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Alles klappt nie: Weltraumroman
 
 
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Alles klappt nie: Weltraumroman [Taschenbuch]

Martin Amanshauser
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"'Alles klappt nie' beamt die österreichische Gegenwart ins Jahr 2020 und ist ziemlich lustig... Der wohl bislang zärtlichste Weltraumroman der österreichischen Literaturgeschichte." Klaus Nüchtern, DER FALTER, 09.09.2005 "Gut möglich, dass der Planet Amanshauser mit diesem Buch in eine neue Umlaufbahn eingetreten ist." Sebastian Fasthuber, Album / Der Standard, 17./18.09.2005

Kurzbeschreibung

Wir schreiben das Jahr 2020: Jenny Li, 29, Atomphysikerin und Ex-Model kanadisch-chinesischer Herkunft, kreist seit einem Monat in der "Magna Station" um die Erde. Die Mission dient Werbezwecken: Mit Hilfe eines ausfahrbaren Folienreflektors werden Konzernlogos auf den Nachthimmel über Europa und Nordamerika projiziert. Plötzlich gibt es Alarm: Der ausrangierte sowjetische Satellit "CCCP" hat Kurs auf die Raumstation genommen und droht sie zu zerstören. Eine hinreißende Satire und ein Weltraummärchen voll menschlicher und technischer Unzulänglichkeit.

Über den Autor

Martin Amanshauser wurde 1968 geboren, arbeitet als Autor, Reisejournalist ("Der Standard") und Übersetzer aus dem Portugiesischen. Er lebt in Wien.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1 Viehböck im Fontana Park Der Reißverschluss seines Trainingsanzugs verklemmte sich und riss ein Büschel Brusthaare mit. Viehböck stieß einen Schrei aus. Früher waren solche Missgeschicke nie passiert. Vielleicht wuchsen die Brusthaare ab dem 60. Geburtstag stärker, um die natürliche Einbuße an Manneskraft auszugleichen. Ab sechzig befand man sich auf einer rasanten Talfahrt in Richtung Friedhof. Jugendliche mit Skateboards überließen einem in der Öffentlichkeit den Sitzplatz, die Blutwerte überstiegen die Toleranzgrenzen, das Körpergewebe wurde nachgiebig. Nur der Appetit auf ungesundes Zeug erlahmte nie. Er drückte Ketchup auf den Leberkäse. Die Substanz wurde aus Tomaten erzeugt, sie enthielt das eine oder andere Vitamin. Die Dämmerung fiel rasch über den Fontana Park, die Sonne versank in einer bauschigen Wolkenfront. Über Viehböcks Wangen geisterten die Lichtreflexe des Fernsehgeräts, das ohne Lautstärke lief. Er strich mit dem Finger über den Stoff des Trainingsanzugs, dort, wo er sich die Haare eingeklemmt hatte. Wäre Jenny Li nicht in einer konstanten Entfernung von 376 Kilometern über der Erdoberfläche in der Magna Station gekreist, hätte er beim Essen nie Freizeitkleidung getragen. Außerdem hätte er keinen Leberkäse gegessen, sondern etwas Grünes, was sie auch mochte. Der Trainingsanzug war bequem geschnitten, doch das hellblaue Logo mit der Aufschrift „Magna“ verpatzte alles. Westenthaler hatte ihn eines Tages mit der für ihn typischen Fürsorge vor seine Haustür gelegt, zusammen mit einer dieser originellen Grußkarten, die beim Öffnen eine Melodie abspielten, „Show me the way to the next whisky bar“, eine Anspielung auf Viehböcks Aufenthalt im Sanatorium Kalksburg – der Humor Westenthalers. Am Bildschirm erschien das selbstzufriedene Gesicht von Rogan. Seit Rogan trotz seiner technischen Unwissenheit für die Weltraummission zur Magna Station ausgewählt worden war, brachten die Sender pausenlos Portraits. Rogan als „Goldfisch“ bei den Olympischen Spielen 2008, Rogan am Allgemeinen Krankenhaus in seiner neuen Karriere als Arbeitsmediziner und Internist, Rogan 2014 in der Schwerelosigkeit der privaten „Eternity Station“, der ersten kommerziellen Raumstation der Geschichte, Rogan als Leiter der „Magna Health“: Bilder eines Siegertypen, der seine Glückssträhne eloquent kommentierte und sympathisch relativierte. Und gerade dieser Rogan musste Jenny Li besuchen! Erst als Viehböck sein eigenes Gesicht am Bildschirm auftauchen sah, drückte er den Lautstärkebutton nach rechts. Er war selbstkritisch genug, um die Jämmerlichkeit seiner Auftritte zu analysieren. Sobald eine Kamera in die Nähe kam, schienen sich seine Tränensäcke aufzublasen, das Doppelkinn wurde zu einem Tripel- und Quadrupelkinn, unabhängig davon, wie hoch er den Kopf hielt. Hielt er ihn zu hoch – wie bei dieser Aufnahme – wirkte er arrogant. Die Flecken auf den Wangen und die dunkelrote Nase verrieten den Alkoholiker noch drei Jahre nach dem letzten Tropfen. Zudem war die Haut auf seiner hohen Stirn matt wie die einer Leiche. „Ich denke, die Mission wird ein Quantensprung für die Raumfahrt und für Magna“, hörte Viehböck sein TV-Spiegelbild lügen. „Ich schätze Rogans Arbeit. Und falls Sie die persönliche Seite ansprechen: Er wird Jenny Li meine besten Grüße ausrichten!“ Wie immer im Fernsehen klang sein Lachen metallisch. In den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte Viehböck hohe Beliebtheitswerte erreicht, davon war wenig übrig. Dazwischen lagen Katastrophen, LKW-Ladungen fettigen Fleischs, Seen scharfer Getränke. Viehböck war froh, dass er kaum mehr Lust auf Alkohol verspürte. Die wahren Versuchungen begannen jedoch erst, wenn man überzeugt war, sie hinter sich zu haben. Er schaltete die Tischlampe ein und litt, weil dieser Bürokrat im labbrigen Lacoste-Shirt über dem Insert „Viehböck, Leiter der Magna Space School“, nicht vom Fernseher verschwand. Viele meinten, er habe eine Frau wie Jenny Li nicht verdient, und er selbst war geneigt, sich dieser Auffassung anzuschließen. Was ihn aufbrachte, war, dass jeder Staatsbürger eine Meinung zu seiner Person und zu seinem Privatleben hatte. Die gehässige Öffentlichkeit war ein Grund dafür gewesen, dass er Jenny Li gebeten hatte, ihn zu heiraten. „Wenn mein Shuttle in der Erdatmosphäre verglüht“, meinte Jenny Li in der Hochzeitsnacht, „dann sterbe ich als verheiratete Frau, und alles hat seine Ordnung.“ Manchmal konnte man nicht ernsthaft mit ihr reden. Jenny Li rotierte zur Freude von Werbekunden und TV-Stationen bereits siebenundzwanzig Tage um die Erde. Der Besuch aus Europa sollte weiteres Aufsehen erregen. Es ging um die Promotion für das zukünftige Weltraumhotel. Rogan mit seiner Olympiavergangenheit, Jenny Li mit ihrer Vergangenheit als Model – das war die Rechnung. Vier Monate zuvor hatte eine Umfrage erhoben, welcher Kandidat ins All fliegen sollte. Die Befragten nahmen keine Rücksicht auf Ehestatus oder wissenschaftliche Logik. Es standen zwei Kandidaten zur Verfügung: 6% hatten sich für Viehböck ausgesprochen, 94% für Rogan. Es war klar, dass die 14-jährigen Mädchen, die sich an solchen Sondierungen beteiligten, das faltenlose Gesicht des Goldfischs vorzogen, dem man seine 38 Jahre nicht ansah. Viehböck schmerzte jedoch die Radikalität des Ergebnisses. Er pflichtete Westenthalers Auffassung bei, irgendwelche dubiosen Rogan-Fanclubs würden solche Votings durch digitale Kettentelefonate manipulieren, doch insgeheim mutmaßte er, dass das Ergebnis ein realistisches Stimmungsbild wiedergab. Er hatte längst keinen Fanclub mehr. Seinen historischen Verdienst, als erster seiner Landsleute im Weltraum gewesen zu sein, konnte ihm allerdings keiner nehmen. Er hatte 1991 acht Tage lang die legendäre Raumstation MIR bewohnt, ein schlanker, junger Ingenieur für Elektrotechnik – beinahe drei Jahrzehnte war das her. Fünfzehn Jahre lang war alles perfekt gelaufen. Doch nach der Scheidung von seiner ersten Frau floss ein Strom von Heineken und Vogelbeerschnaps durch seine Kehle. Ziemlich rasch begann das, was man selbst nie für möglich hält: die sogenannte „Wasserrutsche in den Bodensee“, die Karriereleiter nach ganz unten. Viehböck erhob sich, um Leberkäse-Nachschub zu holen. Er stöhnte – an manchen Tagen erschöpfte ihn sogar das Aufstehen. In der utopischen Gesellschaft in einem der Science-Fiction-Hefte, die er neuerdings von Jenny Lis Lesestapel nahm, bekamen die Senioren bei Erlangung des Pensionsalters eine Gnadenspritze verpasst. Durch die saubere Entsorgung lagen sie dem Gesundheitssystem nicht auf der Tasche. Das klang vernünftig. Am TV-Schirm flog die Animation der Magna Station durch schwarzes Nichts. Er war froh, die Raumfahrt wiederzuhaben. Dem Magna-Konzern hatte er sein zweites Leben zu verdanken. Der alte Stronach, schon damals weit über achtzig, war eines Tages in seiner 2-Zimmer-Wohnung in Kagran gestanden und hatte ihn zur Mitarbeit am Spaceprojekt eingeladen, „als führendes Symbol der Nation“. „Jeder kriegt zwei Chancen im Leben“, hatte Stronach gesagt, Viehböck stutzte, denn Stronachs kanadischer Akzent mit steirischer Färbung machte Wörter wie „Chancen“ und „Symbol“ zu Lotterien. Stronach tat, was nötig war, um sein „führendes Symbol“ zum Leben zu erwecken. Er ernannte Viehböck zu seinem persönlichen „Space-Consulter“, beglich die Schulden, verschaffte ihm ein Apartment im Fontana Park, beim Magna-Weltraumbahnhof Oberwaltersdorf, und finanzierte einen ergebnislosen und einen erfolgreichen Kalksburg-Aufenthalt. Viehböck begann mit dem Networking für Magna. Es überraschte ihn, dass seine Kontakte nach Russland, Kasachstan und in die USA noch existierten. In den Jahren seiner Abwesenheit schien sich die Weltraumbranche kaum bewegt zu haben. Die Seilschaften aus dem Kalten Krieg funktionierten wie damals. Viehböck konsolidierte sich. Kein Alkohol, keine Tranquilizer, höchstens zwei oder drei Riesenpizzas. Wirklich aufgeweckt wurde Viehböck jedoch durch Jenny Li. Er hatte die kanadische Atomphysikeri

Auszug aus Alles klappt nie von Martin Amanshauser. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1 Viehböck im Fontana Park

Der Reißverschluss seines Trainingsanzugs verklemmte sich und riss ein Büschel Brusthaare mit. Viehböck stieß einen Schrei aus. Früher waren solche Missgeschicke nie passiert. Vielleicht wuchsen die Brusthaare ab dem 60. Geburtstag stärker, um die natürliche Einbuße an Manneskraft auszugleichen. Ab sechzig befand man sich auf einer rasanten Talfahrt in Richtung Friedhof. Jugendliche mit Skateboards überließen einem in der Öffentlichkeit den Sitzplatz, die Blutwerte überstiegen die Toleranzgrenzen, das Körpergewebe wurde nachgiebig. Nur der Appetit auf ungesundes Zeug erlahmte nie. Er drückte Ketchup auf den Leberkäse. Die Substanz wurde aus Tomaten erzeugt, sie enthielt das eine oder andere Vitamin.

Die Dämmerung fiel rasch über den Fontana Park, die Sonne versank in einer bauschigen Wolkenfront. Über Viehböcks Wangen geisterten die Lichtreflexe des Fernsehgeräts, das ohne Lautstärke lief. Er strich mit dem Finger über den Stoff des Trainingsanzugs, dort, wo er sich die Haare eingeklemmt hatte. Wäre Jenny Li nicht in einer konstanten Entfernung von 376 Kilometern über der Erdoberfläche in der Magna Station gekreist, hätte er beim Essen nie Freizeitkleidung getragen. Außerdem hätte er keinen Leberkäse gegessen, sondern etwas Grünes, was sie auch mochte.

Der Trainingsanzug war bequem geschnitten, doch das hellblaue Logo mit der Aufschrift „Magna“ verpatzte alles. Westenthaler hatte ihn eines Tages mit der für ihn typischen Fürsorge vor seine Haustür gelegt, zusammen mit einer dieser originellen Grußkarten, die beim Öffnen eine Melodie abspielten, „Show me the way to the next whisky bar“, eine Anspielung auf Viehböcks Aufenthalt im Sanatorium Kalksburg – der Humor Westenthalers.

Am Bildschirm erschien das selbstzufriedene Gesicht von Rogan. Seit Rogan trotz seiner technischen Unwissenheit für die Weltraummission zur Magna Station ausgewählt worden war, brachten die Sender pausenlos Portraits. Rogan als „Goldfisch“ bei den Olympischen Spielen 2008, Rogan am Allgemeinen Krankenhaus in seiner neuen Karriere als Arbeitsmediziner und Internist, Rogan 2014 in der Schwerelosigkeit der privaten „Eternity Station“, der ersten kommerziellen Raumstation der Geschichte, Rogan als Leiter der „Magna Health“: Bilder eines Siegertypen, der seine Glückssträhne eloquent kommentierte und sympathisch relativierte. Und gerade dieser Rogan musste Jenny Li besuchen!

Erst als Viehböck sein eigenes Gesicht am Bildschirm auftauchen sah, drückte er den Lautstärkebutton nach rechts. Er war selbstkritisch genug, um die Jämmerlichkeit seiner Auftritte zu analysieren. Sobald eine Kamera in die Nähe kam, schienen sich seine Tränensäcke aufzublasen, das Doppelkinn wurde zu einem Tripel- und Quadrupelkinn, unabhängig davon, wie hoch er den Kopf hielt. Hielt er ihn zu hoch – wie bei dieser Aufnahme – wirkte er arrogant. Die Flecken auf den Wangen und die dunkelrote Nase verrieten den Alkoholiker noch drei Jahre nach dem letzten Tropfen. Zudem war die Haut auf seiner hohen Stirn matt wie die einer Leiche.

„Ich denke, die Mission wird ein Quantensprung für die Raumfahrt und für Magna“, hörte Viehböck sein TV-Spiegelbild lügen. „Ich schätze Rogans Arbeit. Und falls Sie die persönliche Seite ansprechen: Er wird Jenny Li meine besten Grüße ausrichten!“

Wie immer im Fernsehen klang sein Lachen metallisch. In den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte Viehböck hohe Beliebtheitswerte erreicht, davon war wenig übrig. Dazwischen lagen Katastrophen, LKW-Ladungen fettigen Fleischs, Seen scharfer Getränke. Viehböck war froh, dass er kaum mehr Lust auf Alkohol verspürte. Die wahren Versuchungen begannen jedoch erst, wenn man überzeugt war, sie hinter sich zu haben. Er schaltete die Tischlampe ein und litt, weil dieser Bürokrat im labbrigen Lacoste-Shirt über dem Insert „Viehböck, Leiter der Magna Space School“, nicht vom Fernseher verschwand.

Viele meinten, er habe eine Frau wie Jenny Li nicht verdient, und er selbst war geneigt, sich dieser Auffassung anzuschließen. Was ihn aufbrachte, war, dass jeder Staatsbürger eine Meinung zu seiner Person und zu seinem Privatleben hatte. Die gehässige Öffentlichkeit war ein Grund dafür gewesen, dass er Jenny Li gebeten hatte, ihn zu heiraten. „Wenn mein Shuttle in der Erdatmosphäre verglüht“, meinte Jenny Li in der Hochzeitsnacht, „dann sterbe ich als verheiratete Frau, und alles hat seine Ordnung.“ Manchmal konnte man nicht ernsthaft mit ihr reden.

Jenny Li rotierte zur Freude von Werbekunden und TV-Stationen bereits siebenundzwanzig Tage um die Erde. Der Besuch aus Europa sollte weiteres Aufsehen erregen. Es ging um die Promotion für das zukünftige Weltraumhotel. Rogan mit seiner Olympiavergangenheit, Jenny Li mit ihrer Vergangenheit als Model – das war die Rechnung.

Vier Monate zuvor hatte eine Umfrage erhoben, welcher Kandidat ins All fliegen sollte. Die Befragten nahmen keine Rücksicht auf Ehestatus oder wissenschaftliche Logik. Es standen zwei Kandidaten zur Verfügung: 6% hatten sich für Viehböck ausgesprochen, 94% für Rogan. Es war klar, dass die 14-jährigen Mädchen, die sich an solchen Sondierungen beteiligten, das faltenlose Gesicht des Goldfischs vorzogen, dem man seine 38 Jahre nicht ansah. Viehböck schmerzte jedoch die Radikalität des Ergebnisses. Er pflichtete Westenthalers Auffassung bei, irgendwelche dubiosen Rogan-Fanclubs würden solche Votings durch digitale Kettentelefonate manipulieren, doch insgeheim mutmaßte er, dass das Ergebnis ein realistisches Stimmungsbild wiedergab.

Er hatte längst keinen Fanclub mehr. Seinen historischen Verdienst, als erster seiner Landsleute im Weltraum gewesen zu sein, konnte ihm allerdings keiner nehmen. Er hatte 1991 acht Tage lang die legendäre Raumstation MIR bewohnt, ein schlanker, junger Ingenieur für Elektrotechnik – beinahe drei Jahrzehnte war das her. Fünfzehn Jahre lang war alles perfekt gelaufen. Doch nach der Scheidung von seiner ersten Frau floss ein Strom von Heineken und Vogelbeerschnaps durch seine Kehle. Ziemlich rasch begann das, was man selbst nie für möglich hält: die sogenannte „Wasserrutsche in den Bodensee“, die Karriereleiter nach ganz unten.

Viehböck erhob sich, um Leberkäse-Nachschub zu holen. Er stöhnte – an manchen Tagen erschöpfte ihn sogar das Aufstehen. In der utopischen Gesellschaft in einem der Science-Fiction-Hefte, die er neuerdings von Jenny Lis Lesestapel nahm, bekamen die Senioren bei Erlangung des Pensionsalters eine Gnadenspritze verpasst. Durch die saubere Entsorgung lagen sie dem Gesundheitssystem nicht auf der Tasche. Das klang vernünftig.

Am TV-Schirm flog die Animation der Magna Station durch schwarzes Nichts. Er war froh, die Raumfahrt wiederzuhaben. Dem Magna-Konzern hatte er sein zweites Leben zu verdanken. Der alte Stronach, schon damals weit über achtzig, war eines Tages in seiner 2-Zimmer-Wohnung in Kagran gestanden und hatte ihn zur Mitarbeit am Spaceprojekt eingeladen, „als führendes Symbol der Nation“.

„Jeder kriegt zwei Chancen im Leben“, hatte Stronach gesagt, Viehböck stutzte, denn Stronachs kanadischer Akzent mit steirischer Färbung machte Wörter wie „Chancen“ und „Symbol“ zu Lotterien.

Stronach tat, was nötig war, um sein „führendes Symbol“ zum Leben zu erwecken. Er ernannte Viehböck zu seinem persönlichen „Space-Consulter“, beglich die Schulden, verschaffte ihm ein Apartment im Fontana Park, beim Magna-Weltraumbahnhof Oberwaltersdorf, und finanzierte einen ergebnislosen und einen erfolgreichen Kalksburg-Aufenthalt.

Viehböck begann mit dem Networking für Magna. Es überraschte ihn, dass seine Kontakte nach Russland, Kasachstan und in die USA noch existierten. In den Jahren seiner Abwesenheit schien sich die Weltraumbranche kaum bewegt zu haben. Die Seilschaften aus dem Kalten Krieg funktionierten wie damals.

Viehböck konsolidierte sich. Kein Alkohol, keine Tranquilizer, höchstens zwei oder drei Riesenpizzas. Wirklich aufgeweckt wurde Viehböck jedoch durch Jenny Li. Er hatte die kanadische Atomphysikerin auf einem Fest im Golfclub Fontana von Oberwaltersdorf kennen gelernt, vier Stunden hatten sie an diesem ersten Tag miteinander gesprochen! Zu seiner Überraschung glückte ihm in ihrer Gegenwart alles. Er war wie früher, nicht mehr fett und verlebt, sondern voller Energie. Der Altersunterschied erschien nur den anderen seltsam. Als sie ein Paar geworden waren, hatte er beschlossen, möglichst wenig über dieses Wunder nachzudenken, um es nicht zu gefährden.

Seit jenem Abend im Fontana Club verzichtete er auf Fleisch und Ketchup, zumindest, solange Jenny Li sich in seiner Nähe befand. Inzwischen hatte er fünfzehn Kilo abgenommen. Manchmal fehlte ihm die Substanz der letzten Jahre, denn Abnehmen laugte aus. Zur Zeit sah Viehböck keinen Grund für Entsagung, er fühlte sich hungrig – und nervös. Jenny Li kreiste in der Magna Station um die Erde, Rogan sollte sie in zwölf Tagen besuchen. Geplant waren acht Tage Aufenthalt zu zweit, vor der gemeinsamen Rückkehr zur Erde. Jenny Li bezeichnete den Goldfisch zwar als „unreif“ und „verzogen“, aber das war die Art, wie junge Frauen zu älteren Männern über jüngere Männer redeten.

Viehböck vermied Gespräche über Rogan. Wer Befürchtungen aussprach, den holten sie allzu schnell ein. Es hatte Verdachtsmomente gegeben. Solange er sich nicht damit beschäftigte, existierten sie nicht. Trotzdem flog der Falsche in den Himmel. Jenny Li würde sich in der Intimität der Raumstation der gewinnenden Art des Goldfischs nicht entziehen können. Das gemeinsame Betrachten des Heimatplaneten aus einer Außenposition erzeugte unweigerlich ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Es kränkte Viehböck, dass er nicht fliegen durfte. Expertentum, Erfahrung und wissenschaftliches Verständnis, das alles galt weniger als je zuvor. Es blieb ein Faktum, dass in einem Apparat wie der Magna Station kaum Forschung betrieben wurde. Sie hatten ein wissenschaftliches Budget und Testreihen, doch der Flug war ein Werbeprodukt und diente Konzerninteressen. Magna, einst nur Lieferant von Automodulen, positionierte sich in der boomenden Branche der nichtstaatlichen Raumfahrtsunternehmen. In zwei Jahren, 2022, sollte auf der Raumstation ein Space Hotel eröffnen.

Im Orbit herrschten die Gesetze der Marktwirtschaft: Flugtickets gab es während der Probe- und Werbephase nur für junge, dynamische Mitarbeiter. Viehböck hatte mit Bitterkeit verzeichnet, wie der Goldfisch von der sogenannten „Öffentlichkeit“, in Wahrheit aber durch schiere Medienmacht, ins Cockpit reklamiert worden war. Die Leute glaubten heutzutage, dass man mit 60 am Ende war, wenn nicht schon mit 55. Zum Glück dachte Jenny Li anders. Sie begehrte, wie sie sagte, keine Männer, die nur zehn Jahre älter waren als sie selbst.

Er durfte gar nicht daran denken. Eifersuchtgefühle waren mit dem Blutdruck gekoppelt, und eine Blutdruckkrise wäre fatal. Rogan stand für das Leben, das Jenny Li außerhalb seines Bereichs führte, und das er ihr zugestehen musste.

Leider gab es noch diesen chinesischen Unvater, an den er ebenfalls nicht denken durfte. Es hätte eine stärkere Disziplin als die Psychoanalyse gebraucht, um Jenny Lis „hervorragendes“ Vaterverhältnis aufzulösen.

Dieser bauernschlaue Chinese tat so, als führte er einen Zirkus und ein paar Restaurants, war aber in Wirklichkeit Boss eines Kultur- und Gastro-Imperiums, betrieb Menschenhandel und ging beinhart gegen Mitbewerber vor. In den kanadischen Boulevardmedien spielte Li Chang Li den Salonclown – alle liebten ihn – und mit Jenny Li war er untrennbar verbunden. Sie bekam diese hilflose Stimme, wenn sie mit ihm telefonierte. Ihr Tonfall erinnerte ihn an ein armseliges, sich ständig erneuerndes Friedensangebot.

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