Kurzbeschreibung
Auszug aus Aloe vera - Die Königin der Heilpflanzen von Alice Beringer. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die »wahre« Aloe
Von den über 250 Aloe-Arten, die es auf der Welt gibt, besitzt nur die »Aloe barbadensis miller«, die Aloe vera (lat.: die wahre Aloe), aufgrund ihrer biochemischen Zusammensetzung nachweislich die besten Eigenschaften als Heilpflanze. Schon die alten Griechen kannten zahlreiche Rezepte zu ihrer Anwendung. Auch Christopher Kolumbus schrieb: »Vier Pflanzen sind unentbehrlich für das Leben des Menschen - der Weizen, die Weinrebe, die Olive und die Aloe. Die erste nährt ihn, die zweite erfreut sein Herz, die dritte bringt ihm Harmonie und die vierte macht ihn gesund.« Als Mahatma Gandhi einmal gefragt wurde, wie er seine langen Fastenperioden ohne Kräfteverluste überstehen konnte, verwies er auf den Saft der Aloe vera, den er jeden Tag getrunken hatte.
In Amerika nannte man sie schon im 19. Jahrhundert »The silent Healer«, unsere Urgroßmütter sagten schlicht die »Erste-Hilfe-Pflanze«. Tatsächlich ist die Aloe so gut wie eine kleine Hausapotheke: Ihr Saft heilt Schnittwunden und Verbrennungen im Haushalt, er schützt gegen Mückenstiche und Sonnenbrand, hilft gegen Akne und Haarausfall und beseitigt Magenbeschwerden, wenn Sie einmal zu viel oder zu fett gegessen haben.
Aber der Aloe-Saft kann noch viel mehr. Leider war uns in der Vergangenheit die Kenntnis dieser unscheinbaren Heilpflanze abhanden gekommen, weil es ja für jedes Krankheitssymptom inzwischen Dutzende synthetische Medikamente gibt, die von den Ärzten gerne verschrieben werden und die im besten Falle sogar helfen. Doch bei vielen Beschwerden wäre es überhaupt nicht nötig, rasch zu einer Tablette zu greifen und uns den oft zahlreichen unerwünschten Nebenwirkungen dieser Medikamente auszusetzen. »Der Arzt hilft, aber die Natur heilt«, sagte Hippokrates, der größte Arzt der Antike und »Vater der Medizin«, der die Aloe gegen Geschwüre, Haarausfall und Darmbeschwerden empfahl - und er hatte recht. Sein Nachfolger Dioskurides beschrieb bereits rund 800 Symptome, die mit der Aloe zu heilen seien, und noch bei Hildegard von Bingen taucht die Aloe als Heilmittel gegen Hautprobleme, Migräne und Zahnfäule auf.
Die pharmazeutische Industrie konnte diesen Überlieferungsprozess nachhaltig unterbrechen. Erst die Erfahrungsmedizin hat ihn wieder aufgenommen. Es gab immer vereinzelte Studien zur Heilkraft des Aloe-Saftes, vor allem in den USA, aber sie wurden jahrzehntelang ignoriert. Das hat sich glücklicherweise vollkommen geändert - die wissenschaftliche Erforschung der Heilwirkung durch Aloe vera ist in den letzten Jahren weit vorangeschritten.
Für dieses Buch habe ich nicht nur die alten Rezepte nachgelesen und für unsere Zeit modifiziert, sondern auch die neuesten Erkenntnisse der »International Aloe Science Council Inc.« berücksichtigt. Unsere Vorfahren brauchten noch die Pflanze selbst, um aus ihren Blättern den Saft zu gewinnen. Heute können Sie ihn in der Apotheke kaufen oder im Internet bestellen.
Bequemer geht es nicht. Lernen Sie eine der wirksamsten Heilpflanzen neu kennen! Sie wird Ihnen nicht nur in akuten Notfällen Erste Hilfe leisten, sondern langfristig auch Ihre Gesundheit und damit Ihre Lebensqualität wirklich spürbar verbessern.
Damit Sie sich leichter orientieren können, habe ich das Buch in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil erfahren Sie, welche lange Tradition diese Heilpflanze in unserer Kulturgeschichte und in der Überlieferung der indianischen Kultur hat. Der zweite Teil schildert die Wirkungsweise und die hauptsächlichen Anwendungsbereiche der Aloe vera, und der dritte Teil schließlich versammelt in alphabetischer Reihenfolge eine Reihe von Anwendungsbeispielen, die Ihnen bei Beschwerden helfen sollen. Jeder von uns kann mit solchen Krankheiten konfrontiert werden, und da ist es gut zu wissen, dass wir nicht immer gleich auf die Chemie zurückgreifen müssen, sondern auf die Heilkräfte der Natur vertrauen können.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit der Heilkraft der Aloe vera - und selbstverständlich eine gute Gesundheit!
Januar 2007 Alice Beringer
Auf dem bis zu 60 cm hohen und bis zu 7 cm dicken Stamm der Aloe vera wachsen dicke blassgrüne Blätter mit weißen Randstacheln. Heimisch ist sie in allen trockenen Landstrichen von Nordafrika, Syrien, Südamerika bis Russland. Das Markgewebe der Blätter enthält einen farb- und geruchlosen Saft, der seit alters her als Heilmittel dient. Früher ließ man zur Gewinnung den Saft aus den abgeschnittenen Blättern austropfen und dampfte ihn dann zur Haltbarmachung ein, bis er dickflüssig, fast kristallklar wurde. Zur Anwendung wurde der Extrakt entweder in Pillen verarbeitet oder wieder in Wasser oder Alkohol aufgelöst.
ERSTER TEIL
Die Geschichte der Aloe vera
Die Heilkräfte der Aloe vera sind seit dem Altertum bekannt und wurden durch die Jahrhunderte überliefert. Erst durch die industrielle und synthetische Herstellung von Medikamenten wurde um 1900 der allgemeine Gebrauch dieses Naturheilmittels beendet, obwohl Sebastian Kneipp in seinem Gesundheits-Wegweiser »So sollt ihr leben« (1889, 20. Auflage 1894) noch ausdrücklich auf die Aloe aufmerksam gemacht hatte. Das »Klinische Recept-Taschenbuch für praktische Ärzte« aus dem Jahr 1902 verzeichnet die Aloe-Tinktur nur noch als Abführmittel, aber selbst diese Wirkung ist heute weitgehend vergessen.
Der Extrakt der Aloe wurde seither meistens nur noch als Schönheitsmittel in kosmetischen Präparaten, vor allem als Zusatz in Feuchtigkeitslotionen verwendet. Dass die Aloe zur natürlichen Hautpflege fast unentbehrlich ist, wird heute kaum noch jemand bestreiten. Aber diese unscheinbare Pflanze kann weitaus mehr: Ihr Saft heilt und lindert auf verblüffende und überzeugende Weise die unterschiedlichsten Beschwerden.
Lange Zeit war es nur möglich, diese Heilkräfte zu nutzen, indem man selbst eine Aloe-Pflanze kaufte, ein Blatt nach dem anderen abschnitt, den Saft heraustropfen ließ und ihn verwendete. Aber wer verstümmelt schon gerne eine Pflanze? Das war nicht nur unangenehm und mühsam, sondern auch kostspielig, weil man jede einzelne Pflanze beim Gärtner kaufen musste.
In Amerika begann man deshalb vor Jahrzehnten, die dort wild wachsende Aloe auf Farmen zu züchten und den Saft in Flaschen abgefüllt zu verkaufen.
Allerdings gehen viele Inhaltsstoffe der Aloe vera bereits kurz nach der Ernte verloren, weil sie an der Luft oxydieren. Um diesen Wirkungsverlust zu vermeiden, muss das Blattgel innerhalb von vier Stunden verarbeitet werden. Dem texanischen Apotheker Bill C. Coats gelang es 1953 erstmals, das frische Mark der Blätter durch ein natürliches Verfahren haltbar zu machen, sodass die oxydations- und hitzeempfindlichen Wirkstoffe erhalten blieben. Die reinen Aloe-Säfte und Gels, die heute von vielen Herstellern angeboten werden, sind auf diese natürlich Weise stabilisiert.
Es gibt inzwischen aber auch eine unüberschaubare Anzahl von Produkten, die mit dem Namen »Aloe« werben, obwohl sie nur als praktisch wirkungsloser Zusatzstoff in unbedeutender Konzentration enthalten ist. Inhaltsstoffe werden in abfallender Konzentration aufgeführt: Wenn eine »Aloe-vera-Pflegemilch« also Wasser, Jojobaöl, Aprikosenöl, Alkohol, Glyzerin, Aloe-vera-Gel usw. als Inhaltsstoffe auflistet, dann bedeutet die Nennung von Aloe an der sechsten Stelle, dass alle vorher genannten Stoffe in höheren Mengen enthalten sind.
Aber auch der Hinweis »100 % Aloe« kann irreführen, denn nach europäischem Recht ist es erlaubt, von 100 Prozent zu sprechen, wenn die Ausgangssubstanz zu 100 Prozent Aloe war. Folgeverdünnungen müssen nicht genannt werden. Das ist wie beim Orangensaft: Die Formulierung »Hergestellt aus 100 % Fruchtkonzentrat« meint nur die Ausgangssubstanz und nicht den verdünnten Packungsinhalt.
Amerikanische Produzenten von Aloe vera, z. B. Forever Living (siehe Anhang: Adressen), unterliegen einer weitaus strengeren Deklarationspflicht. So bedeutet auch die Aussage »Ohne Konservierungsstoffe« in Deutschland nur, dass die Konzentration der tatsächlich enthaltenen Konservierungsstoffe die europäische Deklarationsgrenze (ab 0,2 Prozent, in USA ab 0,01 Prozent!) nicht überschreitet.
Der reine, unverdünnte Saft der Aloe vera wird inzwischen von vielen Herstellern und Importeuren angeboten (siehe Anhang: Adressen). Wir haben damit die Möglichkeit, die Heilkräfte dieser Pflanze wieder zu entdecken, die schon in der Antike als wahres Wundermittel bekannt war. Welche Wirkung die Volksmedizin ihr zutraute, sieht man schon in der Bibel (Joh. 19,39): Nach der Kreuzabnahme kam ein Mann namens Nikodemus mit großen Mengen Aloe, um den vielleicht noch lebenden Jesus zu retten.
Zur wirksamen natürlichen Hautpflege sollten Sie nur reines Aloe-vera-Gel verwenden oder Produkte, in denen das Gel in der höchsten Konzentration enthalten ist. Auf keinen Fall dürfen angereicherte Aloe-Produkte zur Behandlung von inneren Beschwerden benutzt werden!
Vergessen? Nein, das stimmt nicht ganz. Wir haben die Kenntnisse über dieses unscheinbare und anspruchslose Gewächs nur verdrängt durch die Lektüre der Beipackzettel unserer modernen, synthetisch hergestellten Medikamente, und den längsten Absatz auf diesen Zetteln, der die unerwünschten Nebenwirkungen aufzählt, haben wir immer ganz schnell überlesen, weil wir davon nichts wissen wollen. In der klassischen Homöopathie ist die Aloe-Tinktur immer, allerdings nur bei sehr wenigen Indikationen, verschrieben worden. Erst die »natürliche« Medizin hat sich wieder auf die alten Quellen besonnen, und in ihnen nimmt die Aloe vera eine ganz erstaunliche Position ein: Sie ist die unbestrittene Königin der Heilpflanzen.
Wo immer sie heimisch wurde, in Kalifornien oder im Kaukasus, auf dem kargen Boden der Kanarischen Vulkaninseln oder in Südamerika - ihre Heilkraft wurde überall erkannt und genutzt. Unabhängig von schriftlichen Überlieferungen kam zuerst die Volksmedizin ganz verschiedener Kulturkreise zu identischen Erkenntnissen bei der Behandlung von Krankheiten, und dieses Wissen wurde dann aufgezeichnet und jahrtausendelang überliefert.
Nach unserer Kenntnis waren es zuerst die alten Ägypter, die schriftliche Zeugnisse zur Heilkunde und Körperpflege mit der Aloe-Pflanze hinterlassen haben. Der Leipziger Professor Georg Ebers, der auch eine Reihe altägyptischer Historienromane geschrieben hat, die heute zu Recht vergessen sind, fand 1873 einen umfangreichen, etwa 3500 Jahre alten Papyrus mit detaillierten medizinischen Rezepten, in denen die Verwendung von Aloe für Salben beschrieben wird. Dieses Wissen ging von den Ägyptern auf die Griechen über, die eine Inselgruppe namens Sokotora (heute das jemenitische Socotra) als die eigentliche Heimat der Aloe ausmachten. Der Überlieferung zufolge soll der Staatsphilosoph Aristoteles den Herrscher Alexander den Großen dazu überredet haben, diese Inseln zu erobern, um sich den alleinigen Besitz der Aloe zu sichern. Das klingt vielleicht zunächst etwas merkwürdig, war aber durchaus sinnvoll, weil Alexander auf seinem Feldzug nach Indien einen ausreichenden Vorrat an Medikamenten brauchte: Die Aloe galt als die beste Hilfe bei Kriegsverletzungen und wurde in entsprechenden Mengen auf den Feldzügen mitgeführt.
Übrigens machte vier Jahrhunderte später, nämlich um das Jahr 50, der »ungläubige« Apostel Thomas auf Sokotora halt, um seine Missionierung der Inder vorzubereiten. In Begleitung eines Kaufmannes in Diensten des indischen Königs Gundaphar, der mit den Römern Handel trieb, kam Thomas, vielleicht sogar auf einem römischen Schiff, nach Indien und erwarb sich einen rasch wachsenden Ruhm durch seine Krankenheilungen. Wie ein zweiter Jesus - daher sein Beiname »Didymus« (= Zwilling) - soll er aussichtslose Verletzungen und vor allem durch die schlechte Hygiene bedingte Geschwüre geheilt haben, wofür ihm seine Kenntnisse der Aloe die nötige Grundlage waren. Erst um das Jahr 67 fiel er einem Überfall von Hindu-Fundamentalisten zum Opfer; in Mailapur bei Madras wird noch heute die Stelle gezeigt, und die Christen in Indien feiern ihn als ihren Heiligen. Er war es, der die Heilpflanze Aloe in Indien einführte und bekannt machte - durch die Ayurveda-Medizin kehren diese Kenntnisse nun seit einigen Jahren als original indische Weisheit wieder zu uns zurück. Die Geschichte macht zuweilen sonderbare Umwege.
Ungefähr zur gleichen Zeit, nämlich um das Jahr 50 n. Chr., verfasste ein griechischer Arzt und Naturforscher aus Kilikien namens Dioskurides, der als Militärarzt unter Kaiser Nero den gesamten Orient bereist hatte, eine Arzneimittellehre (»De materia medica«) in fünf Büchern, in der er besonders die Wirkung der medizinischen Heilpflanzen beschrieb. Es handelt sich um rund 800 Krankheitsbilder, für die er Rezepte angab, und die Aloe gehörte dabei zu seinen am häufigsten genannten Medizinalpflanzen für die Behandlung von Wunden, Geschwüren und Entzündungen, Arthritis, Kopfschmerzen, Haarausfall und vielem mehr. Besonders in den arabischen Ländern galt sein Lehrbuch als Standardwerk und wurde mehrfach von arabischen Gelehrten kommentiert und ergänzt. Auf sein Werk ist die Hochschätzung der Aloe bei den Moslems zurückzuführen, denen die Pflanze auch als Symbol des vollkommenen Glücks gilt. Dass sie sich Aloe-Blätter gerne in die Hauseingänge hängen, hat allerdings nicht allein eine symbolische, sondern wohl vor allem eine sehr praktische Bewandtnis: Durch ihren Geruch vertreibt die Aloe nämlich die Insekten. Eine deutsche Übersetzung des Dioskurides erschien im Jahr 1610 in der Form eines »Kreutterbuchs«.
Etwa zur gleichen Zeit wie Dioskurides verfasste Plinius (»der Ältere«), der im Jahr 79 als Zuschauer beim Ausbruch des Vesuv ums Leben kam, seine monumentale »Naturalis historia«, die erste enzyklopädische Naturgeschichte. Dieses einzige von ihm erhaltene Werk ist eine unerschöpfliche Fundgrube für unsere Kenntnis der antiken Wissenschaften und des Volksglaubens: Plinius hat einfach alles aufgeschrieben, was er, ob wahr oder unwahr, als Information irgendwo gefunden hat. Wegen seiner thematischen Weitläufigkeit gab es von diesem Werk vielbenutzte Auszüge, so die »Medicina Plinii«, die als Selbsthilfebuch für Reisende gedacht war. Man hat Plinius oft kritisiert, weil er unterschiedslos Aberglauben und wissenschaftliche Erkenntnisse vermischt; ein schönes Beispiel dafür ist, was er über die Aloe schreibt. Ich zitiere den Text ausführlich in der alten Übersetzung von 1855:
Die Aloe hat Aehnlichkeit mit der Scilla, ist aber größer und hat saftigere, schräg gestreifte Blätter. Der Stengel derselben ist dünn, in der Mitte röthlich, dem des Antherikon nicht unähnlich; die Wurzel ist einfach, wie ein Pfahl in die Erde gesenkt, stark von Geruch und herb von Geschmack. Die gerühmteste kommt aus India, aber sie wächst auch in Vorderasien; doch bedient man sich von dieser nur der frischen Blätter auf Wunden, welche sie, wie auch der Saft, wunderbar schnell schließt; daher pflanzt man sie auch in kreiselförmige Gefäße, wie das größere Aeizoon. Manche schneiden des Saftes wegen den Stengel vor der Reife des Samens an, Andre auch die Blätter; doch findet er sich auch von selbst in daranhangenden Tropfen. Daher hält man es für nöthig den Ort, wo sie gepflanzt ist, zu täfeln, damit diese Tropfen nicht von der Erde aufgesaugt werden. Manche haben freilich erzählt, es werde in Judäa oberhalb Jerusalems ein mineralischer Stoff der Art gefunden, allein keine ist so schlecht, so dunkel oder so feucht. Die beste Sorte also ist fett und glänzend, braunroth von Farbe, leicht zerreiblich, von der Dichtigkeit einer Leber und leicht löslich; verwerflich dagegen ist die dunkelfarbige, harte und sandige und die, welche sich durch ihren Geschmack als mit Gummi oder Akakia versetzt zu erkennen giebt. Ihre Eigenschaften sind zu verdichten, zusammenzudrängen und sanft zu erwärmen, und sie wird vielfach angewendet, namentlich um Oeffnung zu verschaffen; dabei ist sie beinahe das einzige der dahin wirkenden Heilmittel, welches zugleich den Magen stärkt und ihn demnach nicht durch die entgegengesetzte Wirkung angreift. Man trinkt davon eine Drachme;* bei Magenschwäche aber in zwei Cyathus lauen oder kalten Wassers löffelweise zwei oder dreimal des Tages in Zwischenräumen, wie es die Umstände erfordern. Zur Abführung nimmt man höchstens drei Drachmen mit um so größerer Wirkung, wenn man nach dem Einnehmen Etwas ißt. In herbem Wein hält sie das Ausfallen der Haare zurück, wenn man sich in der Sonne den Kopf gegen den Strich damit salbt. Kopffschmerzen stillt sie, wenn man sie in Essig und Rosenöl auf die Schläfe und die Stirn legt oder, wenn sie verdünnt ist, daraufgießt. Ausgemacht ist es, dass man alle Augenleiden damit heilt, namentlich das Jucken und den Ausschlag an den Augenlidern; deßgleichen fleckige und bleifarbig unterlaufene Stellen, wenn sie mit Honig aufgelegt wird, besonders mit Pontischem, ferner die Mandeldrüsen, das Zahnfleisch, alle Mundgeschwüre und Blutauswurf; ist dieser mäßig, so trinkt man eine Drachme in Wasser, wo nicht, in Essig. Auch das aus Wunden oder sonst woher fließende Blut stillt sie, theils allein, theils in Essig. Auch sonst ist sie auf Wunden sehr heilsam, indem sie dieselben schnell vernarbt. So sprengt man sie auch auf Vereiterungen der männlichen Zeugungsglieder auf Teigwarzen und Risse am Gesäß theils mit Wein, theils mit Sekt, theils trocken für sich, je nachdem die Behandlung Milderung oder Beschränkung erfordert. Auch lindert sie sanft den allzu starken Hämorrhoidal-Fluß. Bei Ruhren giebt man sie als Klystier und wenn die Verdauung der Speisen zu langsam vor sich geht, trinkt man sie nach der Mahlzeit in mäßigen Zwischenräumen. In der Gelbsucht giebt man drei Obolus in Wasser. Man verschluckt auch, um die Eingeweide zu reinigen, Pillen davon mit ausgekochtem Honig oder Terebinthen-Harz. Sie heilt auch Fingergeschwüre.
Bis auf den eigentümlichen Hinweis, dass man sich bei Haarausfall die Kopfhaut mit Aloe gegen den Strich salben soll und dies ausdrücklich in der Sonne, sind diese Rezepte durchaus nachvollziehbar und beschreiben das breite Spektrum der Pflanze.
Bis zum Beginn der modernen Naturwissenschaften repräsentieren die Aufzeichnungen von Dioskurides und Plinius den Stand des botanischen und medizinischen Wissens. Deshalb findet man ihre Erkenntnisse, oft in wörtlicher Formulierung, auch in den frühen Kräuterbüchern wieder, die nach 1500 erschienen und zum Gebrauch für Ärzte bestimmt waren. Die Berufung auf die Autorität eines berühmten Vorgängers reichte damals aus, um die Wirkung eines Medikaments zu beglaubigen. Erst in der Neuzeit wurde die Überprüfung durch eigene Erfahrungswerte eingeführt. Obwohl also auch die Kräuterbücher noch stark mit überlieferten mythologischen und magischen Vorstellungen durchsetzt sind, ist es doch erstaunlich, wie präzise schon damals eine Heilpflanze wie die Aloe beschrieben werden konnte. Und manche Vorschrift, die dem aufgeklärten Zeitgenossen der Moderne als magisches Ritual erscheint, erweist sich auf den zweiten Blick als durchaus sinnvolles Rezept. Wenn Plinius nämlich sagt, man solle gegen Haarausfall den Aloe-Saft mit Wein und bei Sonneneinstrahlung in die Kopfhaut einmassieren, hat er recht: Der Alkohol und die Sonnenwärme öffnen die Poren zur besseren Wirksamkeit der Prozedur.
Vollkommen unabhängig von der europäischen Überlieferung seit der Antike existierte die Kenntnis der heilkräftigen Aloe-Pflanze bei den Ureinwohnern Nord- und Südamerikas, den Indianern. In Europa haben wir davon erst durch die weißen Siedler erfahren, die seit der Mitte des
19. Jahrhunderts die Indianergebiete eroberten. Da zu Beginn der großen Einwanderungswellen die Indianer den fremden Siedlern noch freundlich gesonnen waren, ließen sie sie auch im Bedarfsfall an ihren medizinischen Kenntnissen teilhaben. Viele Familien haben damals nur durch die Nothilfe der Indianer überlebt; Frauen und Kinder wurden durch indianische Heilkünste gerettet, und sie berichteten über diese Erfahrungen in ihren Briefen für die daheimgebliebenen Verwandten.
Da sich unter den weißen Siedlern auch Apotheker und Ärzte befanden, machten sich einige von ihnen detaillierte Aufzeichnungen für die eigene Praxis. Sie hatten sehr rasch gemerkt, dass die mitgebrachten Pillen und Tinkturen nicht lange reichten und der Nachschub im »Wilden Westen« nicht so problemlos wie erwartet funktionierte. Um zu überleben, waren die Einwanderer zunächst auf die medizinischen Kenntnisse der Ureinwohner angewiesen, die sie dann so brutal vertreiben würden.
Es ist aber auch überliefert, dass einzelne Stämme nach den schlechten Erfahrungen, die andere mit den weißen Siedlern gemacht hatten, ihre Geheimrezepte für sich behielten. So verheimlichten die Creeks jahrzehntelang, wieso sie nicht von Moskitos gestochen wurden: Sie rieben sich mit verdünntem Aloe-Saft ein.
Den Aufzeichnungen verdanken wir wichtige Informationen über die Art der Heilpflanzen und ihre Anwendung. In der europäischen Heimat wurden diese Berichte lange ignoriert oder nicht ernst genommen, weil es hier ja genug andere Medikamente gab.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.