Über das mit vorliegende Werk kann ich nur positives berichten. Schon der erste Eindruck dieses dicken und stattlichen, in einer ausgezeichneten Druckqualität präsentierten Buches ist überwältigend. Instinktiv erwartet man für ein derartiges Werk einen wesentlich höheren Preis, was in der Tat nicht der Fall ist.
Was aber nützt ein günstiger Preis, wenn der Inhalt nicht mithalten kann? Bei diesem Werk stimmt beides. Es zeigt praktisch alle wichtigen Lebensbereiche des DDR-Alltags - Familie, Schule, Arbeit, Freizeit und die Ansichten von Landschaft und Städten flächendeckend von der Ostsee bis zum Erzgebirge - in ungeschönten und sehr bildwirksamen, vielfach in Form von Schnappschüssen entstandenen Schwarz-Weiss- aber auch von Farbfotografien eines engagierten, in der DDR lebenden Fotoamateurs, die denen eines Profis durchaus würdig sind. Die Aufnahmen dieser Dokumentation wirken völlig unverfälscht und daher ehrlich, spontan und aus dem Leben gegriffen - ganz im Gegensatz zu den meisten, überwiegend tiefganglosen, oberflächlichen Büchern zum Thema, mit denen der Buchmarkt im Zuge der sogenannten "Ostalgie-Welle" zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung geradezu überschwemmt wird. Dieses fachlich gut kommentierte Bildwerk hebt sich sehr wohltuend von allen anderen Büchern über die DDR ab, vor allem auch deshalb, weil sich der zeitliche Rahmen auf die frühen Jahre der DDR - von 1949 bis 1971 - beschränkt. Die hier gezeigten Fotodokumente lassen einzigartig und sehr eindrucksvoll die große Not der Nachkriegszeit und den allgegenwärtigen Mangel dieses durch Kriegsfolgen und sowjetische Demontagen ausgebluteten Landes erahnen. Eines Landes, welches bis auf die überreichlich vorhandene Braunkohle und die von den Sowjets ausgebeuteten Uranvorkommen praktisch keine Bodenschätze aufzuweisen hatte und dem keine Care-Pakete und andere westliche Aufbauhilfen zu Gute kamen. Hier gab es kein vielgerühmtes Wirtschaftswunder, denn fast alles, was in der DDR geschaffen wurde, musste ohne fremde Hilfe von den Bewohnern, den damaligen "Werktätigen" unter großem persönlichem Engagement und beständiger Improvisation geleistet werden. Damit ist dieses Werk - ohne dabei das politische System zu werten - auch als eine Reminiszenz und objektive Würdigung der von den Menschen in der DDR geleisteten Aufbauarbeit zu verstehen, die vor allem in den westlichen Teilen der wiedervereinigten Republik überwiegend aus Unwissenheit so sehr geschmälert und infrage gestellt wird. Es waren Lebens- und Arbeitsbedingungen, von denen sich wohl kaum jemand in der heutigen Überfluss- und Wegwerfgesellschaft eine Vorstellung machen kann. Es sind Bilder eines einfachen und wenig anspruchsvollen, von maßlosem Anspruchsdenken und permanenten Reizüberflutungen freien Lebens. Die glücklich, weil ungestellt in die Kamera schauenden, zufrieden ein einfaches Vanilleeis essenden oder voller Stolz ihre gesammelten Pilze zeigenden, nicht mir Markenkleidung ausstaffierten Kinder sind Bilder, die Anlass zum Nachdenken darüber geben sollten, was den meisten Menschen durch den allgegenwärtigen Überfluss abhanden gekommen ist und vielerorts vermisst wird. Man war noch mit Kleinigkeiten zufrieden.
Andererseits artet dieses Werk keineswegs in eine einseitige Lobhudelei für das sozialistische System aus. Die permanenten politischen Beeinflussungen der Menschen dieses Landes durch Personenkults, Aufmärsche und Veranstaltungen werden ebenso vielfältig dokumentiert wie das Alltagsleben.
Einen bis zur Wiedervereinigung reichenden Fortsetzungsband würde ich sehr begrüßen.
Dieses Buch ist sowohl eine Erinnerung für diejenigen, die diese Zeit noch bewußt erlebt haben als auch für die jüngere Generation, um sich zu informieren. Ein Werk zum Schmökern aber auch zur intensiven Beschäftigung mit dem Thema, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt. Daher gebe ich die volle Punktzahl.