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Alles, was wir geben mussten
 
 
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Alles, was wir geben mussten [Gebundene Ausgabe]

Kazuo Ishiguro , Barbara Schaden
3.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (73 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Noch Jahre später kreisen Kathys Gedanken um Hailsham, dem in lieblicher Hügellandschaft gelegenen Schulheim, in dem sie und die anderen ihre Kindheit zugebracht hatten. Eine heile Welt, in der eine fröhliche Kinderschar zur „Kreativität“ angeleitet werden soll. Doch bald tauchen erste Schatten auf. Wozu die Aufseher? Warum ist von späteren „Spendern“ die Rede? Und was hat es mit jener eleganten „Madame“ auf sich, die aus dem Nichts auftaucht, um die besten künstlerischen Arbeiten der Zöglinge für ihre Galerie abzuholen. Galerie? Jeder weiß davon, keiner hat sie jemals zu Gesicht bekommen. Nur eine weitere Merkwürdigkeit in der abgeschotteten Welt von Hailsham. Wir werden noch viele davon kennenlernen!

Mit welch unspektakulären, aber erzählerisch raffinierten Mitteln der in Japan geborene und heute in England lebende Kazuo Ishiguro den Leser in seine Geschichte einwebt, gleicht einem kleinen Wunder. Sachter kann man nicht hineingeführt werden in eine Traumwelt, die sich zunehmend als bedrückende und faschistoide Zukunftsvision entpuppt. In den Rückblicken Kathys, die heute als „Betreuerin“ arbeitet, wird alles noch einmal lebendig: Ruth, Kathys beste Freundin. Der rebellische, von allen abgelehnte Tommy, der nur Kathy vertraut -- und doch mit Ruth eine Beziehung eingeht. Der Schulalltag und seine sanften, aber rigorosen Überwachungsmechanismen. Die Fragen hinter vorgehaltener Hand. Die Rebellion, die nie stattfindet.

Ein wundervolles Werk von großer Nachhaltigkeit. In manchem gleicht Ishiguro einem literarischen Update von Daphne du Maurier. Selbst sein traumverlorenes, weltfernes Hailsham erinnert vage an Manderley aus Rebecca (anscheinend kann sich keiner der Schüler später daran erinnern, wo Hailsham überhaupt lag). Ishiguros unaufgeregter, hochliterarischer Ton aber ist es, der den Schrecken erst richtig eindringlich macht. Ein Schrecken, der in einer technikversessenen Welt längst nicht mehr abwegig erscheint. Begleiten wir die Schüler auf ihrem Weg, herauszubekommen, wer sie sind, wo sie herkommen und -- was aus ihnen einst werden soll. Madame wusste es: „Ihr armen Geschöpfe!“ --Ravi Unger

Pressestimmen

"'Alles, was wir geben mussten' ist ein Roman, der seine grausame Wahrheit so sachte enthüllt, dass man den Blick in die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung nicht für ein Science-Fiction-Szenario hält. Und sich erschüttert fragt, hinter welchen sanften Hügeln sich schon heute die Hölle von Hailsham auftut." (Brigitte )

"'Alles, was wir geben mussten' ... ist ein beunruhigendes und klug konstruiertes Buch. Weil den drei Hauptfiguren Kathy, Ruth und Tommy eine so kurze Lebenszeit bestimmt ist, verdichten sich die existentiellen Fragen ... Mit großer Schlichtheit erzählt Ishiguro, der in diesem Jahr für den Booker Prize nominiert war, seine kühle, abgründige Geschichte, die weit mehr ist als ein futuristischer Thriller zum Thema Biogenetik." (Der Spiegel )

"Ishiguro hat eine Metapher für die Ohnmacht der Menschen gefunden. Seine Sprache ist von raffinierter Schlichtheit." (FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG )

Kurzbeschreibung

Ein Speisesaal, ein Sportplatz und getrennte Schlafsäle für Jungen und Mädchen – auf den ersten Blick scheint Hailsham ein ganz gewöhnliches Internat zu sein. Aber die Lehrer, so freundlich und engagiert sie auch sind, heißen hier »Wächter« und lassen die Kinder früh spüren, dass ihnen ein besonderes Schicksal auferlegt worden ist. Diese Gewissheit verbindet Kathy, Ruth und Tommy durch alle Stürme der Pubertät und Verwirrungen der Liebe – bis für zwei von ihnen das Ende naht.
Ein anrührendes und ungewöhnlich spannendes Meisterwerk über Menschen, deren Leben auf beklemmende Weise vorherbestimmt ist.

Kathy ist einunddreißig Jahre alt und arbeitet als Betreuerin. Wann immer sie durch England fährt und hinter Pappeln ein halb verborgenes Herrenhaus sieht, muss sie an Hailsham denken, das Internat, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Unwillkürlich steigen dann in ihr Erinnerungen an Tommy auf, der sich mit trotzigen Wutanfällen gegen die Ausgrenzung durch die Mitschüler wehrte, denen er nicht kreativ genug war. Seine geheimsten Ängste und Wünsche vertraute Tommy immer ihr, Kathy, an, aber eine Liebesbeziehung ging er zunächst mit ihrer besten Freundin ein, mit Ruth.
Sie alle waren damals in Hailsham gut behütet, aber auch vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Die Lehrer erzählten den Kindern, dass sie später »spenden« oder »betreuen« würden, aber was sich hinter diesen Begriffen verbarg, verriet ihnen niemand. Im Unterricht fertigten die Schüler Bilder und Gedichte an, und zweimal im Jahr kam eine Respekt erheischende Dame und sammelte die besten davon für eine Galerie ein, die aber keiner der Schüler je zu Gesicht bekam.
Tommy hatte den Verdacht, dass die Aufseher anhand dieser Artefakte entscheiden wollten, ob zwei Menschen wirklich zueinander passten. Denn nur wirkliche Liebespaare, so hieß es in Hailsham, konnten noch einen Aufschub erhalten, bevor sie »Spender« wurden.


Klappentext

"Ein Meisterwerk, das den Leser gefühlsmäßig auf unerhörte Art bereichert. Bitte ein Exemplar an das Nobelpreiskomitee in Stockholm verschicken."
Kirkus Reviews

"Ein brillanter Roman ... Auf eine Weise, die Kafka gefallen hätte, wird das Leben der Kinder von Hailsham zum Sinnbild für unser aller Leben."
The Observer

"'Alles, was wir geben mussten' ist ein Roman, der seine grausame Wahrheit so sachte enthüllt, dass man den Blick in die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung nicht für ein Science-Fiction-Szenario hält. Und sich erschüttert fragt, hinter welchen sanften Hügeln sich schon heute die Hölle von Hailsham auftut."
Brigitte

Über den Autor

Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er Englisch und Philosophie studierte. Schon sein Erstling »Damals in Nagasaki« wurde mit dem Winifred-Holtby-Award der Royal Society of Literature ausgezeichnet. Es folgten zahlreiche weitere Preise und Auszeichnungen: u.a. der Whitbread Award und der Cheltenham Prize. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller »Was vom Tage übrigblieb«, der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Für »Alles, was wir geben mussten« erhielt Ishiguro 2006 den Corine Preis. Der Autor lebt mit Frau und Kind in London.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen seit über elf Jahren als Betreuerin. Eine lange Zeit, scheint es, und dennoch soll ich jetzt noch acht Monate weitermachen, bis zum Ende des Jahres. Dann wären es fast genau zwölf Jahre. Dass ich schon so lange Betreuerin bin, liegt nicht unbedingt daran, dass sie meine Arbeit phantastisch finden. Es gibt ausgezeichnete Betreuer, die nach nur zwei oder drei Jahren aufhören mussten. Und mir fällt mindestens eine Betreuerin ein, die den Job sogar vierzehn Jahre erledigt hat, obwohl sie eine glatte Fehlbesetzung war. Also will ich mich lieber nicht zu sehr brüsten. Andererseits weiß ich genau, dass sie mit meiner Arbeit zufrieden waren, und im Großen und Ganzen war ich selbst es auch. Meine Spender haben sich fast immer viel besser gehalten als erwartet. Ihre Erholungszeiten waren beeindruckend, und kaum einer wurde als »aufgewühlt« eingestuft, auch nicht vor der vierten Spende. Okay, jetzt fange ich vielleicht doch an zu prahlen. Aber es bedeutet mir wirklich viel, dass ich den Anforderungen meiner Arbeit gewachsen bin, vor allem, dass meine Spender »ruhig« bleiben. Ich habe eine Art Instinkt im Umgang mit ihnen entwickelt, so dass ich genau weiß, wann es besser ist, an ihrer Seite zu sein und sie zu trösten, und wann man sie lieber sich selbst überlässt; wann ich ihnen geduldig zuhören und wann ich bloß mit den Schultern zucken und ihnen raten sollte, sich wieder zu beruhigen.
Jedenfalls bilde ich mir nicht besonders viel auf meine Leistung ein. Ich kenne Betreuer, die bestimmt genauso gut sind wie ich, aber nicht halb so viel Anerkennung erhalten. Falls Sie zu diesen gehören sollten, könnte ich es verstehen, wenn Sie mir manche Annehmlichkeit missgönnen sollten – mein Einzimmerapartment, mein Auto und vor allem die Tatsache, dass ich mir aussuchen darf, wen ich betreue. Schließlich bin ich eine ehemalige Hailsham-Kollegiatin – das allein reicht manchmal schon aus, um die Leute gegen sich aufzubringen. Kathy H., heißt es, darf sich die Leute aussuchen, und immer sucht sie sich ihresgleichen aus: Ehemalige aus Hailsham oder aus einer der anderen privilegierten Einrichtungen. Kein Wunder, dass sie ausgezeichnete Ergebnisse vorzuweisen hat. Ich habe es so oft mit eigenen Ohren gehört, da werden Sie es sicher noch öfter gehört haben, und vielleicht ist ja auch etwas Wahres daran. Aber ich bin nicht die Erste, die selbst darüber verfügen darf, wen sie betreut, und ich werde auch nicht die Letzte sein. Überdies habe ich sehr wohl Spender betreut, die an anderen Orten aufgewachsen sind. Wenn ich aufhöre, werde ich immerhin zwölf Jahre hinter mir haben, und wählen durfte ich erst in den letzten sechs.
Und warum auch nicht? Betreuer sind keine Maschinen. Natürlich versucht man bei jedem Spender sein Bestes zu geben, aber irgendwann zermürbt es einen. Man hat eben nicht unendlich viel Kraft und Geduld. Wenn man sich also seine Leute auswählen kann, zieht man selbstverständlich seinesgleichen vor. Das ist ganz natürlich. Ich hätte diese Arbeit nie und nimmer so lange durchgehalten, hätte ich nicht in jeder Phase des Prozesses mit meinen Spendern mitempfunden. Und wenn ich nicht eines Tages angefangen hätte, mir selbst die Leute auszusuchen, die ich betreue, wie wäre ich nach all den Jahren je wieder Ruth und Tommy nahe gekommen?
Doch inzwischen schrumpft die Anzahl möglicher Spender, die ich von früher noch persönlich kenne, so dass die Auswahl gar nicht so groß ist. Wie ich schon sagte, die Arbeit wird sehr viel schwieriger, wenn man nicht eine innige Beziehung mit dem Spender aufbauen kann, und obwohl es mir auch schwer fallen wird, keine Betreuerin mehr zu sein, ist es schon in Ordnung, dass ich Ende des Jahres endlich damit aufhöre.
Übrigens war Ruth erst der dritte oder vierte Fall, den ich mir aussuchen durfte. Ihr war damals schon eine Betreuerin zugewiesen worden, und für mich war es nicht ganz einfach, meinen Willen durchzusetzen. Aber am Ende gelang es mir, und in dem Augenblick, als ich Ruth wiedersah, in diesem Erholungszentrum in Dover, fielen unsere vielen Differenzen – auch wenn sie sich nicht gerade in Luft auflösten – weit weniger ins Gewicht als all das Verbindende: zum Beispiel, dass wir miteinander in Hailsham aufgewachsen waren, dass wir Erinnerungen teilten, die nur uns gehörten. Ich glaube, in jenen Tagen habe ich damit angefangen, mir als Spender bewusst Menschen auszusuchen, die ich von früher kannte, vorzugsweise ehemalige Hailsham-Kollegiaten.
Im Laufe der Jahre hat es immer wieder Phasen gegeben, in denen ich Hailsham zu vergessen versuchte und mir vornahm, nicht so oft zurückzublicken. Bis ich an den Punkt gelangte, wo ich aufhörte, dieser Versuchung zu widerstehen. Es hing mit jenem Spender zusammen, für den ich in meinem dritten Jahr als Betreuerin zuständig war; mit seiner Reaktion, als ich erwähnte, ich stamme aus Hailsham. Er hatte gerade seine dritte Spende hinter sich, sie war nicht gut verlaufen, und er muss gewusst haben, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er konnte kaum atmen, aber er sah mich an und sagte: »Hailsham. Ich wette, es war schön dort.« Am nächsten Morgen, als ich mit ihm plauderte, um ihn abzulenken, und fragte, wo er denn aufgewachsen sei, nannte er einen Ort in Dorset, und sein Gesicht unter den Flecken verzog sich zu einer Grimasse, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Und in dem Moment wurde mir klar, wie verzweifelt er sich bemühte, nicht daran zu denken. Stattdessen wollte er von Hailsham hören.
Also erzählte ich ihm während der nächsten fünf oder sechs Tage alles, was er wissen wollte, und er lag da, an Geräte und Schläuche angeschlossen, und ein sanftes Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Er fragte mich nach den großen und den kleinen Dingen. Nach unseren Aufsehern, nach den Schatzkisten unter jedem Bett, in denen wir unsere Sammlungen aufbewahrten, nach unseren Fußball- und Rounders-Matches, nach dem schmalen Pfad, der rund um das Haupthaus führte und dessen Winkeln und Spalten folgte, nach dem Ententeich, dem Essen, dem Blick aus dem Zeichensaal über die Felder an einem nebligen Morgen. Manches wollte er wieder und wieder hören; gelegentlich fragte er nach Dingen, die ich ihm erst am Vortag erzählt hatte, so als hätte ich sie noch nie erwähnt. »Hattet ihr einen Pavillon auf dem Sportplatz?« – »Wer war dein Lieblingsaufseher?« Zuerst hielt ich das für eine Folge der Medikamente, aber dann begriff ich, dass er eigentlich ganz klar im Kopf war. Er wollte nicht nur von Hailsham hören, sondern sich an Hailsham erinnern, als wäre es seine eigene Kindheit gewesen. Er wusste, dass er nahe daran war abzuschließen, und anscheinend war das seine Art, damit umzugehen: sich von mir Eindrücke so beschreiben zu lassen, dass sie ganz tief eindrangen – vielleicht damit ihm in den schlaflosen Nächten, unter dem Einfluss der Medikamente, der Schmerzen und der Erschöpfung, die Grenze zwischen meinen und seinen Erinnerungen verschwamm. Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, wirklich bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten – Tommy, Ruth, ich, wir alle.

Wenn ich jetzt übers Land fahre, erinnern mich immer noch viele Dinge an Hailsham. Ich fahre an einer nebelverhangenen Wiese entlang oder durchquere ein Tal, und in der Ferne, halb hinter Bäumen verborgen, taucht ein Herrenhaus auf oder auch eine Gruppe Pappeln in einer bestimmten Anordnung auf einem Hügel, und ich denke: Vielleicht ist es das! Ich hab’s gefunden! Das ist Hailsham! Dann erkenne ich, dass es ein Irrtum war, und fahre weiter, und meine Gedanken schweifen ab. Vor allem diese Pavillons, die ich überall im Land entdecke: Sie stehen am Rand eines Sportplatzes, kleine weiße Fertigteilgebäude mit einer Reihe Fenster unnatürlich hoch oben, fast schon unter dem Dachgesims. Ich glaube, in den Fünfzigern und Sechzigern wurden sehr viele solcher Containergebäude aufgestellt, wahrscheinlich stammte auch unser Pavillon aus dieser Zeit. Wenn ich an...

Auszug aus Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro, Barbara Schaden. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen seit über elf Jahren als Betreuerin. Eine lange Zeit, scheint es, und dennoch soll ich jetzt noch acht Monate weitermachen, bis zum Ende des Jahres. Dann wären es fast genau zwölf Jahre. Dass ich schon so lange Betreuerin bin, liegt nicht unbedingt daran, dass sie meine Arbeit phantastisch finden. Es gibt ausgezeichnete Betreuer, die nach nur zwei oder drei Jahren aufhören mussten. Und mir fällt mindestens eine Betreuerin ein, die den Job sogar vierzehn Jahre erledigt hat, obwohl sie eine glatte Fehlbesetzung war. Also will ich mich lieber nicht zu sehr brüsten. Andererseits weiß ich genau, dass sie mit meiner Arbeit zufrieden waren, und im Großen und Ganzen war ich selbst es auch. Meine Spender haben sich fast immer viel besser gehalten als erwartet. Ihre Erholungszeiten waren beeindruckend, und kaum einer wurde als »aufgewühlt« eingestuft, auch nicht vor der vierten Spende. Okay, jetzt fange ich vielleicht doch an zu prahlen. Aber es bedeutet mir wirklich viel, dass ich den Anforderungen meiner Arbeit gewachsen bin, vor allem, dass meine Spender »ruhig« bleiben. Ich habe eine Art Instinkt im Umgang mit ihnen entwickelt, so dass ich genau weiß, wann es besser ist, an ihrer Seite zu sein und sie zu trösten, und wann man sie lieber sich selbst überlässt; wann ich ihnen geduldig zuhören und wann ich bloß mit den Schultern zucken und ihnen raten sollte, sich wieder zu beruhigen.
Jedenfalls bilde ich mir nicht besonders viel auf meine Leistung ein. Ich kenne Betreuer, die bestimmt genauso gut sind wie ich, aber nicht halb so viel Anerkennung erhalten. Falls Sie zu diesen gehören sollten, könnte ich es verstehen, wenn Sie mir manche Annehmlichkeit missgönnen sollten – mein Einzimmerapartment, mein Auto und vor allem die Tatsache, dass ich mir aussuchen darf, wen ich betreue. Schließlich bin ich eine ehemalige Hailsham-Kollegiatin – das allein reicht manchmal schon aus, um die Leute gegen sich aufzubringen. Kathy H., heißt es, darf sich die Leute aussuchen, und immer sucht sie sich ihresgleichen aus: Ehemalige aus Hailsham oder aus einer der anderen privilegierten Einrichtungen. Kein Wunder, dass sie ausgezeichnete Ergebnisse vorzuweisen hat. Ich habe es so oft mit eigenen Ohren gehört, da werden Sie es sicher noch öfter gehört haben, und vielleicht ist ja auch etwas Wahres daran. Aber ich bin nicht die Erste, die selbst darüber verfügen darf, wen sie betreut, und ich werde auch nicht die Letzte sein. Überdies habe ich sehr wohl Spender betreut, die an anderen Orten aufgewachsen sind. Wenn ich aufhöre, werde ich immerhin zwölf Jahre hinter mir haben, und wählen durfte ich erst in den letzten sechs.
Und warum auch nicht? Betreuer sind keine Maschinen. Natürlich versucht man bei jedem Spender sein Bestes zu geben, aber irgendwann zermürbt es einen. Man hat eben nicht unendlich viel Kraft und Geduld. Wenn man sich also seine Leute auswählen kann, zieht man selbstverständlich seinesgleichen vor. Das ist ganz natürlich. Ich hätte diese Arbeit nie und nimmer so lange durchgehalten, hätte ich nicht in jeder Phase des Prozesses mit meinen Spendern mitempfunden. Und wenn ich nicht eines Tages angefangen hätte, mir selbst die Leute auszusuchen, die ich betreue, wie wäre ich nach all den Jahren je wieder Ruth und Tommy nahe gekommen?
Doch inzwischen schrumpft die Anzahl möglicher Spender, die ich von früher noch persönlich kenne, so dass die Auswahl gar nicht so groß ist. Wie ich schon sagte, die Arbeit wird sehr viel schwieriger, wenn man nicht eine innige Beziehung mit dem Spender aufbauen kann, und obwohl es mir auch schwer fallen wird, keine Betreuerin mehr zu sein, ist es schon in Ordnung, dass ich Ende des Jahres endlich damit aufhöre.
Übrigens war Ruth erst der dritte oder vierte Fall, den ich mir aussuchen durfte. Ihr war damals schon eine Betreuerin zugewiesen worden, und für mich war es nicht ganz einfach, meinen Willen durchzusetzen. Aber am Ende gelang es mir, und in dem Augenblick, als ich Ruth wiedersah, in diesem Erholungszentrum in Dover, fielen unsere vielen Differenzen – auch wenn sie sich nicht gerade in Luft auflösten – weit weniger ins Gewicht als all das Verbindende: zum Beispiel, dass wir miteinander in Hailsham aufgewachsen waren, dass wir Erinnerungen teilten, die nur uns gehörten. Ich glaube, in jenen Tagen habe ich damit angefangen, mir als Spender bewusst Menschen auszusuchen, die ich von früher kannte, vorzugsweise ehemalige Hailsham-Kollegiaten.
Im Laufe der Jahre hat es immer wieder Phasen gegeben, in denen ich Hailsham zu vergessen versuchte und mir vornahm, nicht so oft zurückzublicken. Bis ich an den Punkt gelangte, wo ich aufhörte, dieser Versuchung zu widerstehen. Es hing mit jenem Spender zusammen, für den ich in meinem dritten Jahr als Betreuerin zuständig war; mit seiner Reaktion, als ich erwähnte, ich stamme aus Hailsham. Er hatte gerade seine dritte Spende hinter sich, sie war nicht gut verlaufen, und er muss gewusst haben, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er konnte kaum atmen, aber er sah mich an und sagte: »Hailsham. Ich wette, es war schön dort.« Am nächsten Morgen, als ich mit ihm plauderte, um ihn abzulenken, und fragte, wo er denn aufgewachsen sei, nannte er einen Ort in Dorset, und sein Gesicht unter den Flecken verzog sich zu einer Grimasse, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Und in dem Moment wurde mir klar, wie verzweifelt er sich bemühte, nicht daran zu denken. Stattdessen wollte er von Hailsham hören.
Also erzählte ich ihm während der nächsten fünf oder sechs Tage alles, was er wissen wollte, und er lag da, an Geräte und Schläuche angeschlossen, und ein sanftes Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Er fragte mich nach den großen und den kleinen Dingen. Nach unseren Aufsehern, nach den Schatzkisten unter jedem Bett, in denen wir unsere Sammlungen aufbewahrten, nach unseren Fußball- und Rounders-Matches, nach dem schmalen Pfad, der rund um das Haupthaus führte und dessen Winkeln und Spalten folgte, nach dem Ententeich, dem Essen, dem Blick aus dem Zeichensaal über die Felder an einem nebligen Morgen. Manches wollte er wieder und wieder hören; gelegentlich fragte er nach Dingen, die ich ihm erst am Vortag erzählt hatte, so als hätte ich sie noch nie erwähnt. »Hattet ihr einen Pavillon auf dem Sportplatz?« – »Wer war dein Lieblingsaufseher?« Zuerst hielt ich das für eine Folge der Medikamente, aber dann begriff ich, dass er eigentlich ganz klar im Kopf war. Er wollte nicht nur von Hailsham hören, sondern sich an Hailsham erinnern, als wäre es seine eigene Kindheit gewesen. Er wusste, dass er nahe daran war abzuschließen, und anscheinend war das seine Art, damit umzugehen: sich von mir Eindrücke so beschreiben zu lassen, dass sie ganz tief eindrangen – vielleicht damit ihm in den schlaflosen Nächten, unter dem Einfluss der Medikamente, der Schmerzen und der Erschöpfung, die Grenze zwischen meinen und seinen Erinnerungen verschwamm. Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, wirklich bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten – Tommy, Ruth, ich, wir alle.

Wenn ich jetzt übers Land fahre, erinnern mich immer noch viele Dinge an Hailsham. Ich fahre an einer nebelverhangenen Wiese entlang oder durchquere ein Tal, und in der Ferne, halb hinter Bäumen verborgen, taucht ein Herrenhaus auf oder auch eine Gruppe Pappeln in einer bestimmten Anordnung auf einem Hügel, und ich denke: Vielleicht ist es das! Ich hab’s gefunden! Das ist Hailsham! Dann erkenne ich, dass es ein Irrtum war, und fahre weiter, und meine Gedanken schweifen ab. Vor allem diese Pavillons, die ich überall im Land entdecke: Sie stehen am Rand eines Sportplatzes, kleine weiße Fertigteilgebäude mit einer Reihe Fenster unnatürlich hoch oben, fast schon unter dem Dachgesims. Ich glaube, in den Fünfzigern und Sechzigern wurden sehr viele solcher Containergebäude aufgestellt, wahrscheinlich stammte auch unser Pavillon aus dieser Zeit. Wenn ich an einem vorbeikomme, schaue ich so lange wie möglich zu ihm hinüber; auf diese Weise werde ich noch das Auto zu Schrott fahren, aber ich kann nicht anders. Unlängst fuhr ich durch eine menschenleere Gegend in Worcestershire und entdeckte einen Pavillon am Rand eines Kricketfelds, der unserem Pavillon in Hailsham so ähnlich war, dass ich wendete und umkehrte, um ihn mir aus der Nähe anzusehen.
Wir liebten unseren Sportplatz-Pavillon, vielleicht weil er uns an die hübschen kleinen Cottages aus den Bilderbüchern unserer Kindheit erinnerte. In den Junior-Klassen bestürmten wir immer wieder die Aufseher, die nächste Stunde nicht im normalen Klassenzimmer, sondern im Pavillon abzuhalten. Als wir dann in Senior 2 waren – und zwölf, fast dreizehn Jahre alt –, wurde er unsere Zufluchtstätte, in der man mit den besten Freundinnen verschwand, wenn man sich von den anderen absondern wollte.
Der Pavillon war groß genug, dass sich zwei separate Gruppen darin aufhalten konnten, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen, und im Sommer war draußen auf der Veranda noch Platz für eine dritte Gruppe. Natürlich wollte ihn jede Gruppe am liebsten für sich allein haben, und deshalb gab es immer Gerangel und Streit. Die Aufseher ermahnten uns unablässig zu anständigem Verhalten, aber das änderte nichts daran, dass man einiger starker Persönlichkeiten in seiner Gruppe bedurfte, um überhaupt eine Chance zu haben, den Pavillon in einer Pause oder Freistunde zu bekommen. Ich war selbst nicht gerade zimperlich, aber dass wir ihn so oft bekamen, hatten wir, glaube ich, vor allem Ruth zu verdanken. Normalerweise verteilten wir uns einfach auf den Bänken und Stühlen – wir waren zu fünft, zu sechst, wenn Jenny B. mitkam –und schwatzten drauflos. Solche Gespräche waren nur hier im Schutz dieses Gebäudes möglich; manchmal redeten wir über Dinge, die uns Sorgen bereiteten, oder wir fingen an, vor Lachen zu kreischen, dann wieder endete es mit einem handfesten Krach. Vor allem war es eine Gelegenheit, einfach eine Zeit lang abzuschalten, gemeinsam mit den engsten Freundinnen.
An dem Nachmittag, den ich jetzt vor Augen habe, drängten wir uns stehend auf Hockern und Bänken vor den hohen Fenstern. Von hier aus hatten wir eine gute Sicht auf den nördlichen Sportplatz, wo sich etwa ein Dutzend Jungen aus unserem Jahrgang und Senior 3 zum Fußball getroffen hatten. Es herrschte strahlender Sonnenschein, doch kurz zuvor muss es geregnet haben, denn ich weiß noch, wie es blitzte und funkelte im nassen Gras.
Jemand meinte, wir sollten nicht so auffällig schauen, aber niemand wich von den Fenstern zurück. Dann sagte Ruth: »Er ahnt überhaupt nichts. Schaut ihn euch nur an. Er ahnt wirklich rein gar nichts.«
Ich sah Ruth scharf an und fragte mich, ob sie missbilligte, was die Jungs mit Tommy vorhatten. Doch schon im nächsten Moment lachte Ruth auf und rief: »Dieser Volltrottel!«
Da begriff ich auf einmal, dass für Ruth und die anderen das, was die Jungs planten, nichts mit uns zu tun hatte; ob wir damit einverstanden waren oder nicht, spielte keine Rolle. An den Fenstern standen wir nicht, weil wir uns an dem Anblick weiden wollten, wie Tommy wieder einmal gedemütigt wurde, sondern weil wir eben von dem neuesten Plan gehört hatten und halbwegs gespannt auf seine Umsetzung waren. Darüber hinaus, glaube ich, interessierte es uns nicht, was die Jungs damals untereinander trieben. Ruth und den anderen war es im Grunde ziemlich gleichgültig, und mir wahrscheinlich ebenso.
Vielleicht trügt mich aber auch die Erinnerung. Vielleicht empfand ich schon damals einen kleinen Stich des Mitgefühls, als ich Tommy über diesen Platz rennen sah, mit unverhohlenem Entzücken, weil die Gruppe ihn wieder aufgenommen hatte; zumal ich ihm ja ansah, wie sehr er sich auf das Spiel freute, in dem er so gut war. Ich weiß es nicht mehr. Was ich allerdings noch genau weiß, ist, dass Tommy an diesem Tag das hellblaue Polohemd trug, das er auf dem Basar im Monat zuvor erstanden hatte – und auf das er schrecklich stolz war. Wirklich blöd, dieses Hemd zum Fußball anzuziehen, dachte ich. Er wird es sich ruinieren, und dann ist das Geschrei wieder groß. Laut sagte ich, an niemand Besonderen gerichtet: »Tommy hat sein Lieblingshemd an. Sein Polohemd.«
Ich glaube nicht, dass mich jemand hörte, denn in dem Moment lachten alle über Laura, den Clown in unserer Gruppe, die Tommys wechselhaftes Mienenspiel imitierte, während er rannte, winkte, rief und dem Gegner den Ball abjagte. Die anderen Jungen schleppten sich so träge über das Feld, wie es beim Aufwärmen üblich ist, aber Tommy in seiner Aufregung war anscheinend schon in voller Fahrt. Dieses Mal sagte ich etwas lauter als zuvor: »Es wird ihn wahnsinnig machen, wenn er sich dieses Hemd ruiniert.« Ruth hörte mich, dachte aber wohl anscheinend, ich hätte es im Scherz gemeint, denn sie lachte halbherzig und hängte noch irgendeine spitze Bemerkung an.
Inzwischen hatten die Jungs aufgehört, den Ball hin und her zu kicken, und standen in einer Gruppe zusammen im Matsch. Ich sah, wie sich ihre Schultern sanft hoben und senkten, während sie auf die Zusammenstellung der Mannschaften warteten. Die beiden Kapitäne, die jetzt auftauchten, gehörten zur Senior 3, aber jeder wusste, dass Tommy besser spielte als alle aus diesem Jahrgang. Sie warfen eine Münze, wer mit der Wahl anfangen durfte, und der Gewinner musterte die Gruppe.
»Schaut ihn euch an«, sagte jemand hinter mir. »Er ist sich absolut sicher, dass er als Erster ausgesucht wird. Schaut ihn euch bloß an!«
Tatsächlich hatte Tommy in diesem Moment etwas Komisches an sich, das einen unwillkürlich denken ließ: Also gut, wenn er wirklich so dämlich ist, hat er’s nicht anders verdient. Die anderen Jungs taten so, als wäre ihnen diese Wahl völlig gleichgültig, als lasse sie es völlig kalt, wann sie aufgerufen wurden. Manche unterhielten sich halblaut miteinander, andere banden sich die Schuhe neu, wieder andere starrten einfach auf ihre Füße, die im Matsch auf der Stelle traten. Nur Tommy blickte die Senior-3-Jungen so gespannt an, als würde er jeden Augenblick aufgerufen.
Während der ganzen Zeit, in der die beiden Teams zusammengestellt wurden, ahmte Laura unverdrossen Tommys wechselnde Gesichtsausdrücke nach: die leuchtende, eifrige Miene zu Beginn; die Verwirrung und die Besorgnis, als jeweils vier Spieler ausgewählt waren, er jedoch noch nicht; die Kränkung und Panik, als ihm zu dämmern begann, was hier vor sich ging. Ich drehte mich aber nicht ständig nach Laura um, denn ich beobachtete Tommy; was sie tat, merkte ich am Gelächter und an den anfeuernden Bemerkungen der anderen. Dann, als Tommy als Letzter dastand und die anderen schon zu kichern anfingen, hörte ich Ruth sagen:
»Gleich ist es so weit. Wartet. Sieben Sekunden. Sieben, sechs, fünf …«
Weiter kam sie nicht. Tommy brach in ein markerschütterndes Gebrüll aus, und die anderen Jungen lachten jetzt lauthals auf und stürmten zum südlichen Sportplatz davon. Tommy rannte ihnen ein paar Schritte hinterher – es war schwer zu sagen, ob er ihnen im ersten Impuls zornig nachsetzen wollte oder ob er Panik bekam, weil er allein zurückgelassen worden war. Jedenfalls blieb er bald wieder stehen. Er stand da, dunkelrot im Gesicht, und starrte den Jungen nach. Dann begann er zu schreien und zu kreischen, ein wüstes Durcheinander aus Schimpfwörtern und Flüchen.
Da wir Tommys Wutanfälle schon zur Genüge kannten, stiegen wir von den Hockern und verteilten uns im Pavillon. Eigentlich hätten wir uns jetzt gern über etwas anderes unterhalten, aber im Hintergrund ging das Wüten unvermindert weiter, und obwohl wir zuerst die Augen verdrehten und Tommy zu ignorieren versuchten, standen wir schließlich – sicher volle zehn Minuten später – wieder am Fenster.

Von den anderen Jungen war weit und breit nichts mehr zu sehen, und Tommy hatte es aufgegeben, seine Schmähungen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Er tobte nur, gestikulierte wild, reckte beschwörend die Arme zum Himmel, in den Wind, gegen den nächsten Zaunpfosten. Laura sagte, vielleicht »probt er seinen Shakespeare«, und eine andere machte uns darauf aufmerksam, dass er bei jedem Aufschrei einen Fuß vom Boden hob und seitwärts stieß, »wie ein pinkelnder Hund«. Ich hatte diese Fußbewegung ebenfalls bemerkt, aber vor allem fiel mir auf, dass bei jedem Aufstampfen der Dreck aufspritzte und um seine Schienbeine flog. Wieder dachte ich an sein kostbares Hemd, aber er war zu weit weg, als dass ich hätte erkennen können, wie schmutzig es schon war.
»Es ist wahrscheinlich ein bisschen grausam«, sagte Ruth, »wie sie ihn immer wieder in den Wahnsinn treiben. Aber er ist selber schuld. Wenn er nicht lernt, sich zu beherrschen, werden sie ihn nie in Frieden lassen.«
»Ich glaube nicht, dass es ihm helfen würde«, sagte Hannah. »Graham K. ist genauso jähzornig, aber mit ihm gehen sie umso vorsichtiger um. Auf Tommy haben sie’s deswegen abgesehen, weil er ein faules Stück ist.«
Nun redeten alle durcheinander – dass Tommy nie auch nur den Versuch unternahm, kreativ zu sein, nicht einmal etwas für den Frühjahrstauschmarkt gegeben hatte. In Wahrheit, glaube ich, wünschten wir uns inzwischen wohl alle insgeheim, dass ein Aufseher aus dem Haupthaus hervorkäme und ihn mitnähme. Zwar hatten wir mit dieser jüngsten Verschwörung gegen Tommy nichts zu tun, aber immerhin hatten wir von der ersten Reihe aus zugesehen und begannen uns schuldig zu fühlen. Doch es war nirgends ein Aufseher in Sicht, so dass wir uns einfach weiterhin Gründe aufzählten, weshalb Tommy das verdient habe, was er jetzt erhielt. Als Ruth schließlich mit einem Blick auf die Uhr sagte, es sei zwar noch Zeit, aber wir sollten doch lieber jetzt schon zum Haupthaus zurückgehen, erhob niemand einen Einwand.
Tommy tobte immer noch, als wir aus dem Pavillon traten. Das Haupthaus befand sich links von uns, und da Tommy in gerader Linie vor uns auf der Wiese stand, brauchten wir nicht weiter in seine Nähe zu kommen. Ohnehin drehte er uns den Rücken zu und nahm uns offensichtlich gar nicht wahr.

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