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Als die Echos noch gepachtet wurden [Sondereinband]

Theo Wyler


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Aus der Amazon.ch-Redaktion

Die Schweizer seien allesamt "Naturhändler", die sogar die Echos verpachten, ätzt der Berliner Gustav Rasch anno 1858 über den aufkeimenden Tourismus in der Schweiz. Der Berner Autor Theo Wyler -- Berater für Kultur- und Tourismusprojekte -- liefert anno 2000 historischen Tratsch und Klatsch über die Anfänge des Tourismus in der Schweiz. Er spannt einen Bogen von der Antike bis zum 19. Jahrhundert. Zeitgenössische Illustrationen ergänzen die Berichte über Bergtouren, Heilbäder oder Luftkuren.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war etwa das "Einatmen von Kuhstallluft" en vogue. Das sollte vor allem gut sein gegen nervöse Spannungen, eruierte der Autor und liefert eine Gebrauchsanweisung für diese eigenwillige Art der Entspannung: "Dabei brauchte sich der Gast nicht die Schuhe im Kot eines wirklichen Stalles zu beschmutzen. Die Direktion ließ regelmäßig frischen Kuhmist und ein Jauchefass unter dem Fenster des Gastes deponieren. Die düftegeschwängerte Luft half sozusagen über Nacht dem überreizten Nervensystem auf die Beine."

Nach solch extremer Duftkur ging es ans Baden, bekleidet mit einem knöchellangen schwarzen Wollmantel. Jedes Planschvergnügen wurde von umständlichen Benimm-Regeln überschattet: "Badeknechte" sorgten dafür, dass sich die in Mäntel vermummten Badefreudigen nicht unter Wasser näher kamen. Zwischen den Geschlechtern war ja "Greifen, Rupfen, Zeigen oder Deuten" strengstens verboten. Aber ob wohl alle Badeknechte ihren Job ernst genommen haben? Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, dass die Badeanstalten seinerzeit Heiratsvermittlungsstätten par excellence waren.

Auch Tourismuskritik hat Tradition, soweit die erste Einsicht, die Theo Wylers Werk vermittelt. Es wird die einzige bleiben. Denn ein klares Bild über Sitten und Gebräuche der Reisenden kann sich der Leser nicht machen, dafür klebt der Text zu sehr an Anekdoten und spart Zusammenhänge aus. Wer jedoch Freude an unnützem Wissen und Skurrilitäten hat, wird hier fündig. --Petra Rathmanner

Neue Zürcher Zeitung

Touristische Literatur

Entwicklungsland Schweiz

esz. Vor 200 Jahren muss es geradezu eine Tortur gewesen sein, in der Schweiz Tourist zu sein. In den Baedekern, die ab 1844 erschienen, wurde beispielsweise nachdrücklich auf den eidgenössischen Alkoholismus als höchst unangenehme Begleiterscheinung einer Schweizer Reise hingewiesen. Es gab Reiseführer mit «schwarzen Seiten», die in alphabetischer Reihenfolge «Gasthöfe mit hohen Preisen und mangelhafter Verpflegung» aufführten. Man scheint sich damals vorgekommen zu sein wie heutige Touristen in Drittweltländern – überall wurde die hohle Hand gemacht.

Theo Wyler, langjähriger Mitarbeiter bei der Schweizerischen Verkehrszentrale (umgetauft in Schweiz Tourismus) und seit fünf Jahren selbständiger Berater für Kultur- und Tourismusprojekte sowie Geschäftsführer der Stiftung Schweizer Museumspass, hat ein Buch über die Anfänge des Tourismus in der Schweiz verfasst, das den Leser unterhält und gelegentlich einigermassen fassungslos macht. Wie sich doch Wertschätzungen ändern! Was weiss man heute von Hindelbank, als dass sich dort das Gefängnis für weibliche Gesetzesbrecherinnen befindet – es war einst ein Pilgerort wegen des herzzerreissend gestalteten Grabsteins der im Kindbett gestorbenen Maria Magdalena Langhans-Wäber (es steht immer noch in der Kirche). Auch dass als erstes Dampfschiff auf einem europäischen Binnensee die «Guillaume Tell» in den Lac Léman stach, 1823, ist weitgehend unbekannt, die schwimmenden Umzieh-Hüttchen im Hafen von Vevey sind längst verschwunden.

Was heute so gern den Medien angelastet wird, nämlich Personen oder eine Sache ungerechtfertigt in Misskredit zu bringen, schaffte Anfang des 19. Jahrhunderts offenbar noch spielend die Literatur. Der deutsche Dichter Werner Zacharias siedelte, nach einem kurzen Besuch dort, im Berggasthaus Schwarenbach an der Gemmiroute in seinem Drama «Der 24. Februar» Mord und Totschlag an. Es strömten die Gäste, mehr als dem Wirt lieb war, denn alle wollten das angebliche «Mordzimmer» besichtigen und mehr Details erfahren. Dabei hatte Zacharias die üble Story schlicht erfunden. Jedoch: Das «Mördergasthaus» steht noch immer, wurde 1977 renoviert und rentiert.


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