Dieser Gedicht-Zyklus gehört zum Schönsten, das ich bisher gelesen habe.
Was außer ihr Wachstum, ihre Vielfalt, die Wiederholung oder Schönheit könnte die Natur, aber auch die Menschheit, die eine Unzahl von Spuren in schöpferischer Kultur (=Identität) hinterlässt, den Verheerungen einer Wasserstoff- oder Atombombe entgegenhalten?
[...];die Erde auf ihrer route
durch die Milchstraße gibt es; die Erde unterwegs
mit ihrer last von jasminen, mit jaspis und eisen,
mit eisernen vorhängen, vorzeichen und jubel, mit Judasküssen
geküsst auf verdacht und jungfräulichem zorn in
den straßen, Jesus aus Salz; mit dem schatten des
jakarandabaums überm flusswasser, mit jagdfalken, jagdflugzeugen
und januar im herzen, mit Jacopo della Quercias
brunnen Fonte Gaia in Siena und mit juli
so schwer wie eine bombe;[...]
Im gleichen Verhältnis, wie sich Vielfalt der Natur und der friedlichen,
erschaffenden Kultur gleichwertig neben Verrat, Widerstand, Mitläufertum und drohender Zerstörung in den Text fügen, wächst beim Leser das Berührtwerden und Entsetzen. Weil jede Anklage fehlt bei Kostbarkeiten wie "das schwindelerrregende waagrechte wissen des weizenfeldes" oder "das jadeohr der fledermaus" wird es zum Plädoyer für Unschuld und Wehrlosigkeit, wird besonders und besonders schützenswert.
Hieb- und Schusswaffen oder Messer haben eine begrenzte Reichweite und bieten die Möglichkeit von Flucht und Überleben. Atom- und Wasserstoffbomben überraschen ihre Opfer, wie die Autorin schreibt, völlig ahnungslos, zum Beispiel gerade ins häusliche Leben vertieft oder in einem Moment "selbstvergessen deine hand in meine geschmiegt wie ein junges".
Die Autorin konstruiert die äußerste Möglichkeit: Es gibt kein Danach, wo die Opfer ihre letzten, schrecklichen Sekunden endlagern können und es ist niemand mehr da, sich des Todes zu erinnern. Wenn selbst diese Generationen verloren gehen, kann nichts mehr, sei es auch nur durch Erinnerungen, wiederbelebt werden. Unerträglich und unmöglich ist es, sich diesen Totalverlust vorzustellen.
Bei den Buchstaben l,m und n verschwimmt das Alphabet und bricht schließlich ab. Die Schreibende versucht, sich an der Natur zu beruhigen, geht noch einmal an den Anfang zurück und spannt den Bogen vom Urmeer bis zu ausdifferenzierten, menschlichen Kulturleistungen. Sie spielt mit den Elementen Wasser, Feuer, Erde und Luft, aber der Text erholt sich von keiner Störung mehr. Die Welt wird immer kleiner: der Ort der Kindheit, ein Punkt am Sims eines Hauses, von dem eine Taube, Tier wie Symbol für den Frieden, abfliegt.
Die Katastrophe tritt ungehindert ein. Die Aurorin setzt sie an einem
imaginären Datum, dem 11. August, mit Bezug auf historische Daten (Hiroshima am 6. August 1945 und Nagasaki am 9.August 1945) fest.
"eine schar kinder sucht schutz in einer höhle
nur stumm von einem hasen beobachtet
als wären sie kinder in den märchen
der kindheit hören sie den wind von den abgebrannten
feldern erzählen
doch kinder sind sie nicht
niemand trägt sie mehr"