Dieses Max Frisch-Zitat trifft auf den Punkt, was die Samdereli Schwestern mit ihrem Film -Almanya- ausdrücken wollen. Herausgekommen ist, jedenfalls wenn sie mich fragen, eine der schönsten Familiengeschichten, die jemals auf der Leinwand erzählt wurden. -Almanya- startet als rasante, verspielte Komödie, bis der Film nach ca. einer Stunde die Abfahrt in ein tief bewegendes Familienschicksal nimmt. All das wird mit unglaublich viel Liebe, Freundschaft, Hoffnung und einem zwinkernden Auge phantastsich erzählt. Selten wurde das Thema Integration mit mehr Herzblut an den Mann/die Frau gebracht als in diesem Glücksgriff aus dem DVD-Regal.
Cenk ist frustriert. In der Schule landet er beim Wählen der Fussballmannschaft mal wieder in der Türken-Elf, obwohl sich Cenk als Deutscher fühlt. Und beim Aufzeigen der Heimat ist Anatolien nicht mal mehr auf der Europakarte vorhanden. Da fragt sich der kleine Mann: Wer bin ich eigentlich? Er soll schnell Antwort bekommen. Seine Großeltern Fatma und Hüseyin Yilmaz sind gerade eingebürgert worden. Fatma freut sich riesig, Hüseyin ist skeptisch. Als die Einbürgerung gefeiert werden soll, überrascht Hüseyin seine Familie mit einem Hauskauf in der Türkei und einem gemeinsamen Urlaub, um das Haus zu renovieren. Das stößt auf gemischte Reaktionen. Doch die Familie macht sich auf den Weg in die alte Heimat. Dabei erzählt die Enkelin Canan dem kleinen Cenk die Geschichte der Familie Yilmaz. Vom Leben in Anatolien, Hüseyins Ankunft als 1.000.001 Einwanderer in Deutschland im Jahr 1964, den Schwierigkeiten beim Anfang im fremden Land, dem Nachholen der Familie und allem, was das Leben der Yilmaz so einzigartig macht. So lernt Cenk nicht nur ein neues Land, sondern auch eine irgendwie neue Familie kennen...
-Almanya- ist schlicht und einfach hervorragend gemachtes Kino. Wie Yasemin Samdereli die Fäden der Geschichte zu einem dichten Teppich aus Spaß, Geschichte und Zusammenhalt verknüpft, das ist ganz großes Kino. Egal, ob sie mit Rückblenden die jungen Jahre von Yilmaz und Fatma einfängt, oder aber im Stil eines Foto-Klick-Kastens Bilder der Vergangenheit heraufbeschwört. Wenn Hüseyin im Ausländeramt den drohenden deutschen Schatten über sich sieht oder die anatolischen Freunde den Yilmaz erklären, dass die Deutschen Menschen opfern, dreckig sind, nur Kartoffeln essen und es ständig kalt ist. Es sind diese Vorurteile, die Angst vor dem Fremden und die wechselnde Perspektive der Beobachtungsseite, die -Almanya- perfekt trifft. Auch der Kniff, die deutsche Sprache als Kauderwelsch zu präsentieren, während wir alle türkisch gesprochenen Worte verstehen ist so kreativ wie unglaublich gut gelungen. Ganz nebenbei heften die Samderelis ihrem Integrationsmärchen noch ein paar Originalaufnahmen aus den 60er Jahren an.
Zum Schluss sind da noch die Schauspieler. Da fast alle Charaktere doppelt(jung und alt) besetzt sind, habe ich mir eine Aufzählung erspart. Die Besetzungsliste ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Da sitzt jede Miene und passt jeder Dialog. Von meiner Warte aus herauszuheben ist vielleicht Vedat Erincin. Wie er den türkischen Opa Hüseyin spielt, dass ist so wunderbar und märchenhaft gelungen, dass es eine wahre Freude ist, ihm bei der Arbeit zuzuschauen.
Habe ich mich genügend ausgelassen? Ich hoffe ja. Wenn dabei mehr eine Werbung als eine Rezension für -Almanya- herausgekommen sein sollte, nehme ich das gern in Kauf. 97 Minuten perfekte Unterhaltung, die man genießen darf, um zu lachen, zu weinen und sich Gedanken zu machen, sollten es wert sein beworben zu werden. Insofern gibt es heute von mir die absolute Empfehlung, sich den Film der Samdereli-Schwestern anzusehen. Sollte er sie nur halb so gut unterhalten wie mich, glauben sie mir, dann hat sich das schon gelohnt. Viel Spaß dabei.