Leslie Marmon Silko ist eine Autorin, die es geschafft hat, mir eine Vorstellung davon zu vermitteln, was Magie zum heutigen Tage in Amerika (ich meine den Doppelkontinent als Ganzes und nicht nur die USA) bedeuten kann und zwar in ihrem Roman
Almanach der Toten
(original: Almanach of the Dead)
Allein schon der Unterschied östliche vs. westliche Hemisphäre birgt Unterschiede, die in einen Kontext eingebettet sind: Es ist der Kontext des Westens (im kulturwissenschaftlichen Sinne).
Ein Beispiel: Für die Schwarze Magie, die Silkos Roman mit als einen Grund für den Untergang der Maya heranzieht, ist es völlig überflüssig, etwas über Babylon und den nahen Osten zu wissen, es sei denn man zöge das als Vergleich heran. Mexico, Argentinien, Alaska - all das sind Schauplätze der sich, dem Westen zum Trotz, entfaltenden Erzählung original gebliebener amerikanischer Kultur.
Wie die monotheistischen, gruppenbasierten Religionen Amerika beeinflussten ist auch sehr gut beschrieben und erzählt, ohne die Verwirrungen auszulösen, die durch doppelt verwendete Begriffe und deren Zweideutigkeiten entstehen können - die Erzählung ist von der Glaubwürdigkeit her einheitlich.
Für alle, die schon sehr viel über die europäische (eurasische) Geschichte der Magie wissen, ist Silkos Roman eine sehr gute Lektüre, um bereits daraus gezogene Schlüsse und erlangte Überzeugungen auf die Probe zu stellen, um verallgemeinerte Auffassungen an einem "anderen Beispiel" zu überprüfen und weiterzuentwickeln, so als hielte man dem ganzen Westen einen mit grünen Federn umrahmten Spiegel vor...
Für alle, die sich jedoch in dem Gebiet der Magie als Neulinge bewegen, ist Almanach der Toten auf eine andere Art und Weise vorteilhaft: Es werden verallgemeinerbare Mechanismen dargestellt, deren Wirkprinzipien leicht dazu dienen können, den eurasischen Kontext der Magie besser zu verstehen.
Zudem ist Silko eine unnahbare, reife Erzählerin, die spielend mit den ökonomischen, politischen und (nach Foucault) Biomacht-Auswüchsen einer globalisierten Erzählwelt umgehen kann und sich auch der stilistischen, kulturellen und literarischen Entwicklungen westlicher Erzähltradition bedient.
Allen, die jetzt noch mitlesen, möchte ich dieses Buch gerne wärmstens empfehlen. Mir hat es anhand nachfühlbarer Figuren veranschaulicht, was Magie alles sein kann, was Magie nicht sein kann, was Magie anstreben und was Magie vermeiden sollte zu werden - und all das OBWOHL es damals "nur" Pflichtlektüre in einem Literaturseminar war... ;-)