Hildegard Knef, das Nachtschattengewächs... unter Verwendung einiger Legenden, die sich um die Alraune, ähem, ranken, war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Roman um eine Frau Alraune als künstliches, aber doch menschliches Wesen entstanden. Eine Art mad scientist (aaah, was für eine Film-Vorlage!!!) befruchtet eine schöne, aber offenbar ausschließlich berechnende und liebesbedienende Prostituierte mit dem Samen eines Mörders, den dieser kurz vor der Hinrichtung hergibt (im Film ist abschwächend von einem "Handel" die Rede, aber das spielt auf eine Legende an, die Sex und Tod miteinander verbindet: Im Moment des Gehenktwerdens gebe das Opfer noch einmal seinen Samen ab, dieser befruchte die Erde und sei dafür verantwortlich, dass Alraunen besonders gut unter Galgen gediehen). Die daraus hervorgehende Tochter nennt er "Alraune", zieht sie als sein Vater auf und beobachtet, ob sie gemäß den Gesetzen der Vererbung eine Kombination von schön und böse ist. Die Erwartungen erfüllen sich zunächst, doch irgendwann will das Geschöpf selbst über sich bestimmen und entdeckt die Liebe und das Leben. Kann das gut gehen?
Soweit die Ausgangslage. Der Stoff war schon mehrmals verfilmt worden, unter anderem 1927/28 und 1930, jeweils mit Brigitte Helm ("Metropolis") in Deutschland. In dem lesenswerten Buch "Die lange Nacht der Schatten - Film noir und Filmexil" geht Barbara Steinbauer-Grötsch der Frage nach, ob der amerikanische Film noir vom deutschen expressionistischen Film der Weimarer Zeit beeinflusst wurde (aus dem ja viele Exilanten ab Mitte der 30er in Hollywood Einzug hielten). Und Alraune, dieser Archetyp einer männlichen Angstlustphantasie, kann da durchaus als ein Vorbild für die archetypische Femme fatale im US-Film-noir gesehen werden. Das Bemerkenswerte an der 1952er Verfilmung von "Alraune" ist nun, dass diese deutschen Film-noir-Einflüsse nach Deutschland zurückkommen, so als schlösse sich ein Kreis. Ich meine das nicht nationalistisch, die Amis haben Wunderbares geleistet, aber es ist doch schön, dass die deutschen (und österreichischen) Einflüsse in der bald allzu schlagerseligen Filmkunst der 50er nicht ganz untergegangen sind. "Alraune" ist ansatzweise sowas wie der einzige mir bekannte deutsche Film noir, mit einem starken Akzent allerdings auf dem Melodramatischen, Schicksalhaften (darin, wie auch in dem dramaturgischen Einsatz von Liedern, den deutschen Frühwerken von Douglas Sirk, damals noch Detlef Sierck, verwandt). Das Einzige, was man dem Film vielleicht vorwerfen kann, ist, dass er mit seinen Pfunden und mit gewissen Plot-Entwicklungen gelegentlich allzu offensichtlich wuchert bzw. umgeht. Aber das macht er mit Verve, ich muss gewisse Vorurteile über die angeblich piefigen 50er Jahre korrigieren und hätte es den Deutschen eigentlich nicht zugetraut, einen solchen Film hinzulegen.
Stilistisch spielt er meisterhaft auf der Klaviatur deutscher Schauerromantik und amerikanischer Noir-Vorbilder. Man trifft sich an symbolträchtigen Orten wie einer Wegkreuzung (Entscheidungen stehen an!) und einer Sonnenuhr (Gegensätze wie Licht und Schatten, Tag und Nacht). Es gibt die Macht und die Gegensätze der Elemente, Feuer und Wasser, Gewitterregen, es gibt Pferde (immer gut als Symbol für Sexualität) und wilde Ausritte als ungezähmte und anscheinend unbezähmbare Lust, Alraune wird gleich im ersten Auftritt wie eine "Katze" (aus dem Fenster kletternd) gezeigt und von einem jungen Mann auch so beschrieben. Der süffisant von Erich von Stroheim (der internationale Filmerfahrung einbringen kann) gespielte "Vater" macht klar, dass er sein Experiment schlicht "geil" findet, im doppelten Wortsinn (daher denunziert der Film diese männliche Angstlustphantasie auch eher, als dass er sie bedient). Er lebt in schummrigen Frankenstein-mäßigen Kellern, ansonsten in zu kalten, zu hohen Räumen mit zu vielen und zu dunkel ausgeleuchteten und zu hoch gestapelten Büchern, mit einer zu dunklen, zu hohen Tür vor zu heller, zu karger, zu weißer Wand (hier gelingen dem Film seine besten expressionistischen Bilder). Alraune selbst kann ihre Einflüsse des US-Films wie des deutschen Stummfilms nicht leugnen. Ihre Schönheit ist kurvenreich, sinnlich, blond, kalt, berechnend, und wie die bösen Frauen in anderen Film-Vorbildern ist sie in diversen Großaufnahmen nicht weichgezeichnet wie die Guten, sondern sehr weiß, sehr brutal, sehr kontrastreich ausgeleuchtet (Gregg Toland hat so für William Wyler und für Orson Welles gefilmt), sehr stark geschminkt, so dass man beinahe sieht, wie die Spachtelmasse abzublättern droht und dass die Haut darunter genauso wenig porentief rein ist wie die Seele. Dem steht - auch dies findet Entsprechungen im Film noir - eine kontrastierende Verwendung von Bildern (hier: Gemälden und Spiegelbildern) gegenüber, in denen Alraune immer ein bißchen anders aussieht, nämlich wie mit den Augen des Malers gesehen (bzw. in den Spiegelbildern so, wie sie sich selbst sehen will). Dieser Kontrast zwischen Abbildung und Abgebildeter wird sogar mehrmals geschickt im Dialog thematisiert (bei einer Erpressung bietet von Stroheim dem Täter an, ein riesiges Bild von Alraune mitzunehmen, aber der sagt nur: "Ich will das Original"). Auch ansonsten gibt es Noir-Ästhetik satt, Hell-Dunkel-Gegensätze, Licht, Schatten, hohe und niedrige Räume, ein schauerromantisches Anwesen mit einem markanten Torgitter, und Gitternetzlinien auf Alraunes Gesicht (zweimal ästhetisch ähnlich, aber unterschiedlich erzeugt) stehen jeweils in Verbindung mit dem Tod. Dies ist nur ein Beispiel, der Film strotzt geradezu vor solchen geschickten Regie-Einfällen.
Und Hildegard Knef selbst? Bei aller Inszenierungskunst ist ja das filmische Bild nichts wert, wenn die Abgebildete nicht spielen kann, und die Knef kann es. Ob sie eine wahrhaft große Mimin ist, weiß ich nicht genau, aber die ihr hier zugedachte Rolle verkörpert sie perfekt. Es ist schon bezeichnend, welchen Verlauf ihre Karriere später nahm, denn am Auffälligsten und Faszinierendsten ist bereits hier ihre Stimme. In ihren zwei Liedern erklingt sie nicht sonderlich voll, aber tief und sinnlich, ihr Gehauchtes ist nie zu dünn oder nur leere Luft. Wenn sie sehr gemein eine Liebeskonkurrentin aus dem Weg räumen will, hat diese eine geradezu naiv-piepsige Stimme, mit der sie gegen Alraune keine Chance haben kann. Wenn Alraune einen Kutscher auf eine Fahrt lockt, bei der Unheil droht, und dessen Frau fragt, warum er denn sehenden Auges in die Gefahr gehe, so antwortet er: "Es ist ihre Stimme". Eine Minute zuvor hatte die Knef erfrischend offen, offensiv, ehrlich und selbstbewusst gesungen: "Heut' gefall ich mir." Genauso eine erfrischende Haltung hat auch der Film, und er kann es sich leisten. Dies gilt auch für den letzten Teil: Das Geschöpf will Schöpfer werden, und das ist nicht etwa ein kitschiger Umschwung, um die Zensoren zu beruhigen. Selbst für Arnold Schwarzeneggers Maschinenmenschen "Terminator" war es noch der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Menschwerdung, zu wissen, warum man weint (ähnlich geht es Alraune). Und wahrlich nicht der schlechteste Vergleichsfilm ist "Das Geheimnis der falschen Braut" von Truffaut, in dem das eiskalte Luder Catherine Deneuve lernen muss, was Liebe ist, und damit, was Leben ist. Es stimmt schon: Liebe ist Leben ist Schmerz ist Befreiung. Ferner ist Alraunes Menschwerdung ein völlig richtiges Statement über Vererbungslehre: Die Gene sind nur die halbe Miete. Alraune ist nicht nur Kunstprodukt, sondern auch Mensch. Als solcher hinterfragt sie sich selbst, emanzipiert sich im wahrsten Sinne des Wortes, vollzieht damit den entscheidenden schöpferischen Akt, der eben JEDEM Menschen zusteht (hier wäre mal interessant, über ein Update des Stoffes nachzudenken, in dem Alraune selbstverständlich ein Klon sein müsste). Alraune nimmt sich als autonomes Wesen dar, möchte selbstbestimmt sein, geht den Schritt vom Objekt zum Subjekt. Diese Stichworte - Autonomie, Selbstbestimmung, Subjekt - sind, sehr grob gesagt, was Staatsrechtler unter "Menschenwürde" verstehen. Sie ist unantastbar. Es ist schön, dass Alraune sie am Ende nutzen lernt. Ob sie dafür einen Preis zahlen muss, sei hier nicht verraten. Aber die Erlangung von Würde ist schon einen Preis wert. Insgesamt ist diese Alraune-Verfilmung ein Juwel, zu Unrecht weitgehend vergessen und kein Nachtschattengewächs, sondern eine Lichtgestalt im deutschen Film der 50er Jahre.