Ich freue mich über deutsche Fachleute, die Handweiser und einführende Lehrbücher für die Allgemeinheit verfassen: Weil die Texte so schön ordentlich und gegliedert sind. Ein prima Beispiel dafür ist die fünfte, neu bearbeitete Auflage der seit 1976 erscheinenden Allgemeinen Psychopathologie von Christian Scharfetter.
Wer sich beispielsweise schon immer gefragt hat, was genau ein Wahn ist oder wie sich eine Schizophrenie äußert, sollte einmal in dieses Taschenbuch blättern. Hier kommen auch diejenigen zu Wort, die es am besten wissen: Die Betroffenen. Es ist ein großes Durcheinander in mir", berichtet ein Schizophrener, wo ist meine Nase, was ist mit meinem Mund... mein rechter Arm? (...) Ich habe nur die halbe eigene Meinung, das andere ist von anderen, von Verwandten, von Stimmen."
Die psychisch veränderten Menschen sind bei Scharfetter trotz Dermato- oder Enterozoen-Wahn keine unmündigen Deppen, sondern sie leben mit Zeichen, die zumindest für den Erkrankten gut erklärlich sein können: Dass auch im Wahn Sinn sein könnte, drängt sich bei der näheren Betrachtung (...) im lebensgeschichtlichen Zusammenhang auf. Manche Kranke lassen uns das auch wissen: (...) Ich bilde mir selbst die Welt, um mich über das Klägliche hinwegzusetzen."" Spannend? Spannend!
Die Kapitel sind sehr knapp gehalten, dafür aber hochausgereift. Auch mischen sich erwartete mit unvermuteten Überschriften: Orientierung (Kapitel 5), Affektivität (Kapitel 11), Antrieb (Kapitel 15), Zwänge und Phobien (Kapitel 18). Die Psycho-Analyse, das merkt mensch gleich, hat hier nichts zu suchen, viel eher die biologische Psychologie und psychiatrisches Einfühlen und Anschauen.
Nicht alle Quellen sind brandneu (unter Zoophilie sind bloß Kinsey und von Hentig die Bürgen), in vielen Fällen weisen sie gerade deswegen aber auf von Jüngeren vergessene Werke. Ohnehin ist das Taschenbuch ja erstens um eine Einführung und soll zweitens vorwiegend das Begriffsgerümpel im Kopf psychiatrischer Laien (wie mir) aufzuräumen. Das gelingt dem Autor einwandfrei, und so werde ich das pragmatische, herzliche und unverquaste Buch gerne in meine Handbibliothek einsortieren. Ein weitschweifiges Psychologie-Lexikon macht sich dafür auf den Weg zum Antiquar.