung für die Abwendung seiner Frau andeuten. Sie hat wohl jemand anderen, den sie am Wochenende besucht. Eine schmerzensreich Aufarbeitung steht bevor.

Trotz phasenweisen Zurückschwappens depressiver Anwandlungen (aus dem vorherigen Roman noch in lebhafter Erinnerung) kommen immer mehr zusammenhängende und dem Leben zugewandte Passagen vor. Über Freizeitverhalten, Wochenendeinkäufe, Trampurlaube, Saufeskapaden. Und immer wieder: erinnern, Wörter für bestimmte Erinnerungen finden, Sätze variieren, dabei Empfindungen, Meinungen, Erlebnisse präzisieren und für Leser plastisch ausmodellieren.

"Wenn es einen nicht lockt, hat es keinen Sinn." Das gilt auch für die Leser. Und noch als Vorschlag zum rascheren Vorankommen: einfach im Buch die etwas antrengenden Darstellungen allgegenwärtiger Befindlichkeit überzappen um sich nur die handlungsorientierten Passagen näher vorzunehmen. Auch das lohnt sich sehr!
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