Der „Kritische Rationalismus" befindet sich als Wissenschaftstheorie in der Sonderpädagogik zunehmend in der Krise. Die Diskussion wendet sich wieder Wissenschaftstraditionen zu, die Erkennen und Werten nicht als absolut Gegensätzliches verstehen und den Menschen in seiner Ganzheit sehen. Der Schweizer Heilpädagoge Urs Haeberlin knüpft in seinem anthropologischen Grundlagenwerk an die Tradition der Schweizer Heilpädagogik an, die immer neben der Suche nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auch normative Aussagen machte.
Zentrale Themen der Sonderpädogik werden breit thematisiert, etwa die Frage nach den Zielen und dem Sinn heilpädagogischen Handelns. Auch wenn die sehr persönliche Sprache und der manchmal empathische Schreibstil zunächst befremden, ist dieses Buch eine sehr empfehlenswerte Lektüre für alle, die mit behinderten Menschen zusammen arbeiten und leben. Es hilft bei der Reflexion des eigenen Standpunktes zu wichtigen Themen (z. B. schulische Integration) und erspart dem Leser nicht, darüber nachzudenken, was denn seine persönlichen Beweggründe sind, mit Menschen mit Behinderung pädagogisch zu arbeiten. Spannend ist auch die Untersuchung verschiedener sozialwissenschaftlicher Ansätze auf ihr implizites Menschenbild (und damit ihr Bild von behinderten Menschen), auch wenn es des vorletzten Kapitels, in dem Haeberlin detailliert den Ansatz seines Hochschullehrers Paul Moor vorstellt, nicht unbedingt bedurft hätte. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)