Mit Kochbüchern beschenkt zu werden, provoziert jeder, der seinen Mund nicht halten kann und öffentlich bekennt, auch er habe schon eine Büchse geöffnet, Fischstäbchen gewendet oder ein Ei aufgeschlagen. Schade, dass dieser Reflex nicht eintritt, wenn von anderen Überlebensübungen die Rede ist. Immerhin ist das Risiko klein, dass Hobbyköche beim Erhalt dieses Buch nicht die Augen rollen und sich im Geheimen darüber aufregen, dass eine liebevolle Widmung das Weiterverschenken wesentlich erschwert. Denn Tanja Grandits schreibt nicht das Tausendste Pastabuch, sondern überrascht die Kochgemeinde mit der Idee, Vorspeisen, Hauptgerichte und Desserts im Glas zuzubereiten. Kleiner Tipp für Schenkende: Das Budget leicht erhöhen und gleich noch zwei geeignete Gläser miteinpacken. Warum die Autorin über geeignete Gläser kein Wort verliert, verstehe ich nicht. Denn wie mir ein mit dieser Kochkunst vertrauter Freund sagte, macht es mit dem richtigen Equipment mehr Spaß, was mir sofort einleuchtete.
Tanja Grandits fällt also gleich mit der Tür ins Haus, oder themengerechter formuliert mit Suppen. Allerdings haben es die Informationskampagnen der Umweltschützer geschafft, dass ich mich schon beim ersten Menu "Wassermelonen-Rosen-Gazpacho mit Thunfisch-Tataki im Rosa-Pfeffer-Karamell" fragte, ob ich mich an der Ausrottung des Thunfisches weiterhin beteiligen soll. Ohne ein Label-Fundamentalist zu sein, schätze ich inzwischen auch in Kochbüchern Hinweise auf ökologische Verträglichkeiten. Die folgenden 15 Rezepte ließen mich solche Bedenken wieder vergessen, was nicht nur an den Zutaten, sondern auch an den schönen Bildern des Fotodesigners Michael Wissing lag. Ab Seite 46 beginnt die Abteilung "Fisch und Meeresfrüchte im Glas", in der selbst erfahrene und kreative Köche auf Neues stoßen werden. In der Kochkunst weniger bewanderte Leser müssen sich damit abfinden, dass Tanja Grandits Kenntnisse der Grundbegriffe voraussetzt. Wer also bei der Aufforderung zum Ablöschen an seine letzte Feuerwehrübung denkt, wird kaum etwas Erinnerungswertes ins Glas zaubern können. Für alle übrigen Leser reichen die Angaben zur Zubereitung vollkommen aus. Und als geübte Kochkünstler werden sie sich ohne schlechtes Gewissen über einige Mengenangaben hinwegsetzen und ihre persönlichen Vorlieben in die Rezepte einbauen.
Fleisch sei für sie immer das Lebensmittel gewesen, das sich am wenigsten kreativ zubereiten lasse, gesteht die Autorin zu Beginn des entsprechenden Kapitels. Und liest man ihre Rezeptvorschläge, versteht man, warum die bekannte Köchin das Fleisch wieder neu entdeckte, seit sie es in Gläser servieren muss. Um dies nachvollziehen zu können, einige Rezeptüberschriften: Scharf-sauer Spargel-Lammfilet-Salat mit Erdnüssen und Pfefferminze - Rindsfiletcarpaccio mit Haselnüssen, Parmesan-Chips und Rucola - Kalbsfilettatar mit Apfelgelee und Apfel-Sellerie-Salsa - Tafelspitz-Randen-Sülze mit Wasabischaum - Teegeräucherte Entenbrust mit Sellerie-Granatapfel-Taboulé oder Poulet-Piment-Fleischkäse mit Kartoffel-Karamellschalotten-Salat.
Für Vegtarier sind die Seiten 119 bis 154 reserviert. Und wie jeder fleischlos kochende Gourmet weiß, ist bei solchen Gerichten noch mehr Kreativität gefragt, um punkten zu können. Da ich zu den Gästen gehöre, die ihre Bewertung erst nach dem Desserts abgeben, falls sie denn überhaupt gefragt sein sollte, studierte ich die Vorschläge der Autorin besonders genau. Warum sich bei den Nachspeisen auch sehr gute Restaurants im Rahmen der Gauß'schen Normalverteilung bewegen, wird beim Aufwand für einige Köstlichkeiten besser verständlich. Auch wenn Zeitangaben zur Zubereitung fehlen, sieht der Leser schnell ein, dass sich ein "Joghurt-Tymian-Panacotta mit Himbeerespuma und Kräuterhonigsorbet" nicht in einer Viertelstunde ins Glas bringen lässt.
Mein Fazit: Die Idee und einige der vorgestellten Rezepte gaben den Ausschlag für fünf Bewertungssterne. Wer sich für dafür begeistern lässt, seine Gäste mit "Eingemachtem" zu überraschen, wird über ein paar kritischen Bemerkungen hinwegsehen. Denn anregend ist dieses Kochbuch bestimmt.