"Alles Abgestandene der vergangenen Nacht hatte sich verflüchtigt, und das Muffige des Tages sich noch nicht festgesetzt. Es roch nach der fauchenden Lavazza, an der Gianfranco gerade die Milch für einen Cappuccino aufschäumte, den Croissants auf den Tresen und Tischchen und den Parfums und Eaux de Toilette der paar Müßiggänger und Flaneure, denen um diese Zeit das Viennois gehörte. Einer von ihnen las ein Buch. Ein englisches Paperback, dem er den Rücken gebrochen hatte, damit er es einhändig lesen konnte."
Dieser Mann ist Johann Friedrich Allmen, einstmals reicher Erbe eines Schweizer Grundstücksmaklers. Vom riesigen Vermögen seines Vaters ist nichts mehr übrig. Mit seinem treuen Diener Carlos lebt er im gläsernen Gartenhaus seiner ehemaligen Villa "Schwarzacker". Seine Ausgaben deckt er mit kleinen Diebstählen wertvoller Antiquitäten, die er einem befreundeten Händler unter der Hand weiterverkauft. Durch die Bekanntschaft mit der reichen Industriellentochter Joelle gelangt er, unrechter Weise, in den Besitz einer wertvollen Jugendstilschale des Künstlers Galé. Einen Tag nachdem er diese seinem Hehler Jack Tanner veräußert hat, wird dieser ermordet in seinem Laden aufgefunden. Kurze Zeit später wird auch auf Allmen ein Mordanschlag verübt.
Mit "Allmen und die Libellen" beginnt Martin Suter seine erste Kriminalserie. So zumindest lautet die Vorankündigung des Verlages. Kriminalromane sind mittlerweile zur austauschbaren Massenware geworden. Was der talentierte Schweizer hier vorlegt gehört keinesfalls zu dieser Kategorie.
Die Lektüre dieses Buches erscheint wie die Reise in eine andere Zeit oder besser aus der Zeit heraus. Allmen, der elegante Held der Geschichte, hat etwas von einem Lord Peter Wimsey. Feine Kleidung und exzellente Manieren täuschen seine Umwelt darüber hinweg, dass von seinem einstigen Vermögen nichts mehr übrig ist. Dennoch wandelt dieser feinsinnige Mann seinen Lebensstil nicht. So serviert ihm sein Diener Maistortillas und Bohnen auf gestärktem Leinen mit Silberbesteck. Noblesse oblige.
Auch seine sonstigen Gewohnheiten entsprechen eher denen eines englischen Landedelmannes als denen eines abgebrannten Kleinganoven. Der obligatorische Morgenkaffee im vornehm ergrauten Café Viennois. Was Suter hier beschreibt, mutet in der heute vorherrschenden hektischen Betriebsamkeit an, wie Relikte aus einer entschwundenen Welt. Privilegierte Nichtstuer und ihr geregelter Müßiggang Eine so harmonische Szenerie bekommt man heute in Bestsellern selten zu lesen. Schön, das es noch Schriftsteller gibt, die es lohnend finden eine solche herauf zu beschwören.
Beim Lesen fasziniert nicht nur die Handlung obgleich sie auf eine gemütliche, fast beschauliche Art spannend ist. Allmen ist ein Gentleman der alten Schule. Diskret, zurückhaltend, wach und intelligent. Im Prinzip auch hochmoralisch und grundehrlich. Er bewahrt sich, trotz seiner Antiquitäten Gaunereien, ein reines Gewissen und auch eine lautere Seele. Sicher drängt es einen zu erfahren was es mit den wertvollen Schalen auf sich hat, wer auf Allmen geschossen hat und vor allem wie er der drohenden Gefahr entkommt. Dennoch verfolgt man das Geschehen nicht atemlos, sondern eher langsam und bedächtig. In dem Bewusstsein hier ein Buch zu genießen, wie ein gutes Glas Rotwein. Jedes Wort auskostend.
"Carlos, darf man etwas unehrliches tun, wenn man in Not ist? Como no, war Carlos Art, ja zu sagen. Wenn man mit etwas Ehrlichem nicht aus der Not heraus kommt. Aber nur etwas Unehrliches. Nichts Kriminelles. Die Antwort kam rasch, wie die meisten von Carlos Antworten. Es war, als besäße er einen großen Vorrat an fixfertigen, abrufbaren Antworten auf alle Fragen des Lebens."
Mit Allmen und seinem Diener Carlos hat Martin Suter ein neues Duo am Kriminalfirmament aufgehen lassen, auf dessen weitere Abenteuer man sich unbändig freut. Zum einen um noch einige "fixfertige" Lebensratschläge zu bekommen. Zum andern weil es ein Genuss ist, diese zu lesen.