Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Im Menschenpark, 15. Juli 2007
Es scheint da draußen eine Welt zu geben, in der ein Mensch das Recht hat, über sein eigenes Leben zu bestimmen; in der er selbst entscheiden kann, wo er wohnen, welchen Beruf er ausüben und ob er Kinder haben will oder nicht.
Kathi, Tommy, Ruth, Laura und all die anderen aus Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mussten", wissen, dass es das gibt, aber obwohl diese Welt quasi nebenan liegt, ist es ihnen völlig unmöglich, sie zu erreichen. Dabei leben sie im England der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Aber schon die Vorstellung, in einem Großraumbüro zu arbeiten, ist für sie so abenteuerlich, dass sie extra einen Ausflug unternehen, um sich ein solches Büro von außen durch die Glasscheibe anzusehen.
Aber nun kommen wir, die Leser dieses Romans, ja aus eben dieser anderen Welt, die den Figuren verschlossen ist. Dass da Menschen aus einer Parallelwelt zu uns reden, wird erst nach und nach deutlich. Ishiguro verschleiert das sehr kunstvoll, indem er zunächst nur ab und an durchblitzen lässt, dass Kathi und ihre Mitschüler in Hailsham "anders" sind. Ihr Weg ist vorgezeichnet. Nach der Schule leben sie ein paar Jahre in einer Art Landkommune, dann werden sie "Betreuer" und schließlich "Spender". Zu diesem Zweck sind sie nämlich überhaupt auf der Welt. Sie sollen nach und nach ihre Organe spenden; nicht erst nach ihrem Tod, sondern schon zu Lebzeiten. Sie sind menschliche Ersatzteillager; das ist überhaupt erst der Grund ihres Daseins. Und deshalb sind sie auch nicht auf natürlichem Wege gezeugt, sondern sie sind Klone.
Ein abwegiger Gedanke? Wohl nicht in Zeiten von Gentechnik und der Diskussion um verbrauchende Embryonenforschung. Wenn man Embryonen zu Zwecken der Forschung verbrauchen kann, warum dann nicht irgendwann auch Klone? Warum dann nicht tatsächlich irgendwann Menschen züchten, die als "Material" "verbraucht" werden? Jeder, der es sich leisten kann, hat dann seinen eigenen Klon.
Ja, ganz richtig. Mir dreht sich bei diesem Gedanken auch der Magen um. Und man kann sicher darüber diskutieren, ob ein Autor das darf: seine Stimme leise werden lassen, wenn er über ein solches Thema spricht, anstatt laut zu protestieren. Sollten die Figuren des Romans nicht eine Großdemonstration organisieren? Sollten sie nicht schreien, gegen ihr Schicksal protestieren, vielleicht sogar Bomben legen? Darf man sie so in ihrer Welt einsperren, dass sie nicht einmal auf die Idee kommen, das, was man ihnen angetan hat, sei das Widerwärtigste, was man sich nur vorstellen kann?
Ich glaube, Kazuo Ishiguro hätte gar nicht mehr Aufmerksamkeit auf die Themen "Menschenzüchtung" und "Organhandel" lenken können als durch seine Art des Erzählens. Dass er manche abstößt, damit wird er leben können. Aber das ändert nichts daran, dass dies ein großartiges Buch ist.
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39 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Über das Menschsein, 3. Oktober 2005
Von Ein Kunde
Kazuo Ishiguro erzählt im Stile eines Entwicklungsromans die Geschichte dreier Jugendlicher. Mit äußerster Einfühlsamkeit in das Seelenleben seiner Protagonisten lässt der Autor die Ich-Erzählerin Kathy in sachlicher emotionsloser Sprache über ihre Kindheit ohne Eltern in einem englischen Internat berichten, über ihre Freundschaft zu Ruth und Tommy. Eine scheinbar ganz normale Kindheit und Jugend mit allen Konflikten, die Halbwüchsige auszutragen haben. Doch die drei und alle anderen Gleichaltrigen sind Klone, lebende Organspender, die ein grausames Schicksal erwartet, ein Grauen, das mehr zwischen den Zeilen gelesen werden muss und im Kopf des Lesers entsteht. Das Buch ist jedoch kein Technologieroman, die technischen Fragen des Klonens bleiben vollkommen unberührt. Es ist auch kein moralischer Kommentar zur Gentechnologie. Vielmehr behandelt der Autor Grundsätzlicheres: Wer sind wir in einer hochtechnologisierten Welt? Was dem „Fortschritt" zu geben sind wir bereit? Wissen wir überhaupt, was wir geben können und müssen? Wissen wir, was am „Ende" bleibt? Wie wollen wir leben? Was ist wichtig? Was heisst es, eine „Seele" zu haben? Wann muss man sich wehren gegen die Zumutungen einer solchen „Kultur"? (Die Klone können es nicht. Warum? Vielleicht, weil sie Produkte dieser technischen Zivilisation sind? Sind wir alle das in einem gewissen Sinn auch?) Es ist ein nachdenkliches und überaus berührendes Buch über das Menschsein. Dennoch: Auch wenn die technischen Fragen außen vor bleiben, funktioniert der Roman nur unter dem stillen Vorauswissen, dass der Mensch bisher alles getan hat, wozu er technisch in der Lage war. Und er wird das auch weiter tun, allen Gesetzen und Ethik-Kommissionen zum Trotz. „Es" wird passieren. Und es wird möglicherweise so passieren, wie Ishiguro es konstruiert. In jeder Erfindung, jedem technischen Fortschritt liegen Gutes und Schlechtes untrennbar nebeneinander, durchdringen sich förmlich. Man hat, auch nach diesem Buch, nicht das Gefühl, dass der Mensch tatsächlich Herr seiner eigenen Kräfte ist. Vielleicht wird man nach der Lektüre ein wenig bewusster leben, sich öfter, ähnlich wie Kathy, Ruth und Tommy, an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Der Text jedenfalls, die Menschen, die der Leser kennenlernt, bleiben im Gedächtnis haften.
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eines vorweg..., 7. Februar 2008
Nein, dieser Roman soll keinen Spaß machen. Das ist nicht der Sinn der Übung. Er ist Unterhaltung, ja, aber auf einem sehr hohen Niveau.
Für mich ist dieses Buch (dass ich aber zugegeben im englischen Original gelesen habe) eines der besten, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Durch das sprachliche Zurücknehmen, das hier häufig als "verharmlosend" betrachtet wird, wird überhaupt nichts verharmlost. Die Geschichte an sich, die grauenhaften Ereignisse selbst, die Tragik des Geschehens ist allein schon so entsetzlich, dass sprachliche Übertreibung hier fehl am Platz wäre. Das würde den Roman in einen Erguss à la Boulevardpresse verwandeln.
Außerdem muss man Ishiguro zugestehen, dass er hier ein so starkes Plädoyer gegen die Klonforschung vorbringt, wie ich es noch nie gelesen habe. Die Charaktere MÜSSEN platt sein, denn sie sind AUSTAUSCHBAR. Wenn Ishiguro hier volle, fertige, plastische Charaktere anbringen würde, würde er zwar die Dramatik noch steigern - aber es geht eben darum, dass Menschen in dieser Dystopie austauschbar und NICHT einzigartig sind.
Deswegen betrachte ich Ishiguros Roman als Meisterwerk, mit dichter Atmosphäre, sprachlicher Genialität und beklemmender Geschichte.
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