...war alles anders - oder?
In einer dünn besiedelten Gegend, auf einem Hügel in den Marken im Val del Poggio, lebt Pietro mit seiner deutschen Freundin Astrid auf einem kleinen Hof. Er hätte auch in Deutschland bleiben können, aber sie wollte in Italien ein einfaches, erdverbundenes Dasein führen. Deshalb sind sie seit ein paar Jahren hier. Sie leben vom Verkauf handgewebter Stoffe, und oberflächlich verläuft ihr Leben nach Zeiten der Suche und Orientierung ruhig und gelassen. Unter der Oberfläche aber existieren andere Wünsche und Träume, die, als Durante bei ihnen auftaucht, mit Wucht an die Oberfläche drängen.
Durante ist ein unsteter Lebenskünstler, der Besitz ablehnt und eine besondere Gabe im Umgang mit Tieren und Menschen hat. Seinen Lebensunterhalt verdient er sporadisch mit Reitstunden, er ist ein freier Mann, für den auf eine naiv anmutende Art nur das Hier und Jetzt Bedeutung hat. Ein gefährlicher Mensch also besonders für diejenigen, deren Leben in festen Bahnen verläuft und die ihre eigenwilligen Sehnsüchte daher in Schach zu halten haben. Als er im heißen, trockenen Sommer im ausgedörrten Val del Poggio erscheint, hat er die Wirkung eines brennenden Streichholzes, das achtlos ins trockene Gestrüpp geworfen wird. Besonders die Frauen der Gegend entflammen heftig, was ihm nicht gerade die Freundschaft der Männer einbringt, die auf ihn verwirrt und mit mehr oder weniger offen gezeigter Aggressivität reagieren. Besonders Pietro ist nicht so fest in seinem Leben verankert, wie er es gerne hätte. Als er erst unfreiwillig und dann mit steigender Lust zusammen mit Durante quer durch das hitzeflirrende Norditalien fährt und immer tiefer in das Leben des unkonventionellen Mannes hineingezogen wird, spürt er, dass er sich zu verändern beginnt. Wohin das führen wird und ob er in sein altes Leben zurückfindet, zurück will, bleibt, als Durunte geht, offen.
Andrea De Carlo erzählt von den Jahreszeiten der Liebe und ihrer Wankelmütigkeit, vom Glück und Anspruch echter Freundschaft, von oberflächlicher Nachbarschaft mit Menschen, mit denen man nichts außer der örtlichen Nähe gemein hat (aber so tut, als wäre es anders), und besonders von den Verstrickungen in seine eigene Sehnsüchte, über die man nur begrenzt Macht hat. Wenn die Masken fallen, wird es unbequem. Auch Durante spielt eine Rolle, vielleicht die einzige, die er beherrscht. Auf der Kehrseite seiner bewundernswert anmutenden Freiheit und Bedürfnislosigkeit steht das Unvermögen, seinen Fähigkeiten gerecht zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Sein Leben ist ein ständiges Weglaufen, wobei er stets Ballast abwirft und besonders die Menschen, die ihm nahe kommen und die er verzaubert, zurücklässt, auch seine Kinder. Bei ihnen taucht er sporadisch auf, spielt den großen Zauberer, weckt Sehnsüchte und ist gleich darauf wieder verschwunden. Frei von Eitelkeiten ist auch er nicht. Arzt wäre er gerne, aber das Medizinstudium hat er nach wenigen Semestern geschmissen, wie alles in seinem Leben. Dauerhafte Beziehungen kann und will er nicht eingehen, warum bleibt offen, im Grunde erfahren wir nicht viel über Durante, wir sehen nur das, was er sein will und was wir in ihn sehen wollen. Was bleibt, ist eine faszinierende, irrlichternde Gestalt, die diesen schönen Roman beherrscht. Ob man Begegnungen mit den Durantes dieser Welt in der Realität als Glück oder Pech, gar als Offenbarung begreifen will, muss jeder für sich selbst entscheiden. Dieses Buch kann dabei helfen.
Helga Kurz, 2. Mai 2010