Der Vergleich wird manchen auf den ersten Blick überraschen, aber beim zweiten Hinsehen wird vielleicht klar, warum man diesen Film als die pessimistische Variante der
Truman-Show bezeichnen könnte. Wie dort sind auch hier die Hauptfiguren, zwei Mädchen und ein Junge, die gemeinsam in einem englischen Internat auf dem Lande aufwachsen, Gefangene einer gigantischen Illusion. Dort ist es das Idyll eines bürgerlichen Lebens, hier das einer Schule in malerischer Umgebung. Am Ende scheint ein Ausweg möglich, aber wenn die Hilfe ausgerechnet von Unheilsbotin Charlotte Rampling kommen soll, verheißt das wenig Gutes...
Für mich war dieses fesselnde Liebes- und Existenzdrama mit einem so noch nicht gesehenen Thema die bisher größte Überraschung dieses Kinojahres; und das liegt einerseits an dem vollkommen sprachlos machenden Finale, aber auch an der famosen Besetzung, denn sowohl Carey Mulligan, Keira Knightley und
Boy A Andrew Garfield als auch die adäquat besetzten Jungdarsteller, die deren Rollen im Kindesalter spielen, treffen jeden Ton in Dialog und Mimik und lassen den Zuschauer in jeder Szene mitgehen.
Die Handlung, die von utopischen Alptraum-Visionen des Kinos wie
2022 ... die überleben wollen oder
Flucht ins 23. Jahrhundert vage inspiriert sein mag, ist in der Selbstverständlichkeit und Lakonik, mit der die Utopie in eine uns vermeintlich bekannte Gegenwart verfrachtet wird, ein echter Schocker. Weniger ist manchmal mehr: Wenn sich hier die Zukunftswelt mit ihren Gesetzen fast ausschließlich in Dialogen und nicht in technischen Spielereien oder computergenerierten Hintergründen manifestiert, wirkt das intensiver als jeder Spezialeffekt. Diese Wirkung ist natürlich ein Verdienst vor allem der
Buchvorlage von Kazuo Ishiguro, der wir auch den (nicht schlechten) deutschen Filmtitel (Original: "Never Let Me Go") verdanken, aber die Regie von Mark Romanek (
One Hour Photo) setzt dessen Vorlage wirklich kongenial um. Man kann leider nichts vom Inhalt verraten, ohne dieses faszinierend-verstörende Filmerlebnis zu sabotieren, denn die erste von zwei entscheidenden tragischen Weichenstellungen ist die wichtigere und offenbart sich bereits im ersten Drittel des Films. Wer es wie ich schafft, diesen Film zu sehen, ohne davon etwas zu ahnen, wird sicher noch mehr gepackt und geschüttelt.
Abschließend sollte nicht verschwiegen werden, dass dieser Film sich nicht für Zuschauer eignet, die zu Depressionen und Defätismus neigen, denn die Geschichte, die hier erzählt wird, ist zutiefst demoralisierend und die unaufgeregte, poetisch-schlichte, effektarme, fast beiläufige Erzählweise, gepaart mit der beklemmend resignativen Grundhaltung der Figuren, macht alles nur noch schlimmer.
Für Freunde von
2022 ... die überleben wollen und
Children of Men.