Pressestimmen
"Kempowski zielt nicht auf Mitleid. (...) Und er klagt nicht an, weil die Dinge selbst anklagen." (Die Zeit )
Kurzbeschreibung
Niemand ist berufener als Walter Kempowski, das Drama der Flucht aus Ostpreußen in einem großen Roman darzustellen. In »Alles umsonst« erzählt er die Geschichte einer Familie im letzten Kriegswinter und schildert auf bemerkenswert unideologische Weise die lange totgeschwiegenen Leiden der deutschen Zivilbevölkerung.
Der sechste Kriegswinter ist kalt auf Gut Georgenhof weit in Ostpreußen. Die Front wird nach Westen zurückgedrängt, die Rote Armee schiebt einen gewaltigen Treck Fliehender vor sich her. Doch Katharina von Globig, die schöne Herrin auf dem Georgenhof, lässt die Realität nicht an sich heran. Sie zieht sich in ihr Refugium aus Büchern, Musik und Nichtstun zurück. Das Alltagsgeschäft überlässt sie dem »Tantchen«, einer energischen Verwandten, und den Ostarbeitern Wladimir, Vera und Sonja. Um den zwölfjährigen Sohn Peter kümmert sich Studienrat Dr. Wagner, der die Stunden mit dem ernsthaften Jungen genauso schätzt wie die dicken Wurstbrote und die verträumte Mutter. Dass etwas in der Luft liegt, ist für alle Hausbewohner spürbar. Panzerkolonnen fahren vorüber, ab und zu fällt der Strom aus, Fremde bitten auf dem Weg nach Westen um Einlass, um sich kurz zu wärmen, und erzählen Erschreckendes. Doch die Bewohner des Georgenhofs verschließen noch immer die Augen vor der heraufziehenden Katastrophe.
Aber dann bittet der Pastor Katharina, einen Verfolgten für eine Nacht bei sich zu verstecken. Katharina willigt ein. Kurze Zeit später wird der Mann aufgegriffen. Katharina wird verhaftet. Nun ist die trügerische Idylle dahin. Das »Tantchen« übernimmt das Kommando. Mit Sack und Pack macht sich die restliche Familie auf den Weg. Doch die große Flucht Richtung Westen wird zu einem Albtraum, der alles verschlingt. Nur Peter überlebt und wird Zeuge des großen Sterbens.
Klappentext
Frankfurter Allgemeine Zeitung
"Kempowski zielt nicht auf Mitleid. (...) Und er klagt nicht an, weil die Dinge selbst anklagen."
Die Zeit
Über den Autor
Walter Kempowski verstarb am 5. Oktober 2007 im Kreise seiner Familie. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seit 30 Jahren erscheint sein umfangreiches Werk im Knaus Verlag.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
die Sünde zu vergeben;
es ist doch unser Tun umsonst
auch in dem besten Leben.
Martin Luther (1524)
Der Georgenhof
Unweit von Mitkau, einer kleinen Stadt in Ostpreußen, lag das Gut Georgenhof mit seinen alten Eichen jetzt im Winter wie eine schwarze Hallig in einem weißen Meer. Das Gut war nur klein, die Ländereien waren bis auf einen Rest verkauft worden, und das Gutshaus war alles andere als ein Schloß. Ein zweistöckiges Haus mit halbrundem Giebel in der Mitte, den ein ramponierter blecherner Morgenstern krönte. Hinter einer alten Mauer aus Feldsteinen lag das Haus, das früher einmal gelb gestrichen war. Nun war es gänzlich von Efeu bewachsen, im Sommer hausten darin Stare. Jetzt, im Winter 1945, klapperte es mit seinen Dachziegeln: Ein eisiger Wind fegte kleinkörnigen Schnee von weither über die Äcker gegen den Gutshof. «Gelegentlich müssen Sie den Efeu abmachen, der frißt Ihnen den ganzen Putz kaputt», war schon gesagt worden. An der brüchigen Feldsteinmauer lehnten ausrangierte rostige Ackergeräte, und in den großen schwarzen Eichen baumelten Sensen und Rechen. Das Hoftor war vor längerer Zeit von einem Erntewagen angefahren worden, es hing seither schief in den Angeln.
Der Wirtschaftshof mit seinen Stallungen, Scheunen und dem Kütnerhaus lag etwas seitab. Die Fremden, die auf der Chaussee vorbeifuhren, sahen nur das Gutshaus. Wer mag dort wohnen? dachten sie, und ein bißchen Sehnsucht kam auf: Warum hielt man nicht einfach mal an und sagte guten Tag? Und: warum wohnte man selbst nicht in einem solchen Haus, das sicher voller Geschichten steckte? Das Schicksal ist doch ungerecht, dachten die Leute. «Durchgang verboten» stand an der großen Scheune: ein Durchgang zum Park hin war nicht gestattet. Hinter dem Haus sollte Ruhe herrschen, der kleine Park dort, der Wald dahinter: Irgendwo muß man auch einmal zu sich kommen.
«4,5 km» stand auf dem weiß gekalkten Kilometerstein an der Chaussee, die am Haus vorbei nach Mitkau führte und in der entgegengesetzten Richtung nach Elbing.
Dem Gut gegenüber, jenseits der Chaussee, war in den dreißiger Jahren eine Siedlung gebaut worden, mit Häusern eines wie das andere, sauber ausgerichtet, jedes mit Stall, Zaun und einem kleinen Garten. Die Menschen, die hier wohnten, hießen Schmidt, Meyer, Schröder oder Hirscheidt, das waren sogenannte kleine Leute.
Die Leute, denen der Georgenhof gehörte, hießen von Globig. Katharina und Eberhard von Globig, wilhelminischer Beamtenadel von 1905. Das Gut war von dem alten Herrn von Globig vor dem Ersten Weltkrieg mit gutem Geld gekauft und in Zeiten der Prosperität um Wiesen und Wald vermehrt worden. Der junge Herr von Globig hatte dann alle Ländereien, Wiesen, Äcker und Weiden bis auf einen kleinen Rest verkauft und das Geld in englischen Stahlaktien angelegt, außerdem hatte von Globig eine rumänische Reismehlfabrik damit finanziert, was den Eheleuten nicht gerade ein üppiges Leben ermöglichte, aber immerhin. Ein Wanderer-Wagen wurde angeschafft, ein Auto, das sonst niemand im Regierungsbezirk hatte, und damit fuhren sie vor allem in den Süden.
Eberhard von Globig war jetzt im Krieg «Sonderführer» der Deutschen Wehrmacht, die Uniform stand ihm gut, im Sommer gar der weiße Rock? Wenn auch die schmaleren Schulterstücke ihn kenntlich machten als Wirtschaftsoffizier, der mit Waffen nichts zu schaffen hatte. Seine Frau wurde als verträumte Schönheit gerühmt, schwarzhaarig mit blauen Augen. Nicht zuletzt ihretwegen stellten sich im Sommer auf Georgenhof gelegentlich Freunde und Nachbarn ein, die sich zu ihr in den Garten setzten und sie unverwandt anschauten; Lothar Sarkander, der Bürgermeister von Mitkau – steifes Bein und Schmisse an der Wange –, Onkel Josef mit den Seinen aus Albertsdorf oder Studienrat Dr. Wagner, ein Hagestolz mit Spitzbart und goldener Brille. Wegen seines Spitzbartes sah er so aus, als ob man ihn kennt. Selbst Fremde grüßten ihn auf der Straße. An der Klosterschule von Mitkau unterrichtete er Knaben der oberen Jahrgänge in Deutsch und Geschichte, Latein im Nebenfach.
In den Sommerferien kam gelegentlich die Kusine Ernestine aus Berlin, mit den Kindern Elisabeth und Anita, die immer so gern ritten und sich bei den schweren Sommergewittern ins Haus verkrochen und dort die saure Milch aufaßen, die auf dem Fensterbrett in der Küche stand, mit Fliegen obendrauf. Die Heuwagen, wenn die so angeschwankt kamen … Und Blaubeeren suchen im Wald. Jetzt im Krieg kamen sie vorwiegend zum Hamstern. Mit leeren Taschen kamen sie, und mit vollen fuhren sie davon.
Die beiden Globigs hatten einen Sohn, dem sie den Namen Peter gegeben hatten: schmaler Kopf, gekräuseltes blondes Haar. Er war zwölf Jahre alt: still wie die Mutter und ernst wie der Vater.
Krauses Haar – krauser Sinn, sagten die Leute, wenn sie ihn sahen, aber daß es blond war, das Haar, machte alles wett. Seine kleine Schwester Elfie war vor Jahren an Scharlach gestorben, das Zimmer stand noch immer leer, das ließ man unangetastet, mit der Puppenstube, die nun schon Staub angesetzt hatte, und dem Kaspertheater. Alle ihre Sachen hingen noch in dem mit aufgemalten Blumen verzierten Kleiderschrank.
Jago, der Hund, und Zippus, der Kater. Pferde, Kühe, Schweine und eine große Hühnerschar mit Richard, dem Hahn. Sogar ein Pfau war vorhanden, der hielt sich immer etwas abseits.
Katharina, die schwarze Schönheit, ganz in Schwarz, strich dem Jungen übers Haar, und Peter hatte es gern, wenn ihm die stille Mutter übers Haar strich, aber seit kurzem wehrte er sich denn doch dagegen mit einem energischen Kopfruck. Lange blieb Katharina nie bei dem Jungen stehen, sie ließ ihm seine Ruhe, sie selbst wollte ja auch ihre Ruhe haben.
Zur Familie gehörte noch das «Tantchen», ein ältliches Fräulein, sehnig, mit Warze am Kinn. Sommers lief sie in einem labberigen Waschkleid durch das Haus, stets auf Trab! Jetzt trug sie wegen der Kälte eine Männerhose unterm Rock und zwei Strickjacken. Seit Eberhard als Sonderführer «im Felde stand», wie es ausgedrückt wurde, obwohl er doch nur in der Etappe zu tun hatte, sorgte sie für Ordnung auf Georgenhof. Ohne sie wäre es nicht gegangen. «Es ist alles nicht so einfach …», sagte sie, und damit meisterte sie den Tag. «Die Küchentür muß zugehalten werden!» rief sie durchs Haus, das habe sie auch schon tausendmal gesagt. «Das zieht doch durch alle Zimmer!» Dagegen könne man nicht «anheizen».
Über die Kälte klagte sie, warum war sie bloß in Ostpreußen gelandet? Weshalb um Himmels willen war sie nicht nach Würzburg gegangen, damals, als sie noch die Wahl hatte? Im Ärmel steckte ein Taschentuch, das sie immer und immer an die rote Nase führte. Es war alles nicht so einfach.
Mit Kriegsausbruch versiegte der Fluß des Geldes: englische Stahlaktien? Reismehlfabrik in Rumänien? Da war es gut, daß Eberhard den Posten in der Wehrmacht bekommen hatte. Ohne das Gehalt, das er bezog, wäre es nicht gegangen. Die paar Morgen Land, die noch übrig waren, drei Kühe, drei Schweine und Geflügel schafften ein gutes Zubrot, aber man mußte dafür sorgen! Von nichts kam nichts! Wladimir, ein nachdenklicher Pole, und zwei muntere Ukrainerinnen hielten den Betrieb in Gang. Die korpulente Vera und Sonja, ein blondes Mädchen mit Kranz um den Kopf. Um die Eichen kreisten Krähen, und in den Vogelhäuschen, die jetzt im Winter ziemlich regelmäßig beschickt wurden, holten sich «Piepmätze» ihr Teil. «Piepmätze», das war ein Ausdruck, den Elfie gebraucht hatte, nun schon zwei Jahre tot.
Die Eheleute hatten sich, als das Geld noch reichlicher floß, im ersten Stock eine gemütliche Wohnung eingerichtet, drei Zimmer, Bad und kleine Küche. Ein Wohnzimmer mit Blick auf den Park, warm und gemütlich, hier konnte Katharina Briefe schreiben oder Bücher lesen. Und wenn Eberhard kam, war man ungestört. Da konnte man «die Tür hinter sich zumachen», wie das genannt wurde. Da...
Auszug aus Alles umsonst von Walter Kempowski. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Unweit von Mitkau, einer kleinen Stadt in Ostpreußen, lag das Gut Georgenhof mit seinen alten Eichen jetzt im Winter wie eine schwarze Hallig in einem weißen Meer. Das Gut war nur klein, die Ländereien waren bis auf einen Rest verkauft worden, und das Gutshaus war alles andere als ein Schloß. Ein zweistöckiges Haus mit halbrundem Giebel in der Mitte, den ein ramponierter blecherner Morgenstern krönte. Hinter einer alten Mauer aus Feldsteinen lag das Haus, das früher einmal gelb gestrichen war. Nun war es gänzlich von Efeu bewachsen, im Sommer hausten darin Stare. Jetzt, im Winter 1945, klapperte es mit seinen Dachziegeln: Ein eisiger Wind fegte kleinkörnigen Schnee von weither über die Äcker gegen den Gutshof. «Gelegentlich müssen Sie den Efeu abmachen, der frißt Ihnen den ganzen Putz kaputt», war schon gesagt worden. An der brüchigen Feldsteinmauer lehnten ausrangierte rostige Ackergeräte, und in den großen schwarzen Eichen baumelten Sensen und Rechen. Das Hoftor war vor längerer Zeit von einem Erntewagen angefahren worden, es hing seither schief in den Angeln.
Der Wirtschaftshof mit seinen Stallungen, Scheunen und dem Kütnerhaus lag etwas seitab. Die Fremden, die auf der Chaussee vorbeifuhren, sahen nur das Gutshaus. Wer mag dort wohnen? dachten sie, und ein bißchen Sehnsucht kam auf: Warum hielt man nicht einfach mal an und sagte guten Tag? Und: warum wohnte man selbst nicht in einem solchen Haus, das sicher voller Geschichten steckte? Das Schicksal ist doch ungerecht, dachten die Leute. «Durchgang verboten» stand an der großen Scheune: ein Durchgang zum Park hin war nicht gestattet. Hinter dem Haus sollte Ruhe herrschen, der kleine Park dort, der Wald dahinter: Irgendwo muß man auch einmal zu sich kommen.
«4,5 km» stand auf dem weiß gekalkten Kilometerstein an der Chaussee, die am Haus vorbei nach Mitkau führte und in der entgegengesetzten Richtung nach Elbing.
Dem Gut gegenüber, jenseits der Chaussee, war in den dreißiger Jahren eine Siedlung gebaut worden, mit Häusern eines wie das andere, sauber ausgerichtet, jedes mit Stall, Zaun und einem kleinen Garten. Die Menschen, die hier wohnten, hießen Schmidt, Meyer, Schröder oder Hirscheidt, das waren sogenannte kleine Leute.
Die Leute, denen der Georgenhof gehörte, hießen von Globig. Katharina und Eberhard von Globig, wilhelminischer Beamtenadel von 1905. Das Gut war von dem alten Herrn von Globig vor dem Ersten Weltkrieg mit gutem Geld gekauft und in Zeiten der Prosperität um Wiesen und Wald vermehrt worden. Der junge Herr von Globig hatte dann alle Ländereien, Wiesen, Äcker und Weiden bis auf einen kleinen Rest verkauft und das Geld in englischen Stahlaktien angelegt, außerdem hatte von Globig eine rumänische Reismehlfabrik damit finanziert, was den Eheleuten nicht gerade ein üppiges Leben ermöglichte, aber immerhin. Ein Wanderer-Wagen wurde angeschafft, ein Auto, das sonst niemand im Regierungsbezirk hatte, und damit fuhren sie vor allem in den Süden.
Eberhard von Globig war jetzt im Krieg «Sonderführer» der Deutschen Wehrmacht, die Uniform stand ihm gut, im Sommer gar der weiße Rock? Wenn auch die schmaleren Schulterstücke ihn kenntlich machten als Wirtschaftsoffizier, der mit Waffen nichts zu schaffen hatte. Seine Frau wurde als verträumte Schönheit gerühmt, schwarzhaarig mit blauen Augen. Nicht zuletzt ihretwegen stellten sich im Sommer auf Georgenhof gelegentlich Freunde und Nachbarn ein, die sich zu ihr in den Garten setzten und sie unverwandt anschauten; Lothar Sarkander, der Bürgermeister von Mitkau - steifes Bein und Schmisse an der Wange -, Onkel Josef mit den Seinen aus Albertsdorf oder Studienrat Dr. Wagner, ein Hagestolz mit Spitzbart und goldener Brille. Wegen seines Spitzbartes sah er so aus, als ob man ihn kennt. Selbst Fremde grüßten ihn auf der Straße. An der Klosterschule von Mitkau unterrichtete er Knaben der oberen Jahrgänge in Deutsch und Geschichte, Latein im Nebenfach.
In den Sommerferien kam gelegentlich die Kusine Ernestine aus Berlin, mit den Kindern Elisabeth und Anita, die immer so gern ritten und sich bei den schweren Sommergewittern ins Haus verkrochen und dort die saure Milch aufaßen, die auf dem Fensterbrett in der Küche stand, mit Fliegen obendrauf. Die Heuwagen, wenn die so angeschwankt kamen ... Und Blaubeeren suchen im Wald. Jetzt im Krieg kamen sie vorwiegend zum Hamstern. Mit leeren Taschen kamen sie, und mit vollen fuhren sie davon.
Die beiden Globigs hatten einen Sohn, dem sie den Namen Peter gegeben hatten: schmaler Kopf, gekräuseltes blondes Haar. Er war zwölf Jahre alt: still wie die Mutter und ernst wie der Vater.
Krauses Haar - krauser Sinn, sagten die Leute, wenn sie ihn sahen, aber daß es blond war, das Haar, machte alles wett. Seine kleine Schwester Elfie war vor Jahren an Scharlach gestorben, das Zimmer stand noch immer leer, das ließ man unangetastet, mit der Puppenstube, die nun schon Staub angesetzt hatte, und dem Kaspertheater. Alle ihre Sachen hingen noch in dem mit aufgemalten Blumen verzierten Kleiderschrank.
Jago, der Hund, und Zippus, der Kater. Pferde, Kühe, Schweine und eine große Hühnerschar mit Richard, dem Hahn. Sogar ein Pfau war vorhanden, der hielt sich immer etwas abseits.
Katharina, die schwarze Schönheit, ganz in Schwarz, strich dem Jungen übers Haar, und Peter hatte es gern, wenn ihm die stille Mutter übers Haar strich, aber seit kurzem wehrte er sich denn doch dagegen mit einem energischen Kopfruck. Lange blieb Katharina nie bei dem Jungen stehen, sie ließ ihm seine Ruhe, sie selbst wollte ja auch ihre Ruhe haben.
Zur Familie gehörte noch das «Tantchen», ein ältliches Fräulein, sehnig, mit Warze am Kinn. Sommers lief sie in einem labberigen Waschkleid durch das Haus, stets auf Trab! Jetzt trug sie wegen der Kälte eine Männerhose unterm Rock und zwei Strickjacken. Seit Eberhard als Sonderführer «im Felde stand», wie es ausgedrückt wurde, obwohl er doch nur in der Etappe zu tun hatte, sorgte sie für Ordnung auf Georgenhof. Ohne sie wäre es nicht gegangen. «Es ist alles nicht so einfach ...», sagte sie, und damit meisterte sie den Tag. «Die Küchentür muß zugehalten werden!» rief sie durchs Haus, das habe sie auch schon tausendmal gesagt. «Das zieht doch durch alle Zimmer!» Dagegen könne man nicht «anheizen».
Über die Kälte klagte sie, warum war sie bloß in Ostpreußen gelandet? Weshalb um Himmels willen war sie nicht nach Würzburg gegangen, damals, als sie noch die Wahl hatte? Im Ärmel steckte ein Taschentuch, das sie immer und immer an die rote Nase führte. Es war alles nicht so einfach.
Mit Kriegsausbruch versiegte der Fluß des Geldes: englische Stahlaktien? Reismehlfabrik in Rumänien? Da war es gut, daß Eberhard den Posten in der Wehrmacht bekommen hatte. Ohne das Gehalt, das er bezog, wäre es nicht gegangen. Die paar Morgen Land, die noch übrig waren, drei Kühe, drei Schweine und Geflügel schafften ein gutes Zubrot, aber man mußte dafür sorgen! Von nichts kam nichts! Wladimir, ein nachdenklicher Pole, und zwei muntere Ukrainerinnen hielten den Betrieb in Gang. Die korpulente Vera und Sonja, ein blondes Mädchen mit Kranz um den Kopf. Um die Eichen kreisten Krähen, und in den Vogelhäuschen, die jetzt im Winter ziemlich regelmäßig beschickt wurden, holten sich «Piepmätze» ihr Teil. «Piepmätze», das war ein Ausdruck, den Elfie gebraucht hatte, nun schon zwei Jahre tot.
Die Eheleute hatten sich, als das Geld noch reichlicher floß, im ersten Stock eine gemütliche Wohnung eingerichtet, drei Zimmer, Bad und kleine Küche. Ein Wohnzimmer mit Blick auf den Park, warm und gemütlich, hier konnte Katharina Briefe schreiben oder Bücher lesen. Und wenn Eberhard kam, war man ungestört. Da konnte man «die Tür hinter sich zumachen», wie das genannt wurde. Da brauchte man nicht immerfort mit dem Tantchen zusammenzusitzen, unten in der Halle, die sich in alles einmischte und alles besser wußte. Die dauernd aufstand, um noch was zu holen, und sitzenblieb, wenn es störte.
Jetzt im Januar 1945 stand in der Halle noch der Weihnachtsbaum. Peter hatte ein Mikroskop geschenkt bekommen, von seiner Patentante in Berlin. Er saß in der schummrigen Halle, an einem Tisch unweit des rieselnden Tannenbaums. Durch den Tubus sah er sich alles mögliche ganz genau an, Salzkristalle und Fliegenbeine, ein Stück Faden und die Spitze einer Stecknadel. Neben sich hatte er ein Notizbuch gelegt, und darin notierte er seine Beobachtungen: «Donnerstag, den 8.Januar 1945: Stecknadel. Vorne schartig.» Seine Füße hatte er in eine Decke gehüllt, da es zog. In der Halle zog es immer, weil der Kamin mit seinen brennenden Scheiten Luft ansog und weil «stets und ständig» die Küchentür offenstand, wie das Tantchen es ausdrückte. Es waren die Ukrainerinnen, die das Schließen der Türen nie lernten. Eberhard hatte die beiden im Osten besorgt. Ob sie nach Deutschland wollten, groß und mächtig, hatte er sie in ihrem Dorf gefragt. Berlin, mit Kinos und U-Bahn? Und dann waren sie in Georgenhof gelandet.
Peter stellte den Tubus des Instruments rauf und runter, und zwischendurch schob er sich auch mal eine Pfeffernuß in den Mund. «Na», sagte das Tantchen, wenn sie durch die Halle eilte, «forschst du tüchtig?» Eigentlich hätte ja der Schnee vom Eingang weggefegt werden sollen ... Aber ehe man jemanden um so etwas bittet, tut man es lieber selbst. Außerdem: der Junge war ja beschäftigt, wer weiß, vielleicht würde die Leidenschaft, die er für dieses Gerät hatte, später Früchte tragen? Die Universität in Königsberg war nicht weit? Wenn der Junge untätig herumgelungert hätte, wäre das etwas anderes gewesen.
«Laß ihn in Ruhe», hatte Katharina gesagt, als das Tantchen ihn einen Stubenhocker genannt hatte.
Als Peter sich nicht mehr mit dem Mikroskop beschäftigen wollte, stellte er sich ans Fenster und guckte sich die Vögel an, die ratlos herumschwirrten, weil die Vogelhäuschen mal wieder nicht beschickt worden waren, und dann sah er mit dem Fernglas seines Vaters in die Weite, was er eigentlich nicht sollte. Dieses Glas sei kein Spielzeug, wurde gesagt. Immer und immer werde mit fettigen Fingern auf die Linsen gefaßt, vom Verstellen des Glases ganz zu schweigen. «Da hat wieder einer mein Glas angefaßt», sagte von Globig, wenn er mal - selten genug - nach Georgenhof kam.
Peter sah nach Mitkau hinüber, wo neben dem Kirchturm der Schornstein der Ziegelei auszumachen war. Die Schule war wegen der Kälte geschlossen. «Kälteferien», dieser Ausdruck war neu. Die Jugend durfte zu Hause bleiben, aber die Hitlerjugend sorgte dafür, daß sie nicht unbeschäftigt blieb. Auch Peter hatte man an einem klaren Frosttag herausholen wollen aus der Stube, zum Schneeschippen an der großen Mitkauer Kreuzung. Aber da war es eben wieder einmal die Erkältung gewesen, unter der Peter litt, die machte es ihm unmöglich, an dieser Aktion teilzunehmen. «Er hat wieder seinen Katarrh», war gesagt worden. Husten und Schnupfen hinderten ihn allerdings nicht daran, mit dem Schlitten den kleinen Abhang hinter dem Haus hinunterzufahren, immer wieder. Vor dem Haus schien die Sonne, da wäre es schöner gewesen, aber das hatte man ihm verboten, weil gelegentlich ein Auto vorüberflitzte.
Dann beschäftigte er sich wieder mit dem Mikroskop. Der Hund Jago hielt sich an ihn und legte die Schnauze auf seinen rechten Fuß, und der Kater barg sich in dessen Fell. Das sei ein Bild für die Götter, wurde gesagt: wie die Katze da auf dem Rücken des großen Hundes liegt?
«Was haben Sie für einen netten Sohn», sagten die Besucher aus Mitkau, die sich gern in Georgenhof sehen ließen, obwohl das ein Fußmarsch von anderthalb Stunden war, «so ein hübscher Junge!» Mit leeren Taschen kamen auch sie, und mit vollen gingen sie wieder davon. Der «Hagestolz», Studienrat Dr. Wagner, guckte öfter mal ein. Der kümmerte sich um den Jungen, jetzt, wo der Schulbetrieb eingestellt worden war. Wenn Jugend durch den Kreuzgang der Mitkauer Klosterschule an ihm vorübertobte, hielt er den «Blondschopf» gerne an und sagte: «Na, mein Junge? Hat dein Vater mal wieder geschrieben?» Und jetzt, in den Kälteferien, «kümmerte» er sich um ihn.
Im schönen, warmen Sommer war er mit seinen Quartanern schon mal durch die gelben Getreidemeere gewandert, an das stille, von Weiden umstandene Flüßchen Helge, das in großen Links- und Rechtsschwüngen durch das Land floß. Dort hatten sie sich die Hosen und Hemden vom Leibe gerissen und waren hineingestürzt in das dunkle Wasser. Manches Mal hatte es sich ergeben, daß die kreischende Jugend durch den Wald lief und in Georgenhof landete, wo sie Himbeerwasser vorgesetzt bekam und auf den Rasen im Park gelagert ihre Stullen essen konnte: muntere Sommervögel! Der Studienrat zog dann seine silberne Querflöte aus der Tasche und blies Volkslieder, vom Haus aus hörte Katharina ihm zu.
Jetzt, im kalten Winter des sechsten Kriegsjahres, kam Studienrat Dr. Wagner öfter mal vorbei, zu Fuß, trotz Eis und Schnee, und auch er pflegte mit einer leeren Tasche zu kommen und mit einer gefüllten wieder davonzuwandern. Äpfel nahm er mit, oder Kartoffeln. Auch mal eine Steckrübe. Die er übrigens bezahlte, denn das Tantchen pflegte zu sagen: «Die wächst auch nicht für Gotteslohn.» Für eine Steckrübe berechnete sie zehn Pfennig. Mit Katharina saß er gern ein wenig zusammen, wenn sie sich denn sehen ließ. Gern hätte er ihre Hand gefaßt, aber es gab keinen rechten Anlaß dazu. Das Tantchen pflegte Schubladen aufzuziehen, wenn er kam, und mit Aplomb wieder zuzustoßen. Daß es immer was zu tun gibt, sollte das bedeuten, in einem so großen Haushalt, auch wenn es so aussieht, als ob man müßig in den Tag hineinlebt.
Wagner kümmerte sich ein wenig um den Jungen, wie er es ausdrückte. Ging also mit ihm auf seine Stube und brachte ihm Dinge bei, von denen in der Schule nie die Rede gewesen war.
Fernglas und Mikroskop? Im Physiksaal der Klosterschule stand ein kleines Teleskop, man könnte es nach Georgenhof schaffen und dort mit dem Jungen die Sterne begucken? Niemand würde den Verlust bemerken, und man trüge es ja auch wieder zurück, wenn alles vorüber ist?
Ganz uneigennützig kümmerte sich Dr. Wagner um den Jungen. Er verlangte jedenfalls keine fünfzig Pfennig für die Unterrichtsstunde. Er begnügte sich mit ein paar Kartoffeln oder einem halben Kopf Kohl.
Der Ökonom
An einem dunklen Abend klingelte es an der Haustür, ein älterer Mann war es, der die Glocke gezogen hatte, er trug eine lustige Mütze und stützte sich auf zwei Krücken. Wladimir hatte ihn in der Dunkelheit schon mit der Taschenlampe auf dem Hof herumstreichen sehen, und die beiden Ukrainerinnen hatten innegehalten und aus dem Küchenfenster gespäht, wer das da ist, der sich dem Hause nähert? Jago hatte sich erhoben und ein-, zweimal angeschlagen, und nun stand der Fremde in der Tür, die Schneppglocke machte noch einmal pling!, und Katharina öffnete ihm. Schon stakste der Mann mit seinen Krücken an ihr vorüber in die Halle hinein und auf und ab, die Beine vor- und zurückschwingend, von Jago Schritt für Schritt begleitet. Er trug eine grüne Bauernjoppe mit schrägen Seitentaschen und schwarze Ohrenschützer. Die Ohrenklappen der Mütze wurden oben auf dem Kopf mit einem Schleifchen zusammengehalten. Um den Leib hatte er einen Lederriemen, und an diesem Riemen hing eine schwere, akkordeonartige Aktentasche.
Er möchte sich nur eben ein wenig aufwärmen, sagte er zu Katharina und zu dem Tantchen, das gerade die Abendsuppe hereintrug, ob er das dürfe? - Kein Bus, kein Zugverkehr, Strecke unterbrochen und ein eisiger Wind? Aus Elbing kam er, und von Harkunen war er zu Fuß bis hierher gestakst: Was für Verhältnisse! Wer hätte das gedacht! Fünfzehn Kilometer!? Bei diesem Wetter? und zu dieser Stunde?
Nach Mitkau wollte er, und er hatte damit gerechnet, daß ein Gasthaus an der Straße läge, das «Waldschlößchen», das auf seiner Karte verzeichnet war, ein Ausflugsort für Familienfeiern? Er war auch tatsächlich daran vorbeigekommen, aber alles verriegelt und verrammelt. Fremdes Volk trieb sich dort herum. Allerlei unartikulierte Sprachfetzen, Tschechisch, Rumänisch ...? Hände in den Taschen, ihm nachgesehen ...
Der Mann hieß Schünemann, und er war schon lange unterwegs, per Bahn, und das letzte Stück von Harkunen aus mit einem Bauernwagen, und den allerletzten Rest zu Fuß! Und das bei diesem Schnee! Er wolle sich nur ein wenig aufwärmen und verschnaufen, dann verdufte er sofort. Irgendwo werde er schon noch unterkommen, sagte er und blickte sich um ... Was hatte ihn geritten, sich um diese Jahreszeit im Lande herumzutreiben? Ausgerechnet nach Mitkau?
Katharina sah sich den Mann an. Besuch zu dieser Tageszeit? Und auch der Mann betrachtete sie nicht ohne Interesse. Donnerwetter! Was sich so alles auf dem Lande versteckt ... Diese Frau gehörte doch von Rechts wegen sonstwohin? Berlin! München! Wien! Er stakste zu ihr hin, mit den Beinen vor- und zurückschwingend, und sagte, er heiße Schünemann und sei Ökonom von Beruf, Nationalökonom, und - keine Angst! - er wolle nur ein wenig verschnaufen ... «Ah, Wärme ...», sagte er und hakte die Mappe vom Schulterriemen ab und schwang sie neben den Kaminsessel. Dann öffnete er die Jacke und stellte sich, von den Krücken befreit, ans Feuer und ließ Wärme an seinen Körper strömen. Wärme!
Der Hund stellte sich neben ihn, was der Mann da in das Feuer zu gucken hat, er wedelte kurz mit dem Schwanz: Es mochte seine Richtigkeit mit ihm haben.
Nun kam auch der Kater herbei: Was hier schon wieder los ist.
Der Mann setzte sich an den Kamin und zündete sein Pfeifchen an und verfluchte den Tag, an dem er sich entschlossen hatte, «Nationalökonomie» zu studieren, sein Vater hätte ihn immer fort gedrängt.
«Wär' ich doch bloß Tischler geworden ...» sagte er, sich der Tante zuwendend. - «Aber ausgerechnet Nationalökonom!» rief er, als müsse er die Leutchen zu Zeugen seiner Lebensdummheit anrufen.
Peter fragte ihn, was das ist, ein «Ökonom».
«Tja», antwortete der Herr, «das ist gar nicht so einfach zu erklären. Wär' ich man Tischler geworden ...» - Ob er mal durch gucken dürfe durch das Mikroskop. Der Spiegel sei ja völlig falsch eingestellt ...
Ihm sei die Ruhe im Osten nicht geheuer - schon seit Wochen diese eigentümliche Ruhe? sagte er und stellte den Kopf schief, als müsse er lauschen, ob nicht was zu hören ist, und weil ihm diese Ruhe nicht geheuer sei, wolle er keineswegs nach Insterburg weiterziehen, wie er es ursprünglich vorgehabt habe, sondern er werde ein paar Tage in Mitkau bleiben. Und dann schnellstens nach Elbing zurück und über Danzig nach Hamburg, er habe dort einen Vetter wohnen. Bei dem werde er unterkriechen.
«Haben Sie letzte Nacht den Feuerschein gesehen, gnädige Frau?» fragte er Katharina, die eine Petroleumlampe auf den Tisch stellte, weil mal wieder Stromsperre war, und sich setzte - es war ja Abendbrotzeit. Feuerschein? Sie wußte davon nichts ... Es war alles so kompliziert und verwickelt ... Wer je das Wort an Katharina richtete, mußte es erleben, daß sie vom Himmel fiel. Sie hatte niemals von irgendwas gehört, geschweige denn eine Ahnung. «Sie hat keinen Schimmer», wurde gesagt, «aber schön ist sie ... sehr schön.» In jeder Gesellschaft war sie die Hauptperson, obwohl sie kaum je etwas sagte. Aber sonst? Verkroch sich nach oben in ihr «Boudoir», und was sie dort trieb, wußte der liebe Himmel. Lesen tat sie viel, oder besser «schmökern», denn von Goethe und Lessing konnte keine Rede sein bei ihrer Lektüre. Sie hatte als junges Ding mal bei einer Buchhändlerin ausgeholfen, und seit damals war es ihre Gewohnheit, Bücher «anzulesen», nach allzu Sperrigem griff sie nicht.
Jetzt mußte jedenfalls erst einmal gegessen werden. Minus 16 Grad zeigte das Thermometer, und das Barometer gab an, daß es wohl noch kälter werden würde. Vielleicht zögerte man ein wenig zu lange, den Herrn an den Tisch zu bitten, die Suppenterrine stand ja schon da, aber dann tat man es eben doch: Man lud ihn auf ein paar Löffel ein, und er klopfte das Pfeifchen aus und trat flink näher, setzte sich, rieb sich die Hände und sagte wieder und wieder, daß er nur eben ein wenig verschnaufen wolle. Gegenüber von Katharina nahm er Platz und betrachtete sie. Eine südländische Schönheit in dieser Einöde? Wo Fuchs und Has' sich gute Nacht sagten? - Anselm von Feuerbach, dessen Bilder kannte man ja. Katharina sah aus, als wolle sie sagen, sie könne es ja auch nicht ändern. Einen Schlüssel hielt sie in der Hand, mit dem spielte sie herum, das war der Schlüssel zu ihrem Boudoir, das sie immer verschlossen hielt. Er war schon ganz blank vom nervösen Hantieren. Da oben hatte niemand etwas zu suchen.
Er habe sich etwas leichtsinnig auf den Weg gemacht, die Ausfallstraßen würden ab morgen kontrolliert, habe es geheißen, er sei grade noch so durchgewitscht. Und er habe gedacht, ein Wagen picke ihn vielleicht auf unterwegs, aber die Straße sei wie ausgestorben gewesen - und kein Gasthaus weit und breit! Am Waldschlößchen schon gedacht: Hier laßt uns Hütten bauen ... Und da habe er im letzten Augenblick das Gutshaus gesehen, wie es da geduckt hinter der Mauer liegt, unter den schwarzen Eichen, und er habe gedacht, hier könne er verschnaufen und sich aufwärmen. Und dann weiter die paar Kilometer noch bis Mitkau. Die werde er auch schon noch schaffen.
Das Waldschlößchen? Du lieber Himmel! Früher war das Waldschlößchen ein Ausflugslokal gewesen, mit Kaffeegarten, für Familien und für Schulklassen ideal, der große Wald, und dahinter der von Weiden gesäumte Fluß? Jetzt waren die großen Aussichtsfenster mit Brettern zugenagelt, jetzt diente das Waldschlößchen als Heim für Fremdarbeiter: Rumänen, Tschechen, Italiener - Menschen, die von Einheimischen als «Gesochs» bezeichnet wurden. Die Rumänen wuschen sich die Füße nicht, und die Italiener waren gar zum Verräter am deutschen Volk geworden, im Ersten Weltkrieg schon und nun noch einmal. Das waren also Menschen, denen man nicht über den Weg trauen konnte. Die beiden Ukrainerinnen liefen ab und zu hinüber und blieben länger dort, als angängig war.