Allison Marie "Ally" McBeal ist die sympathisch dargestellte, unvollkommene Protagonistin in David E. Kelley`s zweitem Geniestreich im Juristenmilieu nach seinem vielfach preisgekrönten Erfolg mit "The Practice - Die Anwälte". Eine egozentrische und trotzdem verletzliche Person, ebenso hysterisch wie schlagfertig und vielleicht auch ein bisschen verrückt. Calista Flockhart spielt sie so intensiv und überzeugend, dass sie wohl für den Rest ihres Lebens als Schauspielerin nicht mehr davon loskommen wird.
Und alle sind hier irgendwie ein bisschen verrückt und schräg. Der versonnene John Cage - ein Seelenverwandter von Ally -, der pragmatisch-oberflächliche Richard Fish, die frostige Nelle Porter, die oberflächliche, arrogante und angriffslustige Ling Woo oder die lebenslustige Elaine. Und dazu kommen die skurrilen und emotionalen Rechtsfälle. Daher tun sich "normale" Charaktere schwer, gegen dieses Team zu bestehen. Es gelingt noch Billy und Georgia, aber dann eigentlich niemandem mehr so richtig.
Einsamkeit und zwischenmenschliche Beziehungen bilden die Schwerpunkte der Handlung, die einen Zeitraum von fünf Jahren umfasst, während der die Charaktere auch einen Entwicklungsprozess durchmachen.
Und zusammen mit dem Symbolcharakter der begleitenden musikalischen Untermalung, die eine ganz wesentliche Rolle spielt, entstehen durch den unerschöpflichen und unübertroffenen Erfindungsreichtum von David E. Kelley mehr als wunderbare Episoden.
Während die Staffeln eins bis vier weitgehend uneingeschränkte Zustimmung erhalten, wird die letzte Staffel äusserst zwiespältig beurteilt. Sicher ist sie ernster, tiefgründiger, nachdenklicher, doch die tragikomischen Momente bleiben und insgesamt ist sie möglicherweise sogar die beste Staffel von allen. Wenn wir einen kritischen Aspekt teilen, so ist es die Verpflichtung von Dame Edna Everage, eine niveaulose Knallcharge, die absolut nicht in die sonst glänzend besetzte Serie passt.
"Ich fürchte, Du wirst mir am meisten fehlen" sagt Ally bei ihrem bewegenden Abschied zu John Cage. Sie verlässt die Kanzlei und Boston, um nach New York zu gehen. "Wenn ich so zurückblicke sind viele der traurigsten Zeiten in meinem Leben im Nachhinein doch die glücklichsten gewesen. Ich müsste jetzt also glücklich sein. Ja, alles wird gut, sonst würde ich doch nicht weinen".
Nein, nichts wird gut, denn wir müssen weinen. Weil Du auch u n s verlässt, Ally McBeal. Eine grandiose Anwalts-Soap auf sehr hohem Niveau.