Neue Zürcher Zeitung
Das historische Buch
Die Macht der Vergangenheit
Ernst Schubert über den Alltag im Mittelalter Olivenbäume in England, Malaria am Rhein, Sanddünen in der norddeutschen Tiefebene, entwaldete Gebirge: Was nach Visionen zukünftiger Klimaerwärmung und Treibhauseffekte klingt, ist die eigene Vergangenheit nämlich mittelalterliche Umweltgeschichte. Ernst Schubert, Professor für Landesgeschichte in Göttingen, kann in «Alltag im Mittelalter» mit überraschend Vertrautem aufwarten. Durch Umweltveränderungen verursachte Überschwemmungen beklagte schon vor 700 Jahren ein Colmarer Dominikanermönch. Auch Raubbau an natürlichen Ressourcen ist kein Privileg des Industriezeitalters: Jahrhundertelange Überfischung liess am Ende des Mittelalters die Heringsbestände der Ostsee verschwinden. Der Bedarf am Energieträger Holz frass die Wälder ganzer Landstriche. International operierende Holzhändler gab es im Mittelalter ebenso wie illegale Mülldeponien und verseuchte Brunnen. Gutes Trinkwasser war in den Städten ein Handelsartikel und wurde teuer verkauft. Die ersten Bestimmungen gegen Luftverschmutzung stammen ebenso aus dem späten Mittelalter wie die Inszenierung von quasi romantischer «Wildnis» als Accessoire sozialer Distinktion. Seit dem 14. Jahrhundert ist das literarische Faible für ein (temporäres) Leben im wilden Draussen eines der Erkennungszeichen für bessere Leute. Schubert versteht Umweltgeschichte als die Geschichte menschlicher Arbeit, als Rekonstruktion materieller Lebensbedingungen. Er schreibt mit Verve, Sachkenntnis und einiger Ironie über Müllhandel und Fäkalien ebenso wie über betrügerische Lebensmittelgewerbe. Teil dieses Alltags war auch das mittelalterliche Vergnügen an der Natur. Es schloss den Verzehr von Singvögeln in einer von Proteinmangel geplagten Welt selbstverständlich ebenso ein wie die aufwendige Einfuhr von Schönem. Nicht nur viele unserer vertrauten «heimischen» Garten-, auch Schmuckpflanzen sind mittelalterliche Importe aus weit entfernten Regionen, etwa Pfingstrosen, Schwertlilien und Margeriten. Dann holt der Autor noch einmal aus: Er erweitert seinen Begriff von Alltag in einem zweiten Abschnitt auf die Formen zwischenmenschlichen Umgangs. Von den (zum Teil recht drastischen) mittelalterlichen Wurzeln unserer modernen Namen ist dabei ebenso die Rede wie von Sprichwörtern, Gewalttätigkeit, Kinderliebe und den verschiedenen Formen von Sexualität. Die Menschen des Mittelalters, die uns so fremd erschienen, so sein Fazit, seien «gewiss nicht anders gewesen als wir». Und was den vermeintlich mittelalterlichen Wunder- und Aberglauben betrifft, erweise sich das 13. Jahrhundert als nüchterner und skeptischer als das 17., die Blütezeit der Prodigienliteratur und der gelehrten Magie. Vorgetragen wird das mit einer Fülle von Material und handfestem common sense, ein Lesevergnügen mit gut gesetzten Pointen. Aber irgendwann im zweiten Teil kommt dem Buch sein Thema abhanden, weil in ihm «menschliches Miteinander», wie es im Untertitel heisst, so gut wie alle Lebensäusserungen einzuschliessen beginnt, vom Raubmord bis zum Sprichwort. Wir lernen ein sympathisch heterogenes, vielfältiges Mittelalter kennen, das uns an vielen Stellen bekannt vorkommt. Man schliesst das Buch allerdings mit dem Verdacht, dass der Autor an jenen alten Stereotypen vorindustrieller Umwelt und archaisch-brutaler, eben «mittelalterlicher» Lebensbedingungen, gegen die er argumentiert, doch kleben geblieben ist. Das Problem liegt vielleicht in der Geschichte jener Disziplin, aus der Schubert sein Material schöpft, der Landesgeschichte spezifisch deutschsprachiger Prägung. Das Mittelalter war einer ihrer bevorzugten Schwerpunkte. Institutionalisiert zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, war sie methodisch ausserordentlich innovativ, wenn es um das Verknüpfen sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Fragestellungen mit Siedlungsforschung und Archäologie ging. Aber gleichzeitig hat sie immer der Zentrierung aufs immer schon da gewesene Eigene gedient umständlich neuakademisch ausgedrückt: einem antiquarischen Identitätsdiskurs. Die damit verbundenen politischen Einstellungen hat die Landeshistorie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (langsam) abgestreift. Letztes Echo dieser Erbschaft war Jörg Haiders Äusserung nach seiner Wahl zum Kärntner Landeshauptmann, er wolle an der Universität vor allem die «Landesgeschichte» stärken. (Dafür können die Landeshistoriker natürlich nichts.) Es ist die Landesgeschichte, die das definiert, was Schuberts Mittelalter ausmacht. In gewisser Weise ist sie für seine Konzentration auf den deutschen Sprachraum verantwortlich, für das weitgehende Fehlen französischen, italienischen und osteuropäischen Materials und auch dafür, dass neuere amerikanische Arbeiten im Literaturverzeichnis fehlen. Gerade weil «Alltag im Mittelalter» ein so kluges, gelehrtes und oft ironisches Buch ist, wird an ihm klar, welche Macht die Geschichte seiner eigenen Disziplin auf den einzelnen Wissenschafter hat. Valentin Groebner
Die Macht der Vergangenheit
Ernst Schubert über den Alltag im Mittelalter Olivenbäume in England, Malaria am Rhein, Sanddünen in der norddeutschen Tiefebene, entwaldete Gebirge: Was nach Visionen zukünftiger Klimaerwärmung und Treibhauseffekte klingt, ist die eigene Vergangenheit nämlich mittelalterliche Umweltgeschichte. Ernst Schubert, Professor für Landesgeschichte in Göttingen, kann in «Alltag im Mittelalter» mit überraschend Vertrautem aufwarten. Durch Umweltveränderungen verursachte Überschwemmungen beklagte schon vor 700 Jahren ein Colmarer Dominikanermönch. Auch Raubbau an natürlichen Ressourcen ist kein Privileg des Industriezeitalters: Jahrhundertelange Überfischung liess am Ende des Mittelalters die Heringsbestände der Ostsee verschwinden. Der Bedarf am Energieträger Holz frass die Wälder ganzer Landstriche. International operierende Holzhändler gab es im Mittelalter ebenso wie illegale Mülldeponien und verseuchte Brunnen. Gutes Trinkwasser war in den Städten ein Handelsartikel und wurde teuer verkauft. Die ersten Bestimmungen gegen Luftverschmutzung stammen ebenso aus dem späten Mittelalter wie die Inszenierung von quasi romantischer «Wildnis» als Accessoire sozialer Distinktion. Seit dem 14. Jahrhundert ist das literarische Faible für ein (temporäres) Leben im wilden Draussen eines der Erkennungszeichen für bessere Leute. Schubert versteht Umweltgeschichte als die Geschichte menschlicher Arbeit, als Rekonstruktion materieller Lebensbedingungen. Er schreibt mit Verve, Sachkenntnis und einiger Ironie über Müllhandel und Fäkalien ebenso wie über betrügerische Lebensmittelgewerbe. Teil dieses Alltags war auch das mittelalterliche Vergnügen an der Natur. Es schloss den Verzehr von Singvögeln in einer von Proteinmangel geplagten Welt selbstverständlich ebenso ein wie die aufwendige Einfuhr von Schönem. Nicht nur viele unserer vertrauten «heimischen» Garten-, auch Schmuckpflanzen sind mittelalterliche Importe aus weit entfernten Regionen, etwa Pfingstrosen, Schwertlilien und Margeriten. Dann holt der Autor noch einmal aus: Er erweitert seinen Begriff von Alltag in einem zweiten Abschnitt auf die Formen zwischenmenschlichen Umgangs. Von den (zum Teil recht drastischen) mittelalterlichen Wurzeln unserer modernen Namen ist dabei ebenso die Rede wie von Sprichwörtern, Gewalttätigkeit, Kinderliebe und den verschiedenen Formen von Sexualität. Die Menschen des Mittelalters, die uns so fremd erschienen, so sein Fazit, seien «gewiss nicht anders gewesen als wir». Und was den vermeintlich mittelalterlichen Wunder- und Aberglauben betrifft, erweise sich das 13. Jahrhundert als nüchterner und skeptischer als das 17., die Blütezeit der Prodigienliteratur und der gelehrten Magie. Vorgetragen wird das mit einer Fülle von Material und handfestem common sense, ein Lesevergnügen mit gut gesetzten Pointen. Aber irgendwann im zweiten Teil kommt dem Buch sein Thema abhanden, weil in ihm «menschliches Miteinander», wie es im Untertitel heisst, so gut wie alle Lebensäusserungen einzuschliessen beginnt, vom Raubmord bis zum Sprichwort. Wir lernen ein sympathisch heterogenes, vielfältiges Mittelalter kennen, das uns an vielen Stellen bekannt vorkommt. Man schliesst das Buch allerdings mit dem Verdacht, dass der Autor an jenen alten Stereotypen vorindustrieller Umwelt und archaisch-brutaler, eben «mittelalterlicher» Lebensbedingungen, gegen die er argumentiert, doch kleben geblieben ist. Das Problem liegt vielleicht in der Geschichte jener Disziplin, aus der Schubert sein Material schöpft, der Landesgeschichte spezifisch deutschsprachiger Prägung. Das Mittelalter war einer ihrer bevorzugten Schwerpunkte. Institutionalisiert zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, war sie methodisch ausserordentlich innovativ, wenn es um das Verknüpfen sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Fragestellungen mit Siedlungsforschung und Archäologie ging. Aber gleichzeitig hat sie immer der Zentrierung aufs immer schon da gewesene Eigene gedient umständlich neuakademisch ausgedrückt: einem antiquarischen Identitätsdiskurs. Die damit verbundenen politischen Einstellungen hat die Landeshistorie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (langsam) abgestreift. Letztes Echo dieser Erbschaft war Jörg Haiders Äusserung nach seiner Wahl zum Kärntner Landeshauptmann, er wolle an der Universität vor allem die «Landesgeschichte» stärken. (Dafür können die Landeshistoriker natürlich nichts.) Es ist die Landesgeschichte, die das definiert, was Schuberts Mittelalter ausmacht. In gewisser Weise ist sie für seine Konzentration auf den deutschen Sprachraum verantwortlich, für das weitgehende Fehlen französischen, italienischen und osteuropäischen Materials und auch dafür, dass neuere amerikanische Arbeiten im Literaturverzeichnis fehlen. Gerade weil «Alltag im Mittelalter» ein so kluges, gelehrtes und oft ironisches Buch ist, wird an ihm klar, welche Macht die Geschichte seiner eigenen Disziplin auf den einzelnen Wissenschafter hat. Valentin Groebner
Kurzbeschreibung
Die zentrale Frage Ernst Schuberts ist, wie die Menschen im Mittelalter überleben konnten, wie sie sich mit ihrer Umwelt und wie sie sich miteinander auseinandersetzten. So handelt dieses Buch von Wäldern und Abwässern, vom Fluchen und von der Liebe, von scheinbar so weit auseinanderliegenden Sachverhalten wie dem Unrat auf der Straße und der Gotteslästerung, der Rodung des Waldes und dem Liebeszauber. Ernst Schubert gelingt es, die Alltagsgeschichte des mittelalterlichen Mannes und der mittelalterlichen Frau aus dem Volke zu schreiben, indem er die spezialisierten Zweige der Geschichtsforschung - historische Geographie, literaturwissenschaftliche Mediävistik, Mentalitätsgeschichte und Umweltgeschichte - zusammenführt. Anschaulich und quellennah, derb und amüsant, kommt dem Leser nach der Lektüre manches weit fremder vor, als er es sich vorgestellt hatte, manches jedoch auch sehr vertraut.
Über den Autor
Ernst Schubert, geb. 1941, ist Professor für niedersächsische Landesgeschichte und Direktor des Instituts für historische Landesforschung an der Universität Göttingen.