So im 'Vorbeigehen' entschloß ich mich kürzlich, diese DVD zu kaufen, deren witzige, dabei nicht sehr aussagekräftige Covergestaltung wenigstens Aufschluß über einige Mitwirkende gibt. Nach dem Einlegen des Films in den Player, klärte mich der Vorspann darüber auf: Ich hatte mir einen Michael Winner-Film besorgt! Und was für einen, ALLES NUR THEATER ist gespickt mit eigenwilligen Charakteren, die in ihrem ca. 93minütigen Zusammen- sowie auch Gegeneinanderwirken den skurrilen Charakter der britischen Küsten-Kommunität formen, in der soeben Guy Jones (Jeremy Irons) eintrifft ... allen voran Anthony Hopkins in seiner Rolle als Dafydd ApLlewellyn.
Guy Jones, von Natur aus schüchtern, wird von seiner Firma nach dem Tod seiner Frau in diese Kleinstadt versetzt, wo sich die Damenwelt schnell für ihn erwärmt, doch auch die Männer gewinnen ein Interesse am Kontakt zu Guy, denn er scheint Einfluß/Beziehungen zu haben, wovon sie profitieren wollen. Die Bewohner der Stadt haben auch eine Amateur-Theatergruppe und Guy läßt sich dazu überreden, im Ensemble mitzuwirken - das Stück "Beggar's Opera" soll aufgeführt werden, die Intendanz übernimmt Dafydd - Anthony Hopkins glänzt einmal mehr in einer Rolle, die ihm auf den Leib geschrieben scheint. Die Proben ziehen sich in die Länge (in der Frühphase muß der Zuschauer den Eindruck gewinnen, daß dieses Stück niemals aufgeführt wird), doch im weiteren Verlauf avanciert Guy, der zunächst in einer nahezu unbedeutenden Rolle begann, zum Star dieser Truppe, deren Aufführung schließlich auch bejubelt wird. Den 'plötzlichen Ruhm' hat Guy allerdings keinesfalls alleinig seinem Talent zu verdanken, sondern den Sympathien, sowie den eigennützigen Interessen der Ortsansässigen, die ihn quasi 'pushen'. Und die Strömungen, die zu dieser 'Blitzkarriere' geführt haben, sind es, die den Film sehenswert machen ... zu sehen gibt es nicht allein Dafydd's eigenwilliges Familienleben, sondern ebenfalls einige senile Herren, sowie einen jugendlichen Punk und farblose Damen mit verborgenen Leidenschaften, außerdem gespannte Kneipenatmosphäre, 'Weiberkeile', außereheliche Seitensprünge, Eifersüchteleien, Intrigen, ein Ehepaar mit Swinger-Ambitionen, Ehe-interne, intime Bekenntnisse, die per Mithöranlage auch anderen Ohren nicht verborgen bleiben, eine geheime Liebesaffäre, buchstäblich plötzlich im Scheinwerferlicht, der Wunsch, allen gerecht zu werden und am Ende dennoch allein da zu stehen ... wirklich ALLES NUR THEATER oder erinnert einen vieles davon nicht durchaus an das 'wirkliche' Leben?! Genau das ist Michael Winner mit der Inszenierung dieser bewußt überspitzten Tragikomödie so gut gelungen: Die Grenzen zwischen beidem verschwimmen zu lassen, für die Beteiligten und, aus einem natürlich noch distanzierterem Blickwinkel heraus, ebenfalls für den Zuschauer.
Die gesamte DVD-Präsentation (und nicht allein das Cover) ist ein wenig unprofessionell. Zwar gibt es, neben der deutschen, auch die englische Originaltonspur, darüber hinaus (außer 10 Trailern) aber keine Extras - was allein auch noch nicht das Schlimmste ist. Ein wenig (!) bedenklich ist die Bildqualität. Noch während des Vorspanns bekam ich den Eindruck, mich würde jetzt ein Film aus den frühen 70ern erwarten und so überprüfte ich simultan schnell im Netz das Erscheinungsdatum (auf dem Cover konnte ich auch diesbezüglich keine Information finden): 1988. Für diesen Jahrgang sollte man eigentlich mehr erwarten können, die Farben sind überwiegend ein wenig blaß, das Bild weit entfernt von HD, aber keine Panik: Es gibt keine gelegentlichen oder gar permanenten Beeinträchtigungen - ich meine nur, es müßte sich mehr rausholen lassen.
1988 hatte Regisseur Michael Winner die Charles Bronson-"Death Wish"-Phase bereits hinter sich, Jeremy Irons drehte im selben Jahr mit David Cronenberg "Dead Ringers" und Anthony Hopkins war noch drei Jahre entfernt von der Verkörperung des Hannibal Lecter in "Das Schweigen der Lämmer" - derjenigen Rolle also, die wohl am stärksten mit seiner Person assoziiert wird. Obwohl sich alle drei im Laufe ihrer Karrieren bis heute als wandlungsfähig und flexibel erwiesen haben, stellt auch unter diesem Aspekt ALLES NUR THEATER eine kleine Ausnahmeerscheinung dar, paßt in diese Kathegorien so gar nicht hinein. Ein Ausnahmefilm, auch über die Dreier-Kombination hinaus, ist dieser Film aber ohnehin, keinesfalls im Sinne eines herausragenden Meisterwerks, eher unter dem Aspekt eines leicht zu übersehenden, sympathischen, kurzweilig inszenierten, dabei durch schrägen Humor erheiternden 'Kabinettstückchens', daß wenigstens der Cineast doch gern gesehen haben sollte ... ein etwas 'anderer' Film, der - in der richtigen Stimmung genossen - wirklich Spaß macht.
-- theSilentNoirFreak