Aus der Amazon.de-Redaktion
Asmus Tietchens ist ein in sich geschlossenes, logisches System. Er trägt ausschließlich schwarze Kleidung, verfügt über einen treffsicheren, trockenen Humor und lebt darüber hinaus die Strenge seiner Musik tagtäglich ohne Kompromisse. Was wohl auch an seiner Vergangenheit liegt: Der Atonal-Musiker wurde 1947 im zerbombten Hamburg geboren und begann im Alter von 18 Jahren mit elektronischer Musik zu experimentieren. Dennoch dauerte es bis 1977, ehe der Elektro-Avantgardist Tietchens erstmalig als Musiker offiziell auftauchte, als er mit Cluster und Eno arbeitete. Danach war er Teil der kurzlebigen Gruppe Liliental, und erst 1980 debütierte er mit der LP
Nachtstücke. Zwischen diesem Album und
Alpha-Menge liegen zwar weit über 100 Platten, Sampler-Beiträge oder Stücke auf mittlerweile superraren Kassetten, aber keine musikalischen Welten. Dazu arbeitet Tietchens, der seit Ewigkeiten kein Keyboard mehr anrührt und sich nur auf Klangveränderungen konzentriert, zu dicht an minimaler Elektronik.
Alpha-Menge führt diese Technik fort und arbeitet immer mehr in Richtung Reduktionismus. Auch auf Alpha-Menge herrscht ein Höchstmaß an Abstraktheit und Menschenferne und Tietchens komponiert nicht, sondern er konstruiert. Als Klangmaterial dient ein Sinus-Ton-Generator, dessen Töne der Hamburger teilweise komplett übernahm, teilweise bearbeitete oder in seine Impulse zerlegte, um sie dann übereinander zu schichten. Trotzdem klingt das Album erstaunlich warm -- Die Nacht aus Blei ist ein Eisberg dagegen -- und erweckt Assoziationen wie dezente Grillengezirpe oder Strom-Bebrizzel. Dafür, dass sich Tietchens in Bezug auf seine Musik als autistisch bezeichnet, ist ihm ein recht zugängliches Werk gelungen. --Sven Niechziol
INTRO
"'Teilmenge 3, Teilmenge 21, Teilmenge 18, Teilmenge 17 ...' - Was geht? Bingo für Mathelehrer?' So oder ähnlich könnte denken, wer sich die Tracklist von "ã-menge', dem neuen Werk von Asmus Tietchens, zu Gemüte führt. Das Album ist Teil drei einer Serie, eines One-Man-Symposiums auf Ritornell. Diese Zweigfiliale von Mille Plateaux war Gerüchten zufolge von der Schließung bedroht, schön, dass es weitergeht. Mit dem Wuchern der Substrukturen. "My aim is to discover the white dots on the landscape of sound, territories where no others have travelled', kommentiert Tietchens die Geschehnisse auf dem Album. Wie klingen Teilmengen? Klein natürlich, mikrokosmisch, manchmal wirken sie ein wenig aufgescheucht vom grellen Licht der Aufmerksamkeit. Stellt sich nur die Frage, ob es berechtigt ist, solch abstrakte Gebilde zu personalisieren. Denn Menschen haben in dieser entfleischten Parallelwelt nichts verloren, sie sind "kranke Tiere und Ergebnis ihrer Krankheit', wie der französische Existentialist E.M. Cioran auf dem Cover von "ã-menge' bemerkt. Und weiter: "Die Sonne hätte der Entstehung des ersten Insekts zürnen und beim Auftreten des Schimpansen abwandern sollen.' Doch es kam anders: Plasma mutierte, der Biss in die Schlagader der Nahrungsquelle ersetzte die Photosynthese. Seit 40.000 Jahren werden Lösungen gesucht, mit diesem Bug der Evolution klarzukommen. Wie die Zwischenräume gestalten? Die unbequem friedlichen? Wohin mit der Trauer über das, was wir Menschen uns Tag für Tag antun?
Albrecht Kunze alias Lamé Gold hat sich dieser Fragen angenommen. Kaum von der gemeinsam mit Ekkehard Ehlers unternommenen Reise ins Glück (März' "Love Streams') zurückgekehrt, imaginiert er in seinem Hörspiel "The Homecoming Concert' eine postapokalyptische Situation: "Was, wenn wir zurückkehren aus den Resten von Zeilen und Zeichenketten, den Ruinen der Erinnerung, und dorthin zurücksehen, wo alles begann?' fragt Karoline Sauer, die Erzählerin, zu Beginn. Und dann kommt's dicke: Streichersamples galore, oszillierend zwischen Dur und Moll, Schmerz und Wundsalbe. "The Homecoming Concert' klingt entwaffnend: Kein mystisch wabernder, harmonisierender Zauberberg ist das, sondern ein aus Gefühlstrümmern errichteter Monte Scherbellino (Name des WK-II-Schuttbergs vor den Toren von Stuttgart) - die Geigen seufzen nicht, sie leiern. Postkoital. Oder: Post-Dancefloor-like. Fehlt nur, dass Scott Walker ans Mikro tritt und croont, was Sache ist in der Stunde Null. "The Homecoming Concert' liefert eine Simulation dieses Moments, der ans Herz greift, spielt aber als modernes Produkt immer mit dem Gedanken, benutzbar zu sein: als Music for innere Einkehr bestens geeignet zum Ausloten von individueller (bzw. kollektiver) Reue und anschließendem Kräftesammeln für die nächste Truppenparade.
Hendrik Kroez / Intro - Musik & so
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